Helmut Zenz
Romano Guardini im Internet
Romano Guardini (1885-1968),
katholischer Religionsphilosoph und Theologe
Thesen zur politischen
Ethik, Philosophie und Theologie Romano Guardinis
1. Romano Guardini als Demokrat
Romano Guardini gilt allgemein als unpolitisch und antiliberal und
infolgedessen auch als Demokratiekritiker. Dieses Bild wurde von Alexander
Schwan und anderen erzeugt und wird in der Literatur bis heute fortgeführt
und durch die Arbeit von Ludwig Watzal (Das Politische bei Romano Guardini)
nur unwesentlich abgeschwächt. Dieses Bild entspricht aber nicht der
Wahrheit. Romano Guardini war zwar politisch nicht aktiv, aber keineswegs
unpolitisch, er war zwar Kritiker des Liberalismus, aber keineswegs antiliberal,
geschweige denn, dass er der Demokratie als freiheitlicher Verfassungsform
kritisch gegenüber gestanden wäre. In der Regel werden sowohl
die einschlägigen Äußerungen nach 1945 vernachlässigt
und die Aussagen aus den zwanziger Jahren aus dem Kontext seiner Gegensatzlehre
gerissen, weil diese in ihren Implikationen auch für die Politik nicht
verstanden wird. Diese Vorgehensweise wird weder dem philosophischen und
theologischen, noch dem politischen Denken Guardinis gerecht.
2. Romano Guardini im Verhältnis zu Walter Dirks, Ernst Michel,
Karl Neundörfer und Carl Schmitt
Immer wieder, vor allem von Walter Dirks und seiner Schule aus, wird
versucht, Romano Guardini zwar als historische Leitfigur darzustellen,
aber letztlich als politisch "restaurativ" abzutun, ihn in Gegensatz zu
Ernst Michel und m.E. sogar zu seinem Freund Karl Neundörfer zu bringen
und stattdessen auf die Seite von Carl Schmitt und anderen konservativ-nationalen
Katholiken zu schlagen. Diese Verzerrung wurzelt in der Schieflage der
"neuen", "linken" Politischen Theologie (Walter Dirks, Johann Baptist Metz)
gegenüber der "alten", "rechten" Politischen Theologie (Carl Schmitt),
so dass Denker der politisch-theologischen Mitte wie Guardini, Michel und
Neundörfer entweder unter den Tisch fallen oder einseitig vereinnahmt
werden, während umgekehrt gerade Denker die relativ eindeutig zuordenbar
sind wie Erich Przywara zur "alten" politischen Theologie, plötzlich
von der "neuen" Politischen Theologie als Vertreter "negativer Theologie"
angepriesen werden.
3. Romano Guardini und Max Weber
Romano Guardini ereilt hier auf der theologischen Seite das gleiche
Schicksal wie auf der politikwissenschaftlichen Seite Max Weber. Angeblich
zu "konservativ-national" glaubt man, sich diesen Denkern nur noch im Steinbruchverfahren
nähern zu können. Die dadurch erzeugten Schemata werden monoton
wiederholt, ohne historische Vorurteile zu überprüfen. Dabei
ist Romano Guardinis geschichtsphilosophisches und theologisches Denken
über Macht und Politik nur die Kehrseite des politiktheoretischen
Denkens Max Webers. Beide gehen von einem polaren Bezugssystem aus, von
einer Philosophie der lebendigen Gegensätze, die Guardini theologisch
und Weber politisch einholt, und gerade dadurch durch die gängigen
Raster fallen. Immer wieder ist von der angeblichen Dichotomie Max Webers
von "Gesinnungsethik" und "Verantwortungsethik" zu lesen, ohne zu sehen,
dass Weber auch den Typus der bloßen Macht-Ethik kennt. Dadurch stellt
sich aber die "Verantwortungsethik" nicht mehr als ein Pol dar, sondern
als eine die Spannung vermittelnde (aber nicht aufhebende) relative Mitte
zwischen zwei bloßen Gesinnungsethiken (machtversessener Chauvinismus
einerseits und machtvergessener Pazifismus andererseits), eine "Mitte",
die auch gesinnungsethische Elemente integriert. "Verantwortung" ist also
der Schlüsselbegriff der politischen Ethik Max Webers. Und dieser
Begriff hat einen theologischen Horizont, aufgrund dessen sich Max Weber
dagegen wehrt, "Gott" vorschnell unter die Werte der Welt einzureihen.
Gott verliert sonst seine notwendige Transzendenz. "Verantwortung" ist
aber auch der Schlüsselbegriff der theologischen Ethik von Romano
Guardini. Und bei ihm hat dieser Begriff einen politischen Horizont, aufgrund
dessen sich Romano Guardini dagegen wehrt, "Politik" vorschnell unter die
Werte der Reiches Gottes einzureihen. Politik verliert sonst ihre notwendige
Immanenz. "Politik aus dem Glauben" (Ernst Michel) ist nur möglich
als Politik in Verantwortung vor Gott und in Verantwortung vor den Menschen.
Die relative Eigengesetzlichkeit der Politik ist unaufgebbar, ebenso wie
jeglicher politischer Absolutheits- oder gar Totalitätsanspruch abzulehnen
ist. Dies hat Guardini in seinem Buch "Der Mythos des Heilsbringers" nachdrücklich
betont. Im Hinblick auf Max Weber wird dessen katholische Ader einfach
nicht wahrgenommen, obwohl sie mittlerweile sogar ausreichend dokumentiert
ist (vgl. Studie von Lothar Bily).
