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Thesen und Zitate
I. HANNAH ARENDT: WAS IST POLITIK?
Lit: Arendt, Hannah: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass,
hrsg. von Ursula Ludz, München/Zürich 1993
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a) Die Haupt-Thesen Hannah Arendts
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1. "Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen."
(S. 9)
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2. "Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinandersein der VERSCHIEDENEN."
(S. 9)
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3. "Der Ruin der Politik entsteht aus der Entwicklung politischer
Körper aus der Familie, da in ihr die ursprüngliche Verschiedenheit
ebenso wie die essentielle Gleichheit aller Menschen ausgelöscht ist."
(S. 10)
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4. "DER Mensch, wie ihn Philosophie und Theologie kennen, existiert
- oder wird realisiert - in der Politik nur in den gleichen Rechten, die
die Verschiedensten sich garantieren." (S. 11)
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5. "Politik entsteht in dem ZWISCHEN-DEN-MENSCHEN, also durchaus
AUSSERHALB DES Menschen, sie entsteht im Zwischen und etabliert sich als
der Bezug, nicht als eigentlich politische Substanz." (S. 11)
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6. "Politik organisiert die absolut Verschiedenen im Hinblick auf
RELATIVE Gleichheit und im Unterschied zu RELATIV Verschiedenen." (S. 12)
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7. "Wenn man in unserer Zeit über Politik reden will, so muß
man mit den Vorurteilen beginnen, die wir alle, wenn wir nicht gerade Berufspolitiker
sind, gegen Politik hegen." (S. 13)
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8. "Diese Vorurteile, die uns allen gemeinsam sind, stellen selbst etwas
Politisches im weitesten Sinn des Wortes dar ..." (S. 13)
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9. "Politik hat es ... auch immer und überall mit der Aufhellung und
Zerstreuung von Vorurteilen zu tun, was aber nicht besagt, dass es
in ihr überhaupt um eine Erziehung zur Vorurteilslosigkeit ging, noch
dass diejenigen, die sich um eine solche Aufklärung bemühen,
selber von Vorurteilen frei wären." (S. 15)
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10. "Auf die Frage nach dem Sinn von Politik gibt es eine so einfache
und in sich so schlüssige Antwort, dass man meinen möchte, weitere
Antworten erübrigten sich ganz und gar. Die Antwort lautet: Der Sinn
von Politik ist Freiheit." (S. 28)
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11. "Unsere heutige Frage entsteht aus sehr realen Erfahrungen, die
wir mit Politik gemacht haben; sie entzündet sich an dem Unheil, das
Politik bereits in unserem Jahrhundert angerichtet hat, und dem größeren,
das aus ihr zu erwachsen droht." (S. 28)
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12. "Als solches hat das Politische so wenig immer und überall existiert,
dass historisch gesprochen nur wenige große Epochen es gekannt und
verwirklicht haben. Diese wenigen großen Glücksfälle der
Geschichte aber sind entscheidend; nur in ihnen tritt der Sinn von Politik,
und zwar sowohl das Heil wie das Unheil des Politischen voll in Erscheinung."
(S. 41/42)
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13. Alle ideologischen politischen Bewegungen haben "die Vorstellung, dass
die Freiheit der Menschen der historischen Entwicklung geopfert werden
müsse, deren Prozeß von Menschen nur gehindert werden kann,
wenn sie in Freiheit handeln und sich bewegen. ... In all diesen Fällen
tritt an die Stelle eines wie immer gearteten Begriffes von Politik der
moderne Geschichtsbegriff; politische Ereignisse und politisches Handeln
werden in geschichtliches Geschehen aufgelöst, und Geschichte wird
im wörtlichsten Sinne als ein Geschichtsfluß verstanden." (S.
