Hector Berlioz (1803-1869)
der verkannte Nachfolger Beethovens
"Ganz entschieden könnte
meine Musiklaufbahn noch bezaubernd werden, wenn ich nur noch hundertvierzig
Jahre lebte."
Thesen
Berlioz - Franzose, Weltenbummler
oder Europäer?
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Berlioz blieb Zeit seines Lebens unverstanden. Sein
wandernder, zum Teil extravaganter Lebensstil und die damit verknüpften
Kompositionen blieben den Franzosen unverständlich, wurden von den
anderen europäischen Nationen bewundernd vereinnahmt, aber verstanden
haben ihn die Deutschen, Österreicher, Böhmen, Ungarn, Engländer,
Russen und anderen nationaldenkenden Anhänger nicht.
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Berlioz aus deutschsprachiger Sicht als den "größten,
wenn auch keineswegs geliebtesten Repräsentanten der französischen
Musik" (Kühner, 1952, S. 13) zu bezeichnen, hat einen Haken. Berlioz
verstand sich primär nicht als Franzose, sondern als Europäer
und wollte gerade nationale Grenzen in der Musik endgültig in der
Nachfolge Beethovens überschreiten und litt geradezu unter der wiederaufkeimenden
Nationalstaaterei in der Musik. Und er litt ebenso unter der Bewunderung,
die ihm entgegengebracht wurde, weil er angeblich so deutsch, englisch,
russisch oder sonst wie komponiere. Er wollte lediglich europäische
Musik schaffen und wurde zum mißverstandenen Weltenbummler, nur als
Europäer wollte ihn anscheinend niemand Ernst nehmen. Lediglich der
Vergleich mit Michelangelo (Kühner, 1952, S. 14) trifft.
Berlioz als demütiger Bewunderer
von Gluck und Beethoven und als fairer Kritiker
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"So hat Berlioz sich Geister höchsten menschlichen
und künsterlischen Ranges zu Freunden zu machen gewußt, wo Wagner
nur bedingungslose Anbeter um sich duldete." (Kühner, 1952, S. 219)
Hector Berlioz und seine Religiösität
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Ähnlich wie beim Soziologen Max Weber auf protestantischer
Seite wird Hector Berlioz´ Bekenntnis, ein Agnostiker zu sein, als
genereller Widerspruch zu seiner Religiösität und insbesondere
zu seiner Katholizität gesehen. Dies trifft nicht zu. Ein Agnostiker
kann sehr wohl religiös und auch katholisch sein. Agnostizismus ist
im Unterschied zum Atheismus eine eigenständige spirituelle Lebenshaltung
und kein Unglaube. Forschungspositionen, die seinen Agnostizismus mit praktischem
Atheismus gleichsetzen, geraten mit seinen religiösen Äußerungen,
Praktiken und auch Werken in Widerspruch.
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Hector Berlioz war weitaus katholischer als bisher
angenommen wird und dies trotz seines schwierigen Privatlebens mit seinen
beiden Frauen Harriet Smithson und Marie Recio und seiner großen
Liebe zu unerreichbaren "Dritten".
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Hector Berlioz religiöse Werke bedürfen
einer inhaltlichen Auslegung und Zusammenschau, die bisher bei weitem noch
nicht geleistet ist. Beginnend mit der Messe solennelle und anderen kleineren
frühen religiösen Werken bis hin zu seiner religiösen Monumentalkunst
im Requiem und im Te deum. Die religiöse Tiefe dieser Werke ist enorm.
Berlioz unterscheidet - wie er selbst vorgibt - tatsächlich noch zwischen
religiöser Musik und dramatisch-komischer Musik und gibt nicht beides
der Lächerlichkeit preis (so sein Vorwurf an Wagner u.a.).