4. Romano Guardini und Gandhi
Romano Guardini war es, der erstmals in Deutschland auf die "neue Wirklichkeit"
des Politikverständnisses nach Gandhi aufmerksam machte. Gandhi wird
als Prototyp des in Friedfertigkeit und Machtfertigkeit gleichermaßen
gebildeten Verantwortungsethikers vorgestellt. Max Weber hat Franz von
Assisi und Machiavelli als Prototypen der beiden gesinnungsethischen Pole
angegeben, und, solange sie innerhalb der ihnen eigenen Bereiche - nämlich
der Askese einerseits und des Krieges andererseits - bleiben, ihre grundsätzliche
Berechtigung und Bedeutung nie bestritten. Ihm fehlten aber die Prototypen
des politischen Verantwortungsethikers. Leider hat er selbst Gandhis Wirken
nicht mehr wahrgenommen. Vielleicht hätte er in ihm ebenfalls die
politische Leidenschaft und den politischen Realismus schätzen gelernt,
wie dies Romano Guardini getan hat, wohl wissend, dass Gandhis Politik
kulturell gebunden war an die Situationen in Südafrika und in Indien.
Nichts desto weniger kann sie "Vorbild" für die in Deutschland notwendige
Politik sein, die nicht im revanchistischen Kampf gegen Besatzung und Diskriminierung
liegt, sondern im Kampf für eine "Politik aus dem Glauben".
5. Romano Guardini und Politiker wie Robert Schumann und Hanns Seidel
Eine ganze Generation von christlichen Politikern hat sich infolgedessen
auch auf Guardinis Werk stützen können. Bei Hanns Seidel ist
diese Verbindung belegbar, bei Robert Schumann ist sie anzunehmen. "Je
mystischer, desto politischer" heißt die Formel, die diesem Politikverständnis
zugrundeliegt. Der Transformator ist der Begriff der "Christlichen Weltanschauung"
(Hanns Seidel), die Umsetzungskategorien sind die Prinzipien der Christlichen
Gesellschaftslehre (Personalität, Solidarität, Subsidiarität,
Gerechtigkeit, Gemeinwohl), der geographische Raum zunächst ein demokratisches
Europa. Der damit verbundene "Christliche Realismus" wäre grob mißverstanden,
wenn er als bloßer "Pragmatismus" praktiziert würde, wie dies
leider im Moment aber in den Reihen sogenannter "Christlicher Politiker"
häufig geschieht. Es fehlen gerade heute die Visionen einer an der
Philosophie lebendig-konkreter Gegensätze orientierten "Politik aus
dem Glauben".
6. Romano Guardinis Gegensatzlehre in der Tradition Georg Simmels
und Heinrich Rickerts
Bislang viel zu wenig beachtet wurde, dass dieses Philosophie lebendig-konkreter
Gegensätze ihre Wurzeln in der Lebensphilosophie (Georg Simmel) und
der neukantianischen Wertphilosophie (Heinrich Rickert) hat, aber weder
im Sinne eines bloßen Biologismus (Nietzsche oder gar als Rassismus
bei Gobineau, Chamberlain und Rosenberg) oder eines bloßen Essentialismus
(Max Schelers werttheoretischer Phänomenalismus) oder Existenzialismus
(Jaspers, Heidegger). So stammt von Simmel die Unterscheidung zwischen
"germanischem" und "romanischem" Individualismus, der in Bezug auf Guardinis
Kritik an Carl Schmitt als "zu romanisch" wirksam wird. "Germanisch" hat
hier eben keinen biologistischen Hintergrund, sondern versteht sich als
Gegensatz zum römischen Cäsarismus. Rickerts Unterscheidung zwischen
Kultur- und Naturwissenschaften sowie die Ablehnung einer "universalen
Wahrheit" zugunsten eines "Multiversums" (Relationismus) und nicht zuletzt
dessen heterologisches Denkprinzip, das als Fundamentalprinzip des Denkens
die logische Basis seiner Erkenntnistheorie darstellt, indem es den Ursprung
des Denkens in der Synthese des Einen und des Anderen verortet. Das Denken
beginnt laut Rickert mit einer Vielheit von Elementen, die im Erkenntnisakt
vom erkennenden Subjekt unter der Beziehung auf allgemeine Kulturwerte
zu einer "Einheit der Mannigfaltigkeit", einer Einheit heterogener Elemente
wird. Da Rickert mit dieser Heterologie auch Max Weber deutlich beeinflusst
hat, erklärt dies weitere Parallelen zwischen Weber und Guardini.
Zitate zur politischen
Ethik, Philosophie und Theologie Guardinis
(Vorläufige Auswahl, wird laufend ergänzt, Hervorhebungen
durch Helmut Zenz)
Aus dem Neunten Brief: "Staat in uns" (1924)
-
S. 149 f.: "Wohl muß Ordnung im Staate sein, sonst geht alles aus
den Fugen. Aber von Persönlichkeiten verkörpert, die wissen,
daß sie nicht Untergebene kommandieren, sondern freien Menschen gegenüber
die Staatsordnung vertreten. Und der Gehorsam soll geleistet werden nicht
von Bedienten, sondern von Persönlichkeiten, die Gott verantwortlich
sind. Wohl kann der Staat den Einzelnen drücken. Immer wieder tritt
ja der Fall ein, daß dieser vor dem allgemeinen Wohl zurückstehen
muß. Auch viel Gewalttätigkeit hat der Staat geübt, Recht
des Einzelnen gebrochen, Leben zerstört. Die letzten Jahre haben uns
darüber bittere Lehren gegeben. Aber trotzdem ist der Staat in seinem
echten Wesen eine Aufgabe, die Gott uns gestellt hat; und wird sie erfüllt,
so ist er eine der höchsten Schöpfungen menschlicher Kraft.
Der Staat darf uns keine Maschine sein, die blind läuft. ... Solcher
Staat wird aber erst lebendig, wenn wir ihn nicht bloß dastehen und
von selbst laufen lassen, wenn wir ihn nicht den Beamten und Soldaten ausliefern,
sondern wenn wir ihn schaffen. Wenn er lebendig hervorgeht aus Deiner Haltung.
Wenn er ist `Staat in Dir´.
Damit sprechen wir von staatsbürgerlicher Aufgabe und wie sie
zu erfüllen sei: Also von staatsbürgerlicher Bildung."
