Helmut Zenz:
Biblisch-theologische Grundlegung


I. Biblisch-theologische Besinnung zum Umgang mit "neuen religiösen Bewegungen"

"Neue religiöse Bewegungen", "Sekten", "Endzeitpropheten" sind keine Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Sie gibt es schon seit Menschengedenken. Sie gibt es im Umfeld des Alten und Neuen Testaments, sie gibt es im Mittelalter, in der Neuzeit und auch in der Gegenwart. Trotz ihrer Existenz hat die Welt "überlebt".

Zweifelsohne leben wir heute in einer anderen Gesellschaft, die zu Recht als säkular, liberal und plural bezeichnet wird. Wer seine Abneigung gegen diesen Zug der modernen Welt zum Ausdruck bringen will, qualifiziert diese Eigenschaften als "Ismen": Säkularismus, Liberalismus, Pluralismus. Doch auch Anti-Bewegungen können nichts daran ändern: Die mittelalterliche Homogenität in religiösen Fragen ist in sogenannten "postmodernen" Zeiten endgültig dahin.

Diese mittelalterliche Homogenität kam aber auch nur zustande, weil die eine Kirche bzw. seit der Reformation die großen Kirchen sich mit dem Staat verbündet haben und gegen sogenannte "Häresien" vehement vorgegangen sind. Dadurch drängte sie Andersgläubige in Untergrund und Verfolgung. Nichtsdestoweniger gab es außerhalb der Kirchen dennoch zahlreiche religiöse Gruppierungen. Zudem haben die großen Kirchen im Inneren neben zahlreichen Erneuerungsbewegungen auch einiges an "Aberglauben" und "Andersglauben" beheimatet und sind diesen Phänomenen mit einer Strategie von "Zuckerbrot und Peitsche" begegnet. Die Trennung zwischen anerkannter mystischen Sehergabe und gebrandmarkter Hexerei war bei aller menschenverachtender Inquisition nur all zu oft unscharf.

Heute haben die großen Kirchen auf das "bracchium saeculare", d.h. auf die Hilfe des Staates verzichtet, und so können sich andere religiöse Ansichten ungehindert artikulieren und für ihre Anliegen werben. Dies verbreitet Angst und Unsicherheit und führt zur Forderung nach klarer Abgrenzung gegenüber "neuen religiösen Bewegungen". Dar Begriff "Sekte" dient in diesem Zusammenhang häufig dazu, alles was sich außerhalb der großen Kirchen an religiösen Gruppen befindet, eindeutig zu etikettieren und negativ zu konnotieren, gleich ob sie christlichen oder anderen Ursprungs sind, gleich ob sie echte Glaubensgemeinschaften oder nur pseudo-religiöse Vereinigungen sind. Diese Haltung ist menschlich verständlich, aber auch sehr problematisch und pauschal.

Auch vor dem Hintergrund unseres Auftrages als Christen ist diese Abqualifizierung im Letzten nicht tragbar, wenn wir uns im alltäglichen Leben an Jesu Wort zumindest dem Geiste nach orientieren wollen. Ein Blick in das Markus-Evangelium zeigt, daß bereits Jesus selbst mit Personen konfrontiert war, die sogar in seinem Namen aufgetreten sind, sich aber seiner Jüngergemeinschaft nicht angeschlossen haben. Er hat dazu eindeutig Stellung bezogen und dabei seinen Jüngern klare Grenzen gezogen.

Mk 9,38-50: Der fremde Wundertäter/Warnung vor Verführung/Vom Salz

Das Markus-Evangelium überliefert uns eine aus mehreren Teilen bestehende Einheit, die geradezu eine allgemeine Handlungsnorm zumindest gegenüber christlichen Gruppierungen außerhalb der Kirche darstellt, wenn nicht überhaupt zum Umgang mit "neuen religiösen Bewegungen":

Warnung vor dem Mißbrauch von Kindern und einfachen Gläubigen

Die Perikope spielt in einem Haus in Kafarnaum. Unterwegs hatten die Jünger gestritten, wer denn der Größte unter ihnen sei. Jesus stellt diesen Rangstreit bloß: "... Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein." (Mk 9,33-37; vgl. Lk 9,46-48) Und er stellte ein Kind in ihre Mitte und fordert die Jünger auf, dieses Kind um seinetwillen aufzunehmen. Man könnte dies durchaus als Aufforderung deuten, es zum Glauben an Jesus zu führen. Gleichzeitig aber nehmen sie mit dem Kind Jesus selbst auf und mit ihm den, der ihn gesandt hat. Und das bringt eine große Verantwortung mit sich.