Hector Berlioz als "europäischer
Beethoven-Faust"
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Der Disput zwischen Wagner und Berlioz beruht auf
unterschiedlichen Vorstellungen von Nation und Kultur. Wagner war ein Deutsch-Nationaler,
Berlioz ein Europäer. Berlioz verstand sich als ein kulturschaffender
Faust innerhalb Europas, was den deutschnationalen Faust-Interpreten und
-Musikern unverständlich blieb, die Goethes Faust gerade deshalb um
diese europäische Dimension amputierten. Berlioz ist der ureigene
Nachfolger von Beethoven, dessen "Freude schöner Götterfunken"
zu Recht die europäische Hymne bildet. Bei aller Verehrung für
Napoleon und den Empereur und seiner Verachtung der Republik, beide Haltungen
wurzeln in seinem Verständnis von europäischer (Musik-)Kultur.
Dies konnten weder Klassizisten wie Mendelssohn-Bartholdy, noch "Zukunftsmusiker"
wie Wagner nachvollziehen, geschweige denn Kleingeister wie Cherubini und
andere. Am ehesten konnten es seine Weggefährten Liszt und Schumann
begreifen, doch auch sie konnten ihm nicht ganz folgen, der eine wegen
seiner "Fortschrittlichkeit", der andere wegen seiner Neigung zum "Traditionalismus".
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Berlioz hatte in Paris keinen Erfolg, weil er zu
"unfranzösisch" war, auf seinen Reisen durch Europa wurde er verstanden,
ob in London, Weimar, Wien oder St. Petersburg, weil er "Europäer"
war. Er hätte aber auch nirgends heimisch werden können, er war
ein "Staatenloser", ohne aber in einen seichten, weltenbummelnden Kosmopolitismus
abzugleiten.
Hector Berlioz in Deutschland
und Europa heute
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Hector Berlioz hatte in Deutschland mit seine größten
Erfolge beim einfachen und adeligen Musik-Publikum und in einem bestimmten
Kreis von Musikern und Komponisten. Doch wer sind seine Nachfolger und
wo steht seine Rezeption als "europäischer Beethoven-Faust".
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Liszt und Schumann hatten bei allem Verständnis
für Berlioz´ Musik, vor allem auch den Sinn für Programmmusik,
Symphonik, Orchestrierung und Monumentalmusik, nicht die Möglichkeiten,
seine Musik wirklich weiterzuentwickeln. Berlioz distanziert sich noch
zu Lebzeiten von Liszt. Der Liszt-Schüler und Berlioz-Anhänger
Peter Cornelius (1824-1874) und andere Vertreter der neudeutschen Schule
(u.a. H. von Bülow, J. Raff) hatte nicht das notwendige Genie, zumal
sie sich alle zu sehr auf Wagner einließen. Immerhin hatten sie das
Musikdrama und die sinfonische Dichtung wegen ihrer engen Verbindung von
Poesie und Musik als "fortschrittlich" erkannt, während sie die Wiener
Klassik ablehnten. In wem also lebt Berlioz weiter?
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Um dies herauszufinden, müssen wir zunächst
weiter zurückgehen, zu den musikalischen Leitbildern von Berlioz und
fragen, wo diese heute fortleben; wer sie richtig interpretiert hat; und
was Berlioz selbst unter "fortschrittlicher Musik" verstand bzw. wogegen
er sich wandte. Die zwei größten, weil vor allem prägenden
Vorbilder waren Christoph Willibald Ritter von Gluck (1714-1787) und Ludwig
van Beethoven (1770-1827). In Deutschland viel die Gluck- und Beethoven-Nachfolge
in zwei konkurrierende Schulen auseinander, in die neudeutsche im Anschluß
an Wagner und in die konservative im Anschluß an Johannes Brahms.
Diese Zweiteilung setzt aber voraus, daß beide Schulen wirklich diese
Einheitlichkeit darstellen. Denn Berlioz hat sich genauso deutlich gegen
Wagner und immer mehr auch gegen Liszt und dessen Schüler abgegrenzt,
wie er es gegenüber dem konservativen "Wiener" Klassizisten Mendelssohn-Bartholdy
getan hat. Wo stehen also Brahms und Schumann wirklich und wer kann sich
auf Beethoven berufen? Schumann und Brahms gehören einerseits eng
zusammen und sind beide eng mit Mendelssohn-Bartholdy befreundet. Schumann
schreibt einen enthusiastischen Artikel über Johannes Brahms (1833-1897).