-
S. 153 f.: "Der tiefste Sinn des Staates ist nicht, zu nützen,
sondern Hoheit zu sein. Gewiß soll er Sorge tragen, daß
es seinen Zugehörigen wohl gehe. Das heißt, für sein Wohlergehen
sorgen soll jeder selbst, der Staat hat ihn weder zu betreuen, noch zu
bevormunden. Aber er soll den Einzelnen unterstützen; soll übernehmen,
was der Einzelne und freie Zusammenschlüsse Einzelner nicht vermögen.
Und er soll sorgen, daß Ordnung im Lande sei, damit jeder sein Werk
tun könne. Das alles ist der Zweck des Staates. Aber damit ist sein
Wesen noch nicht erschöpft. Außer dem Zweck hat der Staat einen
Sinn, und der ist viel tiefer: Hoheit zu sein. Nicht aus Eigenem heraus,
sondern von Gott; er soll im natürlichen Leben, unter all seinen Notwendigkeiten,
Kräften, Leidenschaften, Interessen und Ereignissen Gottes Majestät
vertreten. Das bedeutet nicht, daß er Sittlichkeit und Religion aufrecht
zu erhalten hat. Das ist Sache des Gewissens und der Kirche. Der Staat
ruht auf der Sittlichkeit; er schützt sie, soweit sie in der Öffentlichkeit
zur Geltung kommen soll; aber er vertritt sie nicht. ... Sobald die
Hoheit des Staates schwindet, und man in ihm nur öffentlichen Nutzen,
Sicherheit und wirtschaftliche Förderung sieht, stirbt wesenhafter
Staat. ... Das ist einer der Entscheidungen, die heute ausgetragen
werden: Dieser tiefste Sinn des Staates, Hoheit zu verkörpern, und
Recht zu tragen, hat sich immer mehr verflüchtigt. Damit verschwindet
aber der eigentliche politische Charakter des Staates immer mehr. Immer
stärker treten die bloß wirtschaftlichen Zwecke hervor."
-
S. 155 f.: "Immer mehr wird er zum Schützer privater Angelegenheiten.
Verliert immer mehr, was ihm sein öffentliches Wesen gibt: Gottes
Stellvertreter zu sein in der natürlichen Ordnung. Politiker sein,
heißt lebendig im Blute tragen, was Staat bedeutet. Politiker sein,
heißt Hoheit wollen. ... Man könnte einwenden, daß immer
die Staaten geraubt und zerstört haben. Das ist wahr. Auch sie stehen
unter der Erbschuld. Aber früher lebte das Bewußtsein von
dem, was ich den `Sinn´ des Staates nannte, zum Unterschied von seinem
`Zweck´, auch wenn man dagegen frevelte. Jetzt aber droht das Gefühl
dafür überhaupt verlorenzugehen. ..."
-
S. 160 ff.: "Politik bedeutet, daß ein Volk handle. Was aber
ist `Volk´? Die Menschen, mit allem, was sie sind, an Leib und Seele,
in ihrer besonderen Eigenart. ... Dies und noch vieles andere gehört
zum `Volk´. Und es ist verknüpft durch jene Urkraft, die macht,
daß alles dies nicht ein Haufen von Einzelheiten sei, sondern eben
lebendige Einheit. Doch kann dieses Volk noch nicht handeln. Es ist gleichsam
gebunden, schwerfällig. Handeln kann ein Volk erst, wenn es beweglich
wird, gegliedert. Wenn all die vielen Einsichten und Wünsche und
Kräfte zusammengefaßt werden. Wenn ein gemeinsamer Zug in das
Ganze kommt, ein Wille, ein Griff: Das eben geschieht im Staat. Im Staat
wird das Volk fähig, zu handeln; fähig, Geschichte zu haben.
Dabei haben natürlich die verschiedenen Zeiten jeweils den Staat,
wie er ihnen gemäß ist. Solange der Mensch mehr in den großen
Gesamtbindungen lebt, wird der Staat mehr im Herrscher ruhen; der lenkt
ihn mit seinen Berater. Ist er aber ein rechter Herrscher, so weiß
das Volk doch, es kommt in ihm zu seinem Recht; der Herrscher führt
des Volkes Sache. Im Maß der Einzelne selbständig wird, will
er selbst am Staat beteiligt sein. So entstehen jene Formen staatlichen
Lebens, in denen der Einzelne sich stärker auswirkt. Der Sinn des
Staates geht darauf, daß in ihm wirklich Volk zum Handeln komme.
Die besondere Art des Volkes soll sich in der Staatsform ausdrücken;
der Wille des Volkes sich in den staatlichen Unternehmungen auswirken.
Daß
ein Volk im Staat, daß der Staat als lebendige Form des Volkes handle
- das schafft Geschichte. ... Wenn die Einzelnen am Leben
dieses Staates Anteil nehmen und sich für ihn verantwortlich Wissen.
Wenn das Parlament dafür da ist, daß offen gesprochen, daß
Gesamtmeinung und Gesamtwille gebildet werde; und die Behörden dafür,
die verstreuten Kräfte zusammenzufassen. Wenn der führende Politiker
weiß, daß er aus dem Ganzen des Volkes heraus schafft und ihm
zur Tat hilft; und wenn das Volk weiß, daß es solche tatkräftigen
Einzelnen braucht, sie erkennt und ihnen vertraut. Politisch handeln heißt,
so handeln, daß ein solches Volk und ein solcher Staat werde.
... Wo liegt das Wirklichkeitsfeld, in dem aus Ziel und Idee Tat und Gestalt
wird?
Das Parlament hält Sitzung ...
Aber bleiben wir beim Abgeordneten. Wenn einer gewählt wird, was
müßte da seine erste Überlegung sein? Seine grundlegende
Überzeugung? Diese: `Ich bin geschickt, nicht nur von meiner Partei,
sondern vom ganzen Volk. Ich habe mitzuarbeiten, daß im Volk eine
richtige und lebendige Überzeugung werde über das, was ehrenvoll
und nützlich sei. Daß im Volk klarer und zielbewußter
Wille erstehe. Daß es mit wachem Geist und gespannter Kraft im Staat
lebe und schaffe. Aber ich bin nicht allein da. Andere sind auch noch da.