Im Matthäus-Evangelium wird diese Stelle nun unmittelbar weitergeführt mit der Drohung, diese "Kleinen", die an mich glauben, nicht zum Bösen zu verführen. "Wehe der Welt mit ihrer Verführung. Es muß zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet," (Mt 18,7) lautet der klare Wehe-Ruf. Und geradezu als Warnung an alle, die in diesen "Kleinen" nur einen Mittel zum Zweck sehen und sei dieser Zweck noch so religiös, schließt diese Warnung im Matthäus-Evangelium mit dem eindrucksvollen Satz: Hütet euch davor, einen dieser Kleinen zu verachten. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters." (Mt 18,10)

Grundsätzliche Toleranz gegenüber Andersgläubigen

Im älteren Markus-Evangelium ist zwischen diese beiden Abschnitte noch die Erzählung vom fremden Wundertäter eingeschoben. Diese Einschiebung verdeutlicht, daß es in dieser ganzen Einheit tatsächlich um religiöse Verführung geht: "Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." (Mk 9,38-41: Der fremde Wundertäter/Vgl. Lk 9,49-50, das dann allerdings anders als das Markus- und Matthäus-Evangelium fortfährt.)
Jesus gibt also eine eindeutige Antwort: Keine pauschale Ablehnung derer, die nicht schlecht von Jesus reden und eine klare Unterscheidung derjenigen, die uns zwar nicht nachfolgen, aber Christus nicht ablehnen, und derjenigen, die tatsächlich gegen Christus und damit gegen uns sind. Heute, da bei aller Missverständlichkeit mit Karl Rahner vom "Anonymen Christentum" gesprochen wird und das II. Vatikanische Konzil in den Dekreten über die Religionsfreiheit, den Ökumenismus und den Dialog mit den nicht-christlichen Religionen sein Verhältnis zu Nicht- und Andersgläubigen neu bestimmt, sind bei allen theologischen Unterschieden auch alle Menschen "guten Willens" nicht als Gegner der Sache Christi zu betrachten.

Grenzen der Toleranz und Warnung vor falschen Propheten

Dies bedeutet aber wiederum keinen Freibrief für jegliche religiösen Bewegungen. Denn jetzt folgt auch im Markus-Evangelium die Warnung vor Verführung mit drastischen Worten: "Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde." (Mk 9,42-48) Der Konjunktiv zeigt an, daß es nicht unsere Aufgabe ist, diese Bestrafung von anderen vorzunehmen. Christus selbst wird die Verführer am Ende der Tage ihrer gerechten Strafe zuführen. Für uns kann das jedoch nur heißen, Vorsicht und kritisches Verhalten gegenüber all jenen walten zu lassen, die verführen, die abhängig machen, die einschüchtern wollen, und deshalb öffentlich vor wirklichen Verführern und gefährlichen Gruppen zu warnen. Das Markus-Evangelium verdeutlicht wenig später auch, was unter Verführung zu verstehen ist. So "wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten, und sie werden Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, die Auserwählten irre zu führen. (Mk 13,22) Auch das Matthäus-Evangelium führt dies an anderen Stellen aus: "Viele falsche Propheten werden auftreten, und sie werden viele irreführen. Und weil die Mißachtung von Gottes Gesetz überhandnimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet." (Mt 24,11-13). "Hütet euch vor den falschen Propheten. Sie kommen zu euch wie (harmlose) Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe." (Mt 7,15) und geradezu als Relativierung des Markus-Evangelium steht dort weiter: "Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten, und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunde vollbracht. Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!" (Mt 7,22f.)

Glaubwürdigkeit und Fähigkeit zur Selbstkritik

Die Warnung vor falschen Propheten kann uns jedoch nur glaubwürdig gelingen, wenn wir auch den letzten Abschnitt dieser Einheit befolgen: "Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden. Das Salz ist etwas Gutes. Wenn das Salz die Kraft zum Salzen verliert, womit wollt ihr ihm seine Würze wiedergeben? Habt Salz in euch, und haltet Frieden untereinander!" (Mk 9,49-50) Wer andere kritisieren will, muß selbstkritisch sein, darauf achten, daß der Glaube in den eigenen Reihen lebendig bleibt, und in der eigenen Gruppen "Frieden halten". Auf die richtige Streitkultur nach innen und nach außen kommt es an. Wer kritisiert, muß auch die eigenen Balken in den Augen ausmerzen. Wer vor anderen warnt, muß selbst Kritik vertragen können.

Paulus

nimmt mehrfach zu unserer Frage Stellung, meistens mit konkreten Beispielen. Er ruft zu größtmöglicher gegenseitiger Toleranz auf:
 


Katholische Texte

zum Umgang mit anderen Konfessionen, Religionen und religiösen Bewegungen und zur Religionsfreiheit:

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