Brahms galt den "Neudeutschen" als akademisch, formalistisch und traditionalistisch,
während Brahms seinerseits tatsächlich die "Ausdrucksmusik" der
Opern und sinfonischen Dichtungen und damit auch Berlioz gegenparteilich
ablehnte. Geht Schumann aber wirklich mit Brahms und Mendelssohn-Bartholdy
in der Beurteilung der "Ausdrucksmusik" konform oder hat er ein anderes
sinfonisches Verständnis? Geprägt von Schubert und Beethoven
steht er im Zentrum der deutschen Hochromantik. Er setzt sich in der Sinfonie
kritisch mit beiden auseinander, folgt ihnen aber durchaus im Sinne von
Berlioz. Schumann schätzte durchaus auch die Vertreter der neudeutschen
Schule, vor allem Liszt, der ohnehin einer der gemäßigteren
und offeneren Vertreter war. Schumann scheint also offener gewesen zu sein
als Mendelssohn-Bartholdy und Brahms. Schumann äußert sich von
den Klassizisten schließlich am Positivisten über Berlioz. Warum
wohl? Und wie geht es weiter: Mit Bruckner. Bruckner (1824-1896) war von
Beethoven, Wagner und Schubert beeinflußt. Seine drei großen
Messen sind Bekenntniswerke in der Nachfolge Beethovens `Missa solemnis";
im `Te Deum´ erreicht Bruckner höchste Steigerung mit elementaren
musikalischen Mitteln. Wegen seiner Verehrung für Wagner, dem er seine
3. Sinfonie widmete und für den er in der Trauermusik der 7. Sinfonie
Wagners Tod betrauerte, wurde Bruckner in den Streit der Parteien der "Traditionalisten"
und der "Neudeutschen" gezogen, was sein Verhältnis zu Brahms stark
belastete, obwohl sich beide jeder Polemik enthielten. Wie weit ging aber
die Verehrung Bruckners für Wagner, oder finden wir nicht auch bei
ihm die Berlioz´ sche Kritik an Wagner? Viele offene Fragen: Kannte
der Sinfoniker Bruckner Berlioz und wie stand er zu Schumann im Unterschied
zu Liszt und zu Wagner einerseits und Brahms andererseits?
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Es fehlt ein weitgehender musikgeschichtlicher Vergleich
von Messen, Requien und "Te Deum"-Vertonungen, von Programm-Sinfonien und
Dramatischen Szenen bzw. Opern von Gluck, Beethoven, Berlioz, Wagner, Liszt,
Schumann, Brahms und schließlich Bruckner.
Hector Berlioz - der vermeintliche
"Romantiker", echte "Klassiker" und einzige "Europäer" seiner Zeit
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Meine Vermutung ist, dass Berlioz in Abgrenzung zu
Wagner bzw. den "Neudeutschen" (Liszt und Nachfolger) einerseits und zu
den "Wiener Klassikern" andererseits in der Spannung der gemäßigteren
Anhänger dieser beiden Richtungen nämlich Anton Bruckner (bzw.
mit Einschränkungen vorher noch Liszt) einerseits und Robert Schumann
andererseits weiterlebt.
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Er selbst ist dabei nie "Romantiker", nicht einmal
ein "junger Romantiker" im deuschen Sinne gewesen, auch wenn ihm dies oft
unterschoben wurde, eher schon "Klassiker" im eigentlichen, "echten" Sinn.
