HELMUT ZENZ
Informationen über "Neue religiöse Bewegungen" und "Sekten"


Zu den Begriffen "Sekte" und "Neue Religiöse Bewegungen"

Auf den folgenden Seiten wird der Begriff "Sekte" bewusst vermieden, da er sehr mißverständlich ist und im populären Gebrauch häufig zur undifferenzierten Etikettierung mißbraucht wird. Sicherlich ist der Begriff in der Umgangssprache fest verwurzelt, dennoch sollten diejenigen, die sich näher mit dem Phänomen "Sekten" beschäftigen, den Begriff vermeiden. Wohl ursprünglich nicht von "seccare" (= abschneiden, abspalten), sondern von "sequi" (=folgen, nachfolgen) stammend, wurde er aber bald auf "Abspaltungen" einer größeren Religionsgemeinschaft angewandt. In diesem Sinn wären dann viele neu-hinduistische Guru-Gruppen "Sekten" des Hinduismus, Altkatholiken z.B. wären eine "Sekte" des Katholizismus, evangelische Freikirchen wären "Sekten" des Protestantismus, usw. Weitgehend unabhängig von den großen Weltreligionen entstandene, synkretistische oder neuoffenbarerische Gruppierungen und viele der sogenannten "Jugendreligionen", darunter auch Scientology, wären in diesem Sinn dann aber keine "Sekten", da die Bezugsreligion nicht eindeutig bestimmbar ist. Da der Begriff zudem im alltäglichen Sprachgebrauch von vielen vor allem als pauschale Etikettierung für alle möglichen Gruppierungen außerhalb der großen Konfessionen oder Religionen verwendet wird, ist er kaum mehr vertretbar. Gerade in der Auseinandersetzung mit betroffenen Gruppen führt der Begriff nur zu einer unnötig aggressiven Atmosphäre auf beiden Seiten.
Besser wäre es daher, zunächst neutraler von "neuen religiösen Gruppierungen" bzw. "Bewegungen" zu sprechen und ihre unterschiedliche Gefährlichkeit mehr durch die Bennennung ihre Strukturen und Praktiken (z.B. "Psycho-Kulte", "Guru-Bewegungen", "Esoterisch-okkultistische Gruppen", "bibel-fundamentalistische Gruppen", etc.) zu charakterisieren. Natürlich ist es einfacher von Scientology als "Sekte" zu sprechen, zwar länger aber prägnanter dagegen handelt es sich um eine "neue religiöse Bewegung in Form eines Psycho-Kults".
Dem Einwand, dass man mit dem Begriff "religiös" auch Scientology oder anderen umstrittenen Gruppen den Religions-Begriff zubilligt, muss entgegengehalten werden, dass der soziologische Religions-Begriff genau dies zulässt und ein rein theologischer Begriff der Religion nicht mehr haltbar ist, wenn wir heute ganz selbstverständlich auch von "politischen Religionen" sprechen und damit totalitäre Ideologien meinen, die religiöse und/oder pseudo-religiöse Symbole und Rituale verwenden. Die Unterscheidung zwischen "religiös" und "pseudo-religiös" oder "ersatz-religiös" führt sich immer öfter ad absurdum. Sie wäre nur haltbar, wenn wir einen absoluten Wahrheitsbegriff in der Auseinandersetzung mit religiösen Phänomenen zulassen. Diese objektive, allgemeingültige Wahrheit im Bereich der Religion hat ihren Platz in der persönlichen Spiritualiät und der innerkirchlichen Gemeinschaft, nicht jedoch im Dialog mit anderen Religionen oder religiösen Gemeinschaften bzw. Bewegungen. Dies hat auch das II. Vatikanische Konzil erkannt, wenn es den anderen Religionen graduelle Wahrheit zubilligt. Dies gilt aber analog auch für kleinere "neue religiöse Gemeinschaften". Außerdem gilt, jede Religionsgemeinschaft ist religiös, aber nicht jede religiöse Gemeinschaft ist eine Religion(sgemeinschaft), ebenso wie zwar jeder Sportverein in der Regel Sport betreibt, aber nicht jeder Verein, der Sport betreibt, zwangsläufig ein Sportverein ist.
Das "Neu" in "neue religiöse Gemeinschaften" bedeutet, dass sie ihren Ursprung nach der Gründung der großen Weltreligionen (als jüngste Weltreligion gilt derzeit der Sikhismus) haben, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind und in den letzten Jahrzehnten verstärkt Zulauf bekommen haben.
Der Unterschied zwischen "Gemeinschaft" und "Bewegung" liegt darin, dass die Gemeinschaft innere Stabilität beschreibt, "Bewegung" dagegen die äußere (Missions-)Aktivität.

Ich möchte aber nicht verschweigen, dass es sich bei dieser Begriffs-Entscheidung in der Fachwelt um eine umstrittene Frage handelt. Einheitlichkeit ist kaum zu erzielen. So meinen zum Beispiel:

Die Begriffe "Sekte" und "religiöse Sondergemeinschaft" im "Brockhaus":
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