Es gibt nicht nur meine Überzeugung. Auch nicht nur die meiner Partei.
Es gibt noch andere Parteien. Die haben auch ihre Sprecher gesandt, und
jeder von ihnen steht ebenfalls für das ganze Volk. Jeder bringt Erfahrungen
mit; jeder sieht Richtiges; jeder ist begrenzt und irrt. Und nun besteht
meine Aufgabe gerade darin, diese Fülle von Einsichten, Zielsetzungen
und Willenskräften zu einer lebendigen Einheit zusammenzufassen. Zur
Einsicht des Volkes; zum Willen des Volkes...´ So müßte
er denken! Der Staat soll ja unser Werk sein; nicht nur eine Schachtel,
in die wir hineingesetzt sind. ...
-
S. 167 f.: "Wer weiß, daß `Staat´ jenes Große,
Weite, Starke ist , das durch schöpferische Tat aus den Gegensätzen
emporwächst; `Volk´ jenes Tiefe, Umfassende, das sich in ihnen
entfaltet und von bauender Kraft in die Einheit des Staates zusammengefaßt
sein will - wer jedem anderen so gegenübertritt, daß sofort
in ihnen beiden `Volk´ lebt, `Staat´ wächst - der hat
politische Haltung. (Eine Anmerkung: Man wendet vielleicht ein:
Das ist Demokratismus! So wird kein Staat und kein Volk. Auch keine
Tat und kein Werk. Das alles wird nicht zusammengebaut aus Meinung und
Willen der Vielen, sondern wird geschaffen vom Einzelnen, der Erkenntnis
und Kraft dazu hat. Alles Große kommt vom einzelnen. Es ist der Irrtum
flachen Parlamentarismus, durch Wahl, Verhandlung und Ausgleich entstehe
Werk und Tat...
Das alles weiß ich wohl. Weiter unten ist vom Richtigen dieser
Ansicht die Rede. Wie es dieser Einwand aber sagt, meine ich es nicht.
Ich rede hier von dem, was jeder tun kann und allezeit. Von der Haltung,
die jedermanns Pflicht ist. Sie erst schafft die Voraussetzung dafür,
daß der Einzelne Verständnis und Gefolgschaft finde.
Und dann: Wir wollen nicht dem Rausch des Genie-Kultes verfallen.
Es ist einfach nicht wahr, daß nur der große Einzelne schafft,
sondern jeder Einzelne. Freilich jeder nach seinem Können. Und
von diesem jeden Einzelnen, von dir also und von mir, rede ich. Ist ein
Großer da, so trete er vor und zeige, was er kann! Wir aber wollen
uns nicht durch die Berufung auf den Großen unsere kleine Leistung
verächtlich machen; und auch nicht unsere kleine, aber für unsere
bescheidene Kraft schwere Pflicht durch Genie-Gerede wegtäuschen lassen!)"
-
S. 169: "Ein anderer Gesichtspunkt: Der Staat besteht aus Persönlichkeiten.
Persönlichkeit aber ist innerlich. Sie hat eine Welt in sich, welche
andere nicht schauen können, wenigstens nicht bis ins Letzte. Wie
können sie einen Staat bilden, wenn doch jede in sich steht? ..."
-
S. 174: "Die Politik eines Staates wird umso sicherer, je zuverlässiger
die öffentliche Meinung in ihm ist, das heißt je richtiger im
allgemeinen die Leute sehen, was vor sich geht, je sachlicher ihr Urteil
ist, je verläßlicher ihr Wort. Wir haben in den letzten Jahren
erfahren, wie in schweren Augenblicken oft alles darauf ankam. Sie trägt
die Regierung; überwacht sie auch und berichtigt sie. ... Wir sind
empört, wenn ein Abgeordneter im Parlament drauflos behauptet; sobald
wir aber in einer Versammlung oder in einem Gesprächskreise urteilen,
und wissen nicht genau, ob es stimmt, haben wir das Gleiche getan. ...
Die öffentliche Meinung schaffen wir. ... Und sind mit daran schuld,
wenn im entscheidenden Augenblick keine zuverlässige öffentliche
Meinung da ist, und irgendein Zusammenbruch erfolgt.
... Wir haben von der Hoheit gesprochen, gleichsam als dem Herzstück
des Staates. Damit aber Staat sei, muß auch ein Volk sein. Nun
ist Volk aber nicht ohne weiteres da, sondern es muß werden. Vielleicht
muß es immer wieder aufs neue werden. Von innen heraus, durch
inneres Heraufwachsen, Zusammenwachsen. So ist Politik auch Dienst am Volk.
Worin mag solcher Dienst bestehen?"
-
S. 179: "Merkst Du, was hier einander gegenübersteht? Tyrannei und
Anarchie. Unterdrückung und Revolution. Und immer ruft eines das andere.
Staat
wird erst, wenn die Einheit von unten nach oben und von oben nach unten
wächst. Durch klaren, festen, aber mit Achtung gegebenen Befehl; durch
selbstverständlichen, aber aufrechten Gehorsam. Dann schließt
sich Staat, und wird Fähigkeit zum Handeln.
Noch eine andere Art dieser Einheit gibt es: Die des Führenden
und Geführten. Es ist nicht wahr, daß alle Menschen gleich seien.
Sie sind verschieden ihrer Wesensart nach; verschieden nach Art und Maß
ihrer Begabung. Nicht darin besteht die Gleichheit, daß alle das
Nämliche seien und gelten, sondern daß jeder er selbst sei,
und an seinen Platz im Ganzen kommen könne. Das ist wahre Demokratie.
Pöbelgesinnung behauptet, alle seien gleich. Eifersucht will,
daß keiner mehr sei und sucht niederzudrücken, was hervorragt.