Wenn Nikolas Kerkenrath, die "französische Romantik" dadurch definiert,
sie sei literarisch "ohne deutsches Zutun nicht denkbar, ob das nun Heine,
Hölderlin oder Goethe ist. Wenn man jetzt noch die Romantik dazu nimmt,
die durch Shakespeare verursacht wurde, dann kommt eine wunderbare europäische
Mischung zustande, aus der ein Berlioz entstehen konnte: Vergil, Shakespeare,
Goethe, Gluck, Beethoven, Weber, seine wichtigsten Einflüsse – alles
keine Franzosen. Er ist für mich bei allem Verwurzeltsein mit seiner
Heimaterde kein französisches Phänomen", versteht man gerade
den Unterschied zwischen "französicher" und "deutscher" Romantik.
Französische Romantik ist eigentlich "europäische Romantik",
zu der problemlos Autoren und Komponisten aus der Vergangenheit und aus
ganz Europa hinzutreten können. Aber auch der Begriff "europäische
Romantik" greift bei Berlioz nicht mehr, nachdem sie gängig von E.T.A.
Hoffmann bis Richard Wagner reicht, typische Vertreter der "deutschen Romantik"
und des "deutschen Nationalismus" in der Musik.
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In jedem Fall aber war Berlioz der einzig wirklich
"europäische Komponist" seiner Zeit, nicht einmal andere "französische
Romantiker" schaffen dies, weder Gounod noch Bizet. Während alle anderen
entweder in bloßen Folklorismus oder in Nationalismus abglitten,
vertrat er echte "Einheit in Vielfalt" und "Vielfalt in Einheit", bereits
ein "Europa in Regionen" und "Regionen in Europa" - geradezu in prophetischer
Manier und in der Nachfolge der heutigen Europa-Hymne, Beethovens "Freude
schöner Götterfunken".
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Er war in gewissem Sinn bereits ein "Klassiker der
Moderne" wie Bartók, Strawinsky, Richard Strauß oder Paul
Hindemith, genauso gut aber auch ein "Moderner der Klassik".
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Die Frage bleibt nun, wer im 20. Jahrhundert diese
Spannung weitergeführt vielleicht sogar im Sinne von Hector Berlioz´
"europäischer Musik" versöhnt hat.
Literatur zur sog. "europäischen Romantik"
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Strich, Fritz: Die Romantik als europäische
Bewegung. München, 1924
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Heiss, Hanns: Romanische und europäische Romantik.
Marburg, 1934
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Schenk, Hans Georg: Die Kulturkritik der europäischen
Romantik. Wiesbaden, 1956
-
Schenk, Hans Georg: Geist der europäischen Romantik.
Frankfurt, 1970
-
Behler, Ernst: Die europäische Romantik. Frankfurt
am Main, 1972
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Hoffmeister, Gerhart: Deutsche und europäische
Romantik. Stuttgart, 1978; 1990
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Philipp Otto Runge im Umkreis der deutschen und europäischen
Romantik. Urheber: Greifswalder Romantik-Konferenz <2, 1977, Lauterbach,
Putbus>*. Greifswalder Romantik-Konferenz <2, 1977>. Greifswald, 1979
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See, Klaus von: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft.
14. Europäische Romantik ; 1. Frankfurt am Main [u.a.], 1982; 15.
Europäische Romantik ; 2. Frankfurt am Main [u.a.], 1982; 16. Europäische
Romantik ; 3: Restauration und Revolution. Frankfurt am Main [u.a.], 1985
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Hoffmeister, Gerhart: Goethe und die europäische
Romantik. München, 1984
-
Erdödy-Csorba, Csilla: Europäische Romantik
und nationale Identität. Baden-Baden, 1999
-
Graevenitz, Gerhart von: Die Stadt in der europäischen
Romantik. Würzburg, 2000
-
Oesterle, Günter: Erinnern und Vergessen in
der europäischen Romantik. Würzburg, 2001
-
Schoening, Udo: Madame de Staël und die Internationalität
der europäischen Romantik. Göttingen, 2003
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Dahlhaus, Carl: Europäische Romantik in der
Musik. Stuttgart [u.a.] o.J. 2003
Helmut Zenz - 2003