42/43)
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14. "Für uns ist hier nur entscheidend, dass wir Freiheit selbst als
etwas Politisches verstehen und nicht als den vielleicht höchsten
Zweck politischer Mittel, und dass wir einsehen, dass Zwang und Gewalt
zwar immer Mittel waren, um den politischen Raum zu schützen oder
zu gründen oder zu erweitern, aber als solche gerade selbst nicht
politisch sind. Sie sind die zum Phänomen des Politischen gehörigen
Randphänomene und darum gerade nicht es selbst." (S. 53)
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15. "Die Vorstellung, dass es Politik immer und überall gäbe,
wo es Menschen gibt, ist selbst ein Vorurteil, und das sozialistische Ideal
von einem staatslosen, und das heißt bei Marx politiklosen, Endzustand
der Menschheit ist keineswegs utopisch, es ist nur grauenhaft." (S. 79)
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16. "Im Mittelpunkt aller Politik steht die Sorge um die WELT ...
Politik bezweckt Änderung oder Erhaltung oder Gründung von Welt.
... Die Weltentfremdung der Neuzeit ist eingedrungen in die Politik mit
Marx, der von der Selbstentfremdung des Menschen spricht. Entscheidend
ist, dass Marx die Welt nur verändern wollte, um den Menschen zu erlösen,
und zwar von der Welt." (S. 192)
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b) Der rekonstruierte Begriff des Politischen
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Unter Politik versteht Hannah Arendt: das existentiell freiheitsverwirklichende
(10-15) und sich dabei um die Welt sorgende (16), reflektiv urteilende
(7-9) Zusammen- und Miteinander-Handeln von ursprüngliche gleich(artig)en
und zugleich absolut verschiedenen Menschen (1-6).
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vgl. dazu Vollrath, a.a.O., S. 21: "Der enthusiastische Begriff des Politischen
... besagt recht eigentlich, dass das Politische, die politische Art der
Verbandsbildung, das Einzige ist, was Menschen zu einem Gemeinsamen zusammenbringen
kann, ohne dass sie dabei ihre Unterschiedlichkeit, die ihr Personsein
ausmacht, aufzugeben hätten. Sie konstituieren das Politische als
jenes Gemeinsame einer Welt zwischen sich als dasjenige, woran sie Anteil
haben durch den Beitrag, den sie in ihrer Unterschiedenheit dazu leisten."
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c) Mögliche Vorwürfe an Hannah Arendt
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enthusiastisch? existentialistisch? apolitisch? (Freiheit als Sinn der
Politik? Republikgründung als spontaner Akt des gemeinsamen Handelns?
Radikale Authentizität der politischen Freiheit?)
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idealistisch? un-realistisch? utopisch? (unter den Bedingungen des gegenwärtigen
Zeitalters ohne Aussicht auf Realisierung?)
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normativ? moralisierend? (kognitiv unzuverlässige und daher überholungsbedürfte
Variante `der ehrwürdigen Figur des Vertrages´)
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romantisch? (Versuch einer Wiederbelebung der antiken Polis?)
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Bei genauerer Betrachtung treffen alle diese Vorwürfe nicht oder nur
zum Teil zu. Näheres dazu später.
