Helmut Zenz
Romano Guardini im Internet


Romano Guardini (1885-1968),
katholischer Religionsphilosoph und Theologe

Thesen zur politischen Ethik, Philosophie und Theologie Romano Guardinis

1. Romano Guardini als Demokrat
Romano Guardini gilt allgemein als unpolitisch und antiliberal und infolgedessen auch als Demokratiekritiker. Dieses Bild wurde von Alexander Schwan und anderen erzeugt und wird in der Literatur bis heute fortgeführt und durch die Arbeit von Ludwig Watzal (Das Politische bei Romano Guardini) nur unwesentlich abgeschwächt. Dieses Bild entspricht aber nicht der Wahrheit. Romano Guardini war zwar politisch nicht aktiv, aber keineswegs unpolitisch, er war zwar Kritiker des Liberalismus, aber keineswegs antiliberal, geschweige denn, dass er der Demokratie als freiheitlicher Verfassungsform kritisch gegenüber gestanden wäre. In der Regel werden sowohl die einschlägigen Äußerungen nach 1945 vernachlässigt und die Aussagen aus den zwanziger Jahren aus dem Kontext seiner Gegensatzlehre gerissen, weil diese in ihren Implikationen auch für die Politik nicht verstanden wird. Diese Vorgehensweise wird weder dem philosophischen und theologischen, noch dem politischen Denken Guardinis gerecht.

2. Romano Guardini im Verhältnis zu Walter Dirks, Ernst Michel, Karl Neundörfer und Carl Schmitt
Immer wieder, vor allem von Walter Dirks und seiner Schule aus, wird versucht, Romano Guardini zwar als historische Leitfigur darzustellen, aber letztlich als politisch "restaurativ" abzutun, ihn in Gegensatz zu Ernst Michel und m.E. sogar zu seinem Freund Karl Neundörfer zu bringen und stattdessen auf die Seite von Carl Schmitt und anderen konservativ-nationalen Katholiken zu schlagen. Diese Verzerrung wurzelt in der Schieflage der "neuen", "linken" Politischen Theologie (Walter Dirks, Johann Baptist Metz) gegenüber der "alten", "rechten" Politischen Theologie (Carl Schmitt), so dass Denker der politisch-theologischen Mitte wie Guardini, Michel und Neundörfer entweder unter den Tisch fallen oder einseitig vereinnahmt werden, während umgekehrt gerade Denker die relativ eindeutig zuordenbar sind wie Erich Przywara zur "alten" politischen Theologie, plötzlich von der "neuen" Politischen Theologie als Vertreter "negativer Theologie" angepriesen werden.

3. Romano Guardini und Max Weber
Romano Guardini ereilt hier auf der theologischen Seite das gleiche Schicksal wie auf der politikwissenschaftlichen Seite Max Weber. Angeblich zu "konservativ-national" glaubt man, sich diesen Denkern nur noch im Steinbruchverfahren nähern zu können. Die dadurch erzeugten Schemata werden monoton wiederholt, ohne historische Vorurteile zu überprüfen. Dabei ist Romano Guardinis geschichtsphilosophisches und theologisches Denken über Macht und Politik nur die Kehrseite des politiktheoretischen Denkens Max Webers. Beide gehen von einem polaren Bezugssystem aus, von einer Philosophie der lebendigen Gegensätze, die Guardini theologisch und Weber politisch einholt, und gerade dadurch durch die gängigen Raster fallen. Immer wieder ist von der angeblichen Dichotomie Max Webers von "Gesinnungsethik" und "Verantwortungsethik" zu lesen, ohne zu sehen, dass Weber auch den Typus der bloßen Macht-Ethik kennt. Dadurch stellt sich aber die "Verantwortungsethik" nicht mehr als ein Pol dar, sondern als eine die Spannung vermittelnde (aber nicht aufhebende) relative Mitte zwischen zwei bloßen Gesinnungsethiken (machtversessener Chauvinismus einerseits und machtvergessener Pazifismus andererseits), eine "Mitte", die auch gesinnungsethische Elemente integriert. "Verantwortung" ist also der Schlüsselbegriff der politischen Ethik Max Webers. Und dieser Begriff hat einen theologischen Horizont, aufgrund dessen sich Max Weber dagegen wehrt, "Gott" vorschnell unter die Werte der Welt einzureihen. Gott verliert sonst seine notwendige Transzendenz. "Verantwortung" ist aber auch der Schlüsselbegriff der theologischen Ethik von Romano Guardini. Und bei ihm hat dieser Begriff einen politischen Horizont, aufgrund dessen sich Romano Guardini dagegen wehrt, "Politik" vorschnell unter die Werte der Reiches Gottes einzureihen. Politik verliert sonst ihre notwendige Immanenz. "Politik aus dem Glauben" (Ernst Michel) ist nur möglich als Politik in Verantwortung vor Gott und in Verantwortung vor den Menschen. Die relative Eigengesetzlichkeit der Politik ist unaufgebbar, ebenso wie jeglicher politischer Absolutheits- oder gar Totalitätsanspruch abzulehnen ist. Dies hat Guardini in seinem Buch "Der Mythos des Heilsbringers" nachdrücklich betont. Im Hinblick auf Max Weber wird dessen katholische Ader einfach nicht wahrgenommen, obwohl sie mittlerweile sogar ausreichend dokumentiert ist (vgl. Studie von Lothar Bily).