Wo dieser Art herrscht, entsteht nicht das reiche, gespannte und doch einheitliche
Handeln von Volk im Staat. Politische Haltung bedeutet, daß man die
Unterschiede der Begabung sehe und anerkenne. Daß man den Einzelnen
kommen lasse, wohin er gehört. Die größere Kraft und Begabung
an die größere Aufgabe und Verantwortung, auch wenn man selbst
dadurch zurückstehn muß. Und umgekehrt bedeutet Staat, daß
der also Vorangestellte sein Werk tue im Ganzen, aus der Sache heraus und
für die Gesamtheit."
-
S. 182: "In alledem wird politische Haltung oder wird nicht. Und danach,
ob sie hier geworden ist oder nicht, ist sie nachher oder fehlt in der
Zeitung, in den Beratungen des Gemeindevorstandes, in den Wahlversammlungen,
in der Parteileitung, im Parlament, bei den Behörden, bei Verhandlungen
mit andern Völkern."
Aus 5. Gemeinschaft, in: Vom Sinn der Kirche. Fünf Vorträge.
Der katholischen Jugend zu eigen, Mainz 1922; 1938, S. 96-119
-
S. 115, FN 1: "... Andererseits aber ist die Kirche allem Demokratismus
feind, aller Verwischung der Rangstufen und Wesensunterschiede, und darin
durchaus aristokratisch. Das liegt schon in der ungeheuren Wucht der Tradition.
Demokratismus - nicht Demokratie - ist bloße Gegenwart, Neuigkeit.
Damit wird wirkliche Auswahl, Wertung und Bewährung unmöglich.
Der Druck der Tradition hingegen zwingt die Gegenwart, sich zu bewähren,
und wirft nieder, was dazu nicht stark genug ist. Kierkegaards `Buch über
Adler´ hat diese auswählende und zur Bewährung zwingende
Kraft der Tradition prachtvoll herausgestellt. Auch die Autorität
ist autokratisch, vorausgesetzt, daß sie wirklich Mut und Kraft zum
Befehl hat und nicht nur verkleidete Schwäche ist. Demokratistische
Geisteshaltung kann weder befehlen, noch weiß sie zu gehorchen."
Zum Problem der Demokratie. Der Versuch einer Klärung, Staatsbibliothek
München 1946, jetzt in: Geschichte und Wissenschaft, 21. Jg., 1970,
S. 711-716
-
S. 712: "Ich persönlich glaube wirklich, ein Demokrat zu sein -
ich füge sofort hinzu, ein katholischer Demokrat, der absolute Werte
und objektive Autoritäten als gegeben anerkennt. Wenn ich mein
Gefühl frage - ich darf hinzufügen, daß dieses Gefühl
nicht unbestimmt geblieben ist, sondern in vielen Jahren der Arbeit in
einem großen Bunde der Jugendbewegung und in der Regierung einer
Burg zuerst einem Bunde und dann dem aus dem Bunde kommenden Geiste gehörte,
beständig Anlaß gehabt hat, zur Tat zu werden -, dann verstehe
ich unter Demokratie folgendes:
Einen Zustand des Lebens, in welchem die primäre Initiative
des sowohl persönlichen wie öffentlichen Tuns im einzelnen liegt.
Dieser Initiative steht gegenüber ein wachsendes Bewußtsein
vom Recht des anderen und vom Recht der Ganzheiten der res publica. Sobald
Letztere in legitimer Form eine Sache definiert hat (Verfassung, Gesetz,
Urteilsspruch usw.), bindet sie mich, auch wenn ich anderer Meinung bin.
So bleibt mir denn nur der vom Gesetz vorgesehene Weg, dagegen anzugehen.
Zum demokratischen Grundgefühl gehört weiter die unwillkürliche
Geneigtheit, mehr als das: die Selbstverständlichkeit, daß alle
Fragen, die in den Lebensbereich des anderen oder in den der Gemeinschaft
greifen, in ebenbürtiger Verhandlung, in einem vernünftigen und
von Achtung getragenen Ausgleich gelöst werden."
-
S. 713: "Zu diesen Voraussetzungen scheinen mir etwa folgende zu gehören:
Der einzelne muß das Gefühl eines persönlichen, geformten
Daseins haben; das, was die Vergangenheit mit dem Begriff nicht der Person,
sondern der Persönlichkeit gemeint hat. Er empfindet die Einzigartigkeit
jeder Persönlichkeit. ... Das Zweite ergibt sich ohne weiteres hieraus:
Der demokratisch gesinnte Mensch ist fähig, auf sich selber zu stehen,
seinen Weg zu gehen, sein eigenes Leben zu gestalten. Wohl verlangt er
nach Gemeinschaft, aber als von Persönlichkeit zu Persönlichkeit,
mit all den Spannungen, die aus der Einmaligkeit beider entspringen. Und
er verlangt die Möglichkeit, immer wieder in den eigenen Bereich zurückzukehren,
auch auf die Gefahr hin, darin nicht nur mit sich allein, sondern in sich
einsam zu sein. ... Der demokratisch gesinnte Mensch empfindet ganz primär
den Wert der Freiheit, und zwar der persönlichen sowohl wie der des
Gesamtwesens, in welchem er steht. Letztere Freiheit wird nicht nur durch
äußere Unterdrückung seitens fremder Mächte, sondern
sogar viel mehr noch von innen her zerstört, sobald die Persönlichkeit
nicht die Stellung hat, die ihr gebührt.
Bisherige Demokratie setzt also ein Gleichgewichtsverhältnis
zwischen individueller Selbständigkeit und objektiver Ordnung voraus.
Das wiederum setzt voraus, daß die Anzahl der in Betracht kommenden
Menschen nicht so groß ist, daß daraus die Masse wird, sondern
daß die Persönlichkeit immer noch ein - wen auch noch so wenig
erreichtes - Normbild darstellt. Setzt ferner voraus, daß die wirkenden
ökonomischen, geistigen, sozialen Energien von Persönlichkeiten
empfunden, getragen und vertreten sind, so daß sie nicht den anonymen
Charakter durchgehender Gewalten annehmen.