II. HANNAH ARENDT: VORURTEIL UND URTEIL
In Fragmenten zu ihrer nie erschienenen "Einführung in die Politik",
also einem politischem "Lehr"werk, schreibt Hannah Arendt vom "Vorurteil
gegen Politik und was Politik in der Tat heute ist" bzw. vom "Vorurteil
und Urteil", bevor sie schließlich die Frage aufwirft "Hat Politik
überhaupt noch einen Sinn?" und diesen schließlich herauszuarbeiten
versucht. Lassen wir Hannah Arendt in einer längeren Passage aus ihren
erst seit 1993 zugänglichen Texten zur "Einführung in die Politik"
selbst zu Wort kommen:
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"Wenn man in unserer Zeit über Politik reden will, so muß man
mit den Vorurteilen beginnen, die wir alle, wenn wir nicht gerade Berufspolitiker
sind, gegen Politik hegen. Diese Vorurteile, die uns allen gemeinsam sind
(die wir miteinander teilen, die uns selbstverständlich sind, die
wir einander im Gespräch zuwerfen können, ohne uns erst umständlich
über sie erklären zu müssen), stellen selbst etwas Politisches
im weitesten Sinn des Wortes dar (- nämlich etwas, was einen integralen
Bestandteil der menschlichen Angelegenheiten bildet, in deren Raum wir
uns tagtäglich bewegen): Sie entspringen nicht dem Hochmut der Gebildeten
und sind nicht dem Zynismus derer geschuldet, die zuviel erlebt und zuwenig
verstanden haben. Wir können sie nicht ignorieren, weil sie sich in
uns selbst zu Worte melden, und wir können sie nicht mit Argumenten
beschwichtigen, weil sie sich auf unleugbare Realitäten berufen können
und die wirklich bestehende gegenwärtige Situation getreulich widerspiegeln,
und zwar gerade in ihren politischen Aspekten. (Dass Vorurteile eine so
außerordentlich große Rolle im alltäglichen Leben und
damit in der Politik spielen, braucht man an sich nicht zu beklagen, und
man sollte auf keinen Fall versuchen, es zu ändern. Denn ohne Vorurteile
kann kein Mensch leben, und zwar nicht nur, weil keines Menschen Klugheit
oder Einsicht dazu ausreichen würde, all das neu zu beurteilen, worüber
ihm ein Urteil im Laufe seines Lebens abverlangt wird, sondern weil eine
solche Vorurteilslosigkeit eine übermenschliche Wachheit erfordern
würde.) Dennoch sind diese Vorurteile keine Urteile. (Offenbar hat
diese Berechtigung des Vorurteils als Maßstab des Urteilens innerhalb
des alltäglichen Lebens ihre Grenzen.) Sie zeigen an, dass wir in
eine Situation geraten sind, in der wir uns gerade politisch nicht oder
noch nicht zu bewegen verstehen. Die Gefahr ist, dass das Politische überhaupt
aus der Welt verschwindet. Aber die Vorurteile greifen vor; sie schütten
das Kind mit dem Bade aus, verwechseln das, was der Politik ein Ende machen
würde, mit Politik und stellen das, was eine Katastrophe wäre,
hin, als wäre es in der Natur der Sache gelegen und daher unabwendbar.
(Einer der Gründe für die Wirksamkeit und Gefährlichkeit
von Vorurteilen liegt darin, dass sich in ihnen immer ein Stück Vergangenheit
verbirgt. Bei näherem Zusehen ist ferner ein echtes Vorurteil daran
zu erkennen, dass sich in ihm ein einmal gefälltes Urteil verbirgt,
das ursprünglich einen ihm angemessenen legitimen Erfahrungsgrund
hatte und zum Vorurteil nur wurde, weil es unbesehen und unrevidiert durch
die Zeiten geschleppt wurde. ... Will man Vorurteile zerstreuen, so muß
man immer das in ihnen enthaltene vergangene Urteilen erst einmal wieder
entdecken, also eigentlich ihren Wahrheitsgehalt aufzeigen. Geht man an
diesem vorbei, so können ganze Bataillone von aufklärenden Rednern
und ganze Bibliotheken von Broschüren nichts erreichen, wie die schier
unendlichen und unendlich fruchtlosen Bemühungen hinsichtlich solcher
mit Vorurteilen ältester Art überladener Probleme wie des Negerproblems
in den Vereinigten Staaten oder des Judenproblems deutlich zeigen. ...
Das Wort Urteilen hat in unserem Sprachgebrauch zwei durchaus voneinander
zu scheidende Bedeutungen, die uns doch, wenn wir sprechen, immer durcheinandergehen.