4. Romano Guardini und Gandhi
Romano Guardini war es, der erstmals in Deutschland auf die "neue Wirklichkeit" des Politikverständnisses nach Gandhi aufmerksam machte. Gandhi wird als Prototyp des in Friedfertigkeit und Machtfertigkeit gleichermaßen gebildeten Verantwortungsethikers vorgestellt. Max Weber hat Franz von Assisi und Machiavelli als Prototypen der beiden gesinnungsethischen Pole angegeben, und, solange sie innerhalb der ihnen eigenen Bereiche - nämlich der Askese einerseits und des Krieges andererseits - bleiben, ihre grundsätzliche Berechtigung und Bedeutung nie bestritten. Ihm fehlten aber die Prototypen des politischen Verantwortungsethikers. Leider hat er selbst Gandhis Wirken nicht mehr wahrgenommen. Vielleicht hätte er in ihm ebenfalls die politische Leidenschaft und den politischen Realismus schätzen gelernt, wie dies Romano Guardini getan hat, wohl wissend, dass Gandhis Politik kulturell gebunden war an die Situationen in Südafrika und in Indien. Nichts desto weniger kann sie "Vorbild" für die in Deutschland notwendige Politik sein, die nicht im revanchistischen Kampf gegen Besatzung und Diskriminierung liegt, sondern im Kampf für eine "Politik aus dem Glauben".

5. Romano Guardini und Politiker wie Robert Schumann und Hanns Seidel
Eine ganze Generation von christlichen Politikern hat sich infolgedessen auch auf Guardinis Werk stützen können. Bei Hanns Seidel ist diese Verbindung belegbar, bei Robert Schumann ist sie anzunehmen. "Je mystischer, desto politischer" heißt die Formel, die diesem Politikverständnis zugrundeliegt. Der Transformator ist der Begriff der "Christlichen Weltanschauung" (Hanns Seidel), die Umsetzungskategorien sind die Prinzipien der Christlichen Gesellschaftslehre (Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Gerechtigkeit, Gemeinwohl), der geographische Raum zunächst ein demokratisches Europa. Der damit verbundene "Christliche Realismus" wäre grob mißverstanden, wenn er als bloßer "Pragmatismus" praktiziert würde, wie dies leider im Moment aber in den Reihen sogenannter "Christlicher Politiker" häufig geschieht. Es fehlen gerade heute die Visionen einer an der Philosophie lebendig-konkreter Gegensätze orientierten "Politik aus dem Glauben".

6. Romano Guardinis Gegensatzlehre in der Tradition Georg Simmels und Heinrich Rickerts
Bislang viel zu wenig beachtet wurde, dass dieses Philosophie lebendig-konkreter Gegensätze ihre Wurzeln in der Lebensphilosophie (Georg Simmel) und der neukantianischen Wertphilosophie (Heinrich Rickert) hat, aber weder im Sinne eines bloßen Biologismus (Nietzsche oder gar als Rassismus bei Gobineau, Chamberlain und Rosenberg) oder eines bloßen Essentialismus (Max Schelers werttheoretischer Phänomenalismus) oder Existenzialismus (Jaspers, Heidegger). So stammt von Simmel die Unterscheidung zwischen "germanischem" und "romanischem" Individualismus, der in Bezug auf Guardinis Kritik an Carl Schmitt als "zu romanisch" wirksam wird. "Germanisch" hat hier eben keinen biologistischen Hintergrund, sondern versteht sich als Gegensatz zum römischen Cäsarismus. Rickerts Unterscheidung zwischen Kultur- und Naturwissenschaften sowie die Ablehnung einer "universalen Wahrheit" zugunsten eines "Multiversums" (Relationismus) und nicht zuletzt dessen heterologisches Denkprinzip, das als Fundamentalprinzip des Denkens die logische Basis seiner Erkenntnistheorie darstellt, indem es den Ursprung des Denkens in der Synthese des Einen und des Anderen verortet. Das Denken beginnt laut Rickert mit einer Vielheit von Elementen, die im Erkenntnisakt vom erkennenden Subjekt unter der Beziehung auf allgemeine Kulturwerte zu einer "Einheit der Mannigfaltigkeit", einer Einheit heterogener Elemente wird. Da Rickert mit dieser Heterologie auch Max Weber deutlich beeinflusst hat, erklärt dies weitere Parallelen zwischen Weber und Guardini.



Zitate zur politischen Ethik, Philosophie und Theologie Guardinis
(Vorläufige Auswahl, wird laufend ergänzt, Hervorhebungen durch Helmut Zenz)

Aus dem Neunten Brief: "Staat in uns" (1924)

Aus 5. Gemeinschaft, in: Vom Sinn der Kirche. Fünf Vorträge. Der katholischen Jugend zu eigen, Mainz 1922; 1938, S. 96-119 Zum Problem der Demokratie. Der Versuch einer Klärung, Staatsbibliothek München 1946, jetzt in: Geschichte und Wissenschaft, 21. Jg., 1970, S. 711-716 Das Ende der Neuzeit. Ein Versuch zur Orientierung, Basel 1950 Gesichtspunkte für ein Gespräch über Freiheit, Demokratie und humanistische Bildung, 1959, jetzt in: Geschichte und Wissenschaft, 21, 1970, S. 732-739 Pluralismus und Entscheidung (Vortrag vor dem Deutschen Volkshochschultag am 22.11.1961 in Frankfurt am Main. Wegen Krankheit des Verf. vorgetragen von Messerschmid Felix), Frankfurt 1961:

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