Und nun frage ich: Ist das heute noch gegeben? Ich glaube nein."
-
S. 714: "Ich konstatiere im Durchschnitt der Menschen, besonders der jüngeren,
folgendes: Sie empfinden die Persönlichkeit nicht mehr als unbedingten
Wert. Sie verlangen nicht danach, sie selbst zu sein, sondern sind unwillkürlich
bereit, in einem Ganzen aufzugehen. Die Ganzheit steht mit einer solchen
Wucht im Bewußtsein, daß nicht einmal das Gefühl durchdringt,
`Glied´ zu sein, was immer etwas Organisches bedeutet und eine Spannung
des Einzelnen zum Ganzen voraussetzt, sondern Ziffer in einer Vielzahl,
Element in einem Eigentlich-Seienden. Selten treffe ich auf das für
die Demokratie elementare Verlangen nach Freiheit. Man will gar nicht
frei sein, sondern man verlang den Befehl und legt das Ethos in dessen
saubere und sachliche Durchführung. ..."
-
S. 716: "Du verstehst, was solche Überlegungen für einen Menschen
bedeuten, der seinem ganzen Wesen nach in der zu Ende gehenden Kultur wurzelt.
... So wird es darauf ankommen, ob man sich darauf stützt, daß
die geschichtlichen Umbrüche ja niemals mit einem Ruck vor sich gehen,
sondern Stränge des Früheren noch lange über die Zeit hinaus
laufen, in der der Mittelpunkt, der Schwerpunkt des Geschehens schon längst
anderswohin gerückt war, und ob man sich so etwas sucht, worin das
Frühere `noch´ besteht - oder ob man sich berufen fühlt,
in das Neue einzutreten und dort mitzuwirken, um den Ertrag des Früheren
hinüberzuretten, bzw. ob man nach der Weise sucht, wie das Menschlich-Unerläßliche
im Neuen zur Geltung kommt."
Das Ende der Neuzeit. Ein Versuch zur Orientierung, Basel 1950
-
S. 73: "Von hier aus müssen wohl auch die so viel beredeten
demokratischen Werte umgedacht werden. Jeder empfindet die tiefe Krise,
in welche sie gekommen sind. Die Krise stammt daher, daß jene Werte
ihrer geschichtlichen Prägung in der Atmosphäre der Persönlichkeitskultur
empfangen haben. Sie drücken den Anspruch der Vielen aus, jeder von
ihnen müsse zur Persönlichkeit werden können. Ebendamit
setzen sie aber die relativ kleine Zahl voraus; und es zeigt sich denn
auch, daß echter demokratischer Geist in diesem Sinne nur in kleinen
Ländern; wenn aber in großen, dann nur in solchen möglich
ist, die noch sehr viel offenen Raum haben. Die Entscheidung über
die Zukunftskraft der demokratischen Werte liegt aber darin, ob sie in
die Kargheit und Existenzstrenge der Person umgedacht und ungelebt werden
- jener Person, die in der Masse steht. Gelingt das nicht, dann tritt die
zweite furchtbare Möglichkeit ein: daß der Mensch den Es-Mächten
verfällt."
-
S. 101, Anmerkung: "Die Natur wird immer mehr experimentell und rational
durchdrungen; die Politik als ein bloßes Spiel von Mächten und
Interessen begriffen; die Wirtschaft aus der Logik des Nutzens und der
Wohlfahrt abgeleitet; die Technik als eine große, jeden Zweck zur
Verfügung stehende Apparatur gehandhabt; die Kunst als eine Gestaltung
nach ästhetischen Gesichtspunkten und die Pädagogik als Heranbildung
jenes Menschen angesehen, der imstande ist, diesen Staat und die Kultur
zu tragen. Im Maße das geschieht, sinkt die religiöse Empfänglichkeit
... Der religiöse Akzent, der früher auf dem Staate ruhte;
der Charakter der Hoheit, welcher aus einer irgendwie gedachten göttlichen
Weihe entsprang, verschwindet. Der moderne Staat leitet alle Gewalt vom
Volke ab. Eine Weile wird versucht, dem Volk selbst Hoheitscharakter zu
geben - siehe die Anschauungen der Romantik, des Nationalismus und der
frühen Demokratie. Die Idee entleert sich aber bald und bedeutet nur
noch, daß `das Volk´, will besagen, die zum Staat gehörigen
Vielen, in irgendeiner Form der Willensäußerung die letzte Instanz
für den Gang von dessen Maßnahmen bilden - soweit es nicht in
Wahrheit eine handlungskräftige Sondergruppe ist, welche das Regiment
führt. ...
Das Gesetz des Staates ist nicht mehr als nur ein Gefüge von Regeln
öffentlich gebilligten Verhaltens; hinter ihm steht ein Unantastbares,
das sich, wenn das Gesetz gebrochen wird, im Gewissen zur Geltung bringt.
Die soziale Ordnung ist mehr als nur Gewähr für reibungsloses
Zusammenleben; hinter ihr steht etwas, das ihre Verletzung in irgendeinem
Sinn zum Frevel macht. Dieses religiöse Element bewirkt, daß
die verschiedenen, für das menschliche Daseins nötigen Verhaltensweisen
auch ohne äußeren Druck, `von selber´ verwirklicht werden
..."