Es meint einmal das ordnende Subsumieren des Einzelnen und Partikularen
unter etwas Allgemeines und Universales, das regelnde Messen mit Maßstäben,
an denen sich das Konkrete auszuweisen hat und an denen über es entschieden
wird. In allem solchen Urteilen steckt ein Vor-Urteil; beurteilt wird nur
das Einzelne, aber weder der Maßstab selbst noch seine Angemessenheit
für das zu Messende. Auch über den Maßstab ist einmal urteilend
entschieden worden, aber nun ist dies Urteil übernommen und gleichsam
zu einem Mittel geworden, weiter urteilen zu können. Urteilen kann
aber auch etwas ganz anderes meinen, und zwar immer dann, wenn wir mit
etwas konfrontiert werden, was wir noch nie gesehen haben und wofür
uns keinerlei Maßstäbe zur Verfügung stehen. Dies Urteilen,
das maßstablos ist, kann sich auf nichts berufen als die Evidenz
des Geurteilten selbst, und es hat keine anderen Voraussetzungen als die
menschliche Fähigkeit der Urteilskraft, die mit der Fähigkeit
zu unterscheiden sehr viel mehr zu tun hat als mit der Fähigkeit zu
ordnen und zu subsumieren. ... In jeder historischen Krise geraten erst
einmal die Vorurteile ins Wanken, es ist auf sie kein Verlass mehr, und
gerade weil sie, in der Unverbindlichkeit des `man sagt´, `man meint´,
in dem begrenzten Raum, wo sie berechtigt sind und gebraucht werden, nicht
mehr auf Anerkennung rechnen können, verfestigen sie sich leicht zu
etwas, was sie von Haus aus ganz und gar nicht sind, nämlich zu jenen
Pseudotheorien, die als geschlossene Weltanschauungen oder alles erklärende
Ideologien die gesamte geschichtliche und politische Wirklichkeit zu begreifen
vorgeben. Wenn es die Funktion des Vorurteils ist, den urteilenden Menschen
davor zu bewahren, jedem Wirklichen, das ihm begegnet, offen sich exponieren
und denkend gegenübertreten zu müssen, so erfüllen die Weltanschauungen
und Ideologien gerade diese Aufgabe so gut, dass sie vor aller Erfahrung
schützen, da in ihnen ja angeblich alles Wirkliche irgendwie vorgesehen
ist. Gerade diese Universalität, die sie so deutlich von den Vorurteilen
trennt, die immer nur partieller Natur sind, zeigt deutlich an, dass nicht
nur auf die Vorurteile, sondern auf die Maßstäbe des Urteilens
und auf das in ihnen Vor-Geurteilte kein Verlass mehr ist, dass sie buchstäblich
unangemessen sind. Dies Versagen der Maßstäbe in der modernen
Welt - die Unmöglichkeit, das, was geschehen ist und täglich
neu geschieht, nach festen, von allen anerkannten Maßstäben
zu beurteilen, es zu subsumieren als Fälle eines wohlbekannten Allgemeinen,
sowie die mit dieser eng verbundene Schwierigkeit, für das, was geschehen
soll, Prinzipien des Handelns anzugeben - ist oft als ein der Zeit inhärenter
Nihilismus beschrieben worden, als eine Entwertung aller Werte, eine Art
Götterdämmerung und Katastrophe der moralischen Weltordnung.
All solche Interpretationen setzen stillschweigend voraus, dass Menschen
das Urteilen überhaupt nur da zugemutet werden könne, wo sie
Maßstäbe besitzen, dass die Urteilskraft also nicht mehr sei
als die Fähigkeit, das Einzelne richtig und angemessen dem ihm zugehörenden
Allgemeinen, über das man einig ist, zuzuordnen. ... Der Verlust der
Maßstäbe, der in der Tat die moderne Welt in ihrer Faktizität
bestimmt und durch keine Rückkehr zum guten Alten und keine willkürliche
Aufstellung neuer Werte und Maßstäbe rückgängig gemacht
werden kann, ist also eine Katastrophe der moralischen Welt nur, wenn man
annimmt, Menschen wären eigentlich gar nicht in der Lage, Dinge an
sich selbst zu beurteilen, ihre Urteilskraft reiche für ein ursprüngliches
Urteilen nicht aus." (Arendt, Hannah: Was ist Politik? Fragmente aus
dem Nachlass, hrsg. von Ursula Ludz, S. 13-27. Es wurde versucht zwei Fragmente
zusammenzulesen, wobei Fragment A zugrundegelegt, Fragment B in Klammern
eingefügt wurde.)
Das was Hannah Arendt hier am Phänomen "Politik" über die Urteilskraft
des Menschen schreibt, ist durch und durch phänomenologisch. Zunächst
gilt es, die Lebenswelt der Vorurteile ernst zu nehmen, als vor-wissenschaftlichen
Bereich des Meinens gelten zu lassen und ihr einen Wert zuzusprechen. Es
gibt aber Zeiten, Zeiten der Krise, in denen die lebensweltlichen Vorurteile
versagen, weil über die hinter ihnen stehenden Maßstäbe
kein Konsens mehr erzielt werden kann und sie sich deshalb in Weltanschauungen
und Ideologien verwandeln, die nicht mehr entlasten, sondern abhängig
machen und so wie sie zusammenbrechen, auch die Menschen, die an sie geglaubt
haben, in die Tiefe reißen. Dieser Prozeß kann nur dadurch
verhindert werden, wenn frühzeitig ein Vertrauen in die Fähigkeit
der eigenen kritischen Urteilskraft ausgebildet wird, das in Krisensituationen
von Vorurteilen absehen, die grundsätzliche Frage, z.B. "Hat die Politik
noch einen Sinn?" stellen, dabei alles Gemeinte in Frage stellen, so neu
zum Eigentlichen, zum Wesen, zum Sinn - hier der Politik, nämlich
"Der Sinn der Politik ist Freiheit" (Ebd., S. 28) - vorstoßen
und diesen Sinn dann näher entfalten kann.
Auf die politische Bildung gewendet heißt dies nichts anderes,
als den Schülern im politischen Unterricht und den Teilnehmern außerschulischer
politischer Bildung ihre lebensweltliche Perspektivität bewusst zu
machen und sie beispielhaft immer wieder Vertrauen in die Fähigkeit
ihrer eigenen Urteilskraft gewinnen zu lassen, und sie dabei mit dem notwendigen
Wissen zu konfrontieren, dass es ihnen möglich macht, einerseits weltanschauliche
und ideologische Verengungen zu erkennen, andererseits den neu gewonnenen,
tieferen Sinn eines Phänomens inhaltlich ausfüllen zu können.
Dabei werden sie zwangsläufig über "das Faktum menschlicher
Pluralität" stolpern, das die Eigenschaft hat, Menschen in ihrem Harmoniebedürfnis
zu verunsichern. Es geht um die Frage der "Einfühlung", wie Husserl
es genannt hat, die Frage nach der intersubjektiven Mitteilbarkeit, die
Möglichkeit der Verallgemeinerung der zunächst individuell gewonnenen
Urteile. Diese Problematik muß deshalb eigens thematisiert werden
muß. Hannah Arendt schreibt davon in ihrem Buch "Vita activa" im
fünften Kapitel "Das Handeln":
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"Das Faktum menschlicher Pluralität, die grundsätzliche
Bedingung des Handelns wie des Sprechens, manifestiert sich auf zweierlei
Art, als Gleichheit und als Verschiedenheit. Ohne Gleichartigkeit gäbe
es keine Verständigung unter Lebenden, kein Verstehen der Toten und
kein Planen für eine Welt, die nicht mehr von uns, aber doch immer
noch von unseresgleichen bevölkert sein wird. Ohne Verschiedenheit,
das absolute Unterschiedensein jeder Person von jeder anderen, die ist,
war oder sein wird, bedürfte es weder der Sprache noch des Handelns
für eine Verständigung; ... Sprechend und handelnd schalten wir
uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren
wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die
nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung
dafür auf uns nehmen." (Arendt, Hannah: Vita activa, Stuttgart
1960, S. 164 f.)