Gesichtspunkte für ein Gespräch über Freiheit, Demokratie
und humanistische Bildung, 1959, jetzt in: Geschichte und Wissenschaft,
21, 1970, S. 732-739
-
S. 732: "Erlauben Sie mir, von einer persönlichen Erfahrung
auszugehen. Ich glaube, zu sehen, daß nicht nur viele müde gewordene
Ältere, sondern auch und gerade junge Leute an der demokratischen
Gestaltung des Staats- und Gemeinschaftslebens uninteressiert sind. Daß
daher jene ernste und leidenschaftliche Parteinahme fehlt, die angesichts
der ungeheuren Bedrohung in der Gegenwart nötig wäre. Die
Haltung eines wirklichen Demokraten ruht darauf, daß er anders als
in Freiheit nicht existieren kann. So ist die Demokratie jene Form des
Gemeinschaftslebens, die der Freiheit den größten Raum gewährt;
mehr noch, sich immerfort auf der freien und verantworteten Entscheidung
des einzelnen aufbaut. ... Die uns - also den Älteren - vertraute
Art der Freiheitshaltung besteht im Willen, aus der eigenen Mitte heraus
zu leben; das Dasein aus persönlicher Entscheidung aufzubauen und
dafür die Verantwortung zu tragen; in der Überzeugung, daß
sich darin nicht nur das eigene Wesen voll verwirklichen, sondern die individuelle
Existenz in Einklang mit den allgemein gültigen Normen kommen werde.
Dafür aber ist die Demokratie - das Wort für die Struktur des
ganzen Daseins - die gemäße Form. Demgegenüber scheint
eine andere Erfahrung denkbar. Für sie wäre Freiheit gerade das
Wegkommen von sich selbst und das Aufgehen in der jeweils fordernden Ganzheit,
von den individuellen Bezügen zwischen Mensch und Mensch aufwärts
zu den jeweils umfassenderen soziologischen Ordnungen bis schließlich
zu der des Staates, dessen Leben und Leistung. Diese Freiheitshaltung würde
die soeben beschriebene Demokratie als unernst, zuchtlos und der Größe
der kommenden politisch-wirklichen Aufgaben gegenüber unzulänglich
empfinden. Wenn das so wäre, dann käme es darauf an, diese Freiheitsvorstellung
zu reinigen und von der Person her durchzudenken. Letzteres deswegen weil
es scheint, daß sie der totalitären Anschauung zugrunde liegt
- -freilich so, daß sie durch die Gewalt pervertiert wird. Die Aufgabe
bestünde dann darin, sie der Gewalt aus der Hand zu nehmen, auf die
Person und ihre Würde zu beziehen und der Formung der heranwachsenden
Generation zugrunde zu legen."
-
S. 734: "Das hat eine Konsequenz, die unmittelbar unsere Frage angeht:
Der Humanismus war im Grunde immer undemokratisch, wenn nicht antidemokratisch;
eine Sache kleiner, privilegierter Schichten. Ethisch gesprochen, war die
Fremdheit gegenüber dem Volk - ja der Hochmut - immer eine der ihm
drohenden Gefahren. `Odi profanum vulgus ...´
-
S. 738: "Wenn Freiheit aber der tiefste Ausdruck der Menschlichkeit
ist, muß auch sie, genauerhin die Weise, wie sie erlebt und wie sie
vollzogen wird, von den Voraussetzungen der geschichtlichen Stunde her
bestimmt sein, und es erhebt sich die Frage, wie es damit stehe; wie die
Werte und Forderungen der Freiheit gefaßt werden müssen, um
gültig und verpflichtend zu werden, und wie eine konkrete Erziehung
zu ihnen zu geschehen habe. Entsprechendes würde auch für alles
das gelten, was `Demokratie´ als politische und darüber hinaus,
soziale Form überhaupt heißt. Auch sie dürfte nicht - wie
etwa die der bürgerlichen Revolutionen - auf dem Freiheitserlebnis
individueller Originalität in Sein und Tun aufruhen, wie sie dadurch
in Gefahr käme, wie dieses selbst als nicht mehr aktuell und daher
als uninteressant empfunden zu werden. Es würde unmöglich, zu
ihr zu erziehen - vor allem deshalb, weil nicht mehr das entstehen könnte,
was sowohl eines der wesentlichen Ergebnisse wie Voraussetzung echter Formung
ist, nämlich ein Vorbild, das ohne weiteres einleuchtet und verpflichtet.
..."
Pluralismus und Entscheidung (Vortrag vor dem Deutschen Volkshochschultag
am 22.11.1961 in Frankfurt am Main. Wegen Krankheit des Verf. vorgetragen
von Messerschmid Felix), Frankfurt 1961:
Die Pluralität
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S. 135: "Blickt der vom heutigen Chaos der geistigen Standpunkte Herkommende
auf das Mittelalter - dabei vorausgesetzt, daß er keine festgewordenen
Vorurteile mitbringt -, dann gewinnt er vor allem einen Eindruck: den einer
großen Einheit. Die geistige Welt wird von der Offenbarung her bestimmt.
Eine in der Kirche sich ausdrückende Ordnung formt alle Bereiche des
kulturellen Lebens. Im Politischen wirken mächtige Einheitsvorstellungen,
vor allem die des Reiches. Ein in den verschiedenen geschichtlichen Phasen
jeweils einheitlicher künstlerischer Stil gibt das Gefühl eines
geschlossenen, an jeder Stelle mit symbolhafter Bedeutung gesättigten
Kosmos, der den Einzelnen trägt und führt. Sobald freilich der
Betrachter die beinahe ein Jahrtausend umfassende Epoche näher kennen
lernt, sieht er auch die Vielartigkeit, die in alledem herrscht: die Eigenheiten
der Volksart; die sozialen Spannungen; die Einwirkungen des Orients. Er
sieht die zahlreichen geistigen Strömungen ebenso wie die höchst
mannigfaltigen religiösen, sittlichen, dichterischen Antriebe, undsofort.
Immer aber bleibt vorherrschend der Eindruck einer großen, alle Mannigfaltigkeit
nicht nur äußerlich umgreifenden, sondern auch innerlich bestimmenden
Einheit ..."