Wer wirklich in Beziehung treten will, muß wahrhaftig sein, er muß
sagen, wer er ist, woher er kommt, was für eine Lebenswelt er mitbringt
und er muß Verständnis aufbringen können, für die
Lebenswelt der anderen. Es geht im wahrsten Sinne des Wort um Toleranz
um das Ertragen der Pluralität, der Verschiedenartigkeit. Nur so ist
ein eigentliches Miteinander möglich.
"Ohne diese Eigenschaft, über das Wer der Person mit Aufschluss
zu geben, wird das Handeln zu einer Art Leistung wie andere gegenstandgebundene
Leistungen auch. Es kann dann in der Tat einfach Mittel zum Zweck werden,
sowie Herstellen ein Mittel ist, einen Gegenstand hervorzubringen. Dies
tritt immer dann ein, wenn das eigentliche Miteinander gestört ist
oder auch zeitweilig zurücktritt und Menschen nur für- oder gegeneinander
stehen und agieren, wie etwa im Kriegsfall, wenn Handeln nur besagt, bestimmte
Gewaltmittel bereitzustellen und zur Anwendung zu bringen, um gewissen,
vorgefasste Ziele für sich selbst und gegen den Feind zu erreichen.
In solchen Fällen, von denen die Geschichte der Menschheit so viel
zu erzählen weiß, dass man sie lange Zeit für die eigentliche
Substanz des Geschichtlichen überhaupt hielt, ist Sprechen in der
Tat `bloßes Gerede´, nämlich ein Mittel unter anderen
für die Erreichung des Zweckes, ob dies Mittel nun dazu dient, dem
Feind Sand in die Augen zu streuen, oder dazu, sich selbst an der eigenen
Propaganda zu berauschen."
Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen wird nochmals deutlich,
dass es im politischen Lernprozess nicht darum gehen kann, dem Lernenden
seine subjektiven Interessen oder die objektive Bedeutsamkeit dieser oder
jener Werte deutlich zu machen, sondern ihn zu befähigen die Voraussetzungen
seines Sprechens und Handelns, und damit auch seines Lernens bewusst zu
machen, damit "Die Enthüllung der Person im Handeln und Sprechen"
- so der Titel des ersten Abschnitts des besagten Kapitels in "Vita activa"
- möglich wird, sowohl die der eigenen Person als auch die des anderen.
In Bezug auf den Sinn der Politik, die Freiheit, heißt dies nach
Hannah Arendt:
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"Ursprünglich erfahre ich Freiheit im Verkehr mit anderen und nicht
im Verkehr mit mir selbst. Frei SEIN können Menschen nur in Bezug
aufeinander, also nur im Bereich des Politischen und des Handelns; nur
dort erfahren sie, was Freiheit positiv ist und dass sie mehr ist als ein
Nichtgezwungen-werden." (Arendt, Hannah: Kultur und Politik, in: Merkur,
120. Jg., 1958, H. 130, S. 1122-1145.)
Und das Gemeinsame ist schließlich auch "nicht die Identität
der immer schon Geeinten", sondern "das, worauf sich Verschiedene und Unterschiedliche
als das ihnen Gemeinsame geeinigt haben," (Vollrath, Ernst: Hannah Arendt,
in: Ballestrem/Ottmann (Hrsg.): Politische Philosophie des 20. Jahrhunderts,
Oldenburg 1990, S. 21.) eine "Gemeinsamkeit, deren Stiftungsgrund gerade
die bewahrte Differentialität ist. Sie ist in die Operation der Urteilskraft
selbst eingelassen" (Ebd., S. 23) und geht ihr im Grunde voraus:
Um die Freiheit des Menschen aufrecht erhalten zu können, muß
die Einsicht in das "absolute Verschiedensein jeder Person von jeder anderen,
die ist, war oder sein wird" aufrecht erhalten werden, ebenso wie die Einsicht
in das Aufeinander-Verwiesen-Sein, was Hannah Arendt die "zweite" oder
die "politische" Geburt nennt. (Vgl. dazu die Arbeit von Patricia Bowen-Moor:
Hannah Arendt´s Philosophy of Natality, London 1989.)