-
S. 137: "das Wort `die Freiheit´... Die Wurzeln, aus denen
es heraufwächst, sind verschiedener Art. Einmal das in der Renaissance
durchdringende Gefühl von der Kostbarkeit dessen, was `Persönlichkeit´,
besonders die große, geniale Persönlichkeit heißt; vom
Reichtum der Möglichkeiten in Leben und Werk, der in ihr liegt. Von
daher bedeutet Freiheit, daß diese Möglichkeiten sich ungehindert
verwirklichen können ... Ein Zweites ist der `kategoriale´ Charakter,
den die Person, ihr Sein und ihr Tun tragen, d.h. der verpflichtende Unterschied,
der zwischen `Person´ auf der einen und Naturenergie wie biophysischer
Individualität auf der anderen Seite besteht. Freiheit bedeutet, daß
dieser Charakter Raum bekomme; die Person nie gezwungen, noch zum Mittel
für Zwecke gemacht, vielmehr in ihrer Würde und Verantwortung
geachtet werde ... Ein drittes, oft nicht genug beachtetes Moment ist religiöser
Natur. Es kommt aus dem Begriff der christlichen Freiheit, der besagt,
daß der von Gott geschaffene Mensch Sein Ebenbild ist und von dorther
eine eigene Würde hat; daß er mit Gott in einem Bezug steht,
der ihn quer durch die unmittelbaren Naturzusammenhänge hin verbindet;
daß der erlöste Mensch von der Knechtschaft des Bösen befreit
ist. Der religiöse Charakter dieser Vorstellung unterliegt dann freilich
einer weitgehenden Abschwächung und Verweltlichung, wie sie sich zum
Beispiel in den Verquickungen zwischen dem Begriff des Christlich-Großen,
des Heiligen und de Natürlich-Großen, des Genies ausdrücken
... Der Vorgang schreitet, wie bekannt, immer stärker vor. Er erreicht
seinen ersten Gipfel in dem, was - der Name deutet es an - `Liberalismus´
heißt. Darunter soll nichts im engeren Sinne Politisches, sondern
eine menschlich-kulturelle Gesamthaltung verstanden sein; jene nämlich,
die eine objektive Bindung nur anerkennt, wo sie vom wissenschaftlich festgestellten
Sachverhalt, oder von der sich aufdrängenden soziologischen Notwendigkeit
ausgeht. ... Daraus entsteht eine Vielartigkeit der Anschauungen,
die auch, wie das nicht anders sein kann, aus der Innerlichkeit in die
äußeren Bereiche vordringt und eine Mannigfaltigkeit kultureller,
sozialer, politischer Formen erzeugt. Soweit der Einfluß der `Deutung´,
der Sinnbestimmung reich - und er reicht sehr weit -, ist die Struktur
des Lebens nun nicht mehr einheitlich, sondern mehrheitlich, pluralistisch.
Die verschiedenen Einzelnen oder Gruppen leben aber im gleichen Raum
un in den gleichen kulturellen Zusammenhängen. Also bedarf es einer
Ordnung, welche die aus der Vielartigkeit kommenden Spannungen nicht nur
lebbar macht, sondern sie in ein gerade durch solche Vielartigkeit möglich
werdendes fruchtbares Verhältnis bringt. Das geschieht durch das demokratische
Prinzip.
Dieses besagt: Das Dasein ruht auf einer Vielheit von Personen;
auf der Mannigfaltigkeit ihrer Anschauungen, ihrer sozialen und kulturellen
Impulse. Diese Vielheit ist berechtigt und darf ihr Recht durch selbstbestimmte
Lebensführung und Arbeitsleistung beweisen; so kann eine Einheit immer
nur durch ebenfalls freies Zusammenwirken zu Stande kommen. Also muß
Jeder den Anderen anerkennen, ihm Raum geben, seine Überzeugung als
solche achten, auch wenn er sie nicht teilt, und stets bereit sein, mit
ihm, wo nur möglich, in Kooperation zu treten.
Demokratisch ist aber auch das Vertrauen, von hier aus sei eine echte,
wenngleich bedrohte und immer neu zu schaffende Einheit möglich -,
ebenso wie ein auf gemeinsam gewonnener Erfahrung und Weisheit ruhendes
Ethos. Eine Erziehung zur Selbstzucht, zum Verstehen, zur freien Zusammenarbeit
entsteht, was alles zu einem Gesamtbild wertvollen Menschentums führt,
von dem eigentlich mehr gesprochen werden sollte, als es tatsächlich
geschieht."
Krise und Umschlag
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S. 141: "Hier begegnen uns nun geschichtliche Vorgänge, die durch
die Breite ihres Feldes, durch die Stärke der in ihnen wirkenden Impulse
und die Größe ihrer Folgen nicht erlauben, sie zu übersehen.
Es ist der nach-neuzeitliche Totalismus, wie er sich im Faschismus, im
Nationalsozialismus und Kommunismus ausdrückt."
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S. 143: "Wir können der Frage nicht nachgehen, wie der Gedanke der
Macht zur Idee geworden ist; wie er andere Werte benutzt hat, um sich auszudrücken,
denken wir etwa an die faschistische Vorstellung von der Nachfolge des
alten Rom; an die nationalsozialistische vn edlen Rassen und ihrem Vorrecht
auf der Erde; an die Impulse, die aus dem Bemühen hervorgehen, die
bisher Entrechteten zur Herrschaft zu bringen undsofort. Uns interessiert
hier nur dieses: daß die Deutung der Freiheit im subjektivistischen
Sinne, der Verlust objektiver Inhalte durch die Relativierung aller Wert,
die innerlich unverbundene Pluralität der vielen Standpunkte und Impulse
einen Zustand der Skepsis, der Haltlosigkeit, ja schließlich der
inneren Leere hervorgerufen haben, in den die Verkündigung der Macht
als des einzig feststehenden Wertes hineinstoßen kann. ... Hat
der Totalismus so das Erbe des liberalen Lebensglaubens angetreten und
die Macht als den alles - auch jedes Verbrechen! - rechtfertigenden Wert
aufgestellt, so hat er das Gleiche mit dem zweiten liberalen Glaubensgedanken,
nämlich mit der Fortschrittsidee getan. Als vorantreibendes Motiv
ist diese nicht mehr in Europa lebendig, sondern zum kommunistischen Totalismus
übergegangen, wo sie die Basis nicht nur für das Verständnis
der Geschichte, sondern auch für die ganze Moral bildet."
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