Hatte der Band "Guardini Weiterdenken I" noch den Untertitel "Aktuelle
Ansätze zur Politik aus dem Geist des Personalen" verzichtet der zweite
Band darauf und kommt der Sache dennoch näher als der Vorgängerband.
Sahen die Autoren des ersten Bandes noch einige Schwierigkeiten darin,
Romano Guardinis Denken direkt oder indirekt mit dem Politischen zu verknüpfen,
weil er doch letztlich - so vor allem die Meinung von Alexander Schwan
- unpolitisch bis antiliberal gewesen sei und seinen Personalismus nicht
konsequent genug in Richtung Pluralismus und Demokratie entwickelt habe,
gehen die meisten der nun versammelten Autoren unkomplizierter und mit
weniger Vorurteilen belastet auf das Thema zu, obwohl es gar nicht das
eigentliche Thema war, sondern das Verhältnis von Christentum und
Kultur (S. VIII). Von den unterschiedlichsten Perspektiven aus kamen sie
aber um die Frage nach der Politik nicht herum. Und Guardini erscheint
auf einmal nicht mehr als der kulturpessimistische Romantiker, dessen Verdienste
ausschließlich in der Jugend- und Liturgiebewegung liegen und
der dadurch vorbereitend auf das II. Vatikanische Konzil wirkte. Tatsächlich
hatten nicht wenige Guardini mit dem II. Vatikanischen Konzil "ad acta"
gelegt, weil man nicht zu einer tiefergehenden Spurensuche bereit war und
stattdessen oberflächlich Guardinis "Prophetien" als "erfüllt"
ansah. Erst heute gut 30 Jahre später versucht man sich nicht nur
an ihn zu "erinnern". Von daher hatte ich schon beim ersten Band das Problem,
wie man Guardini weiterdenken könne, wenn man noch nicht einmal sein
Denken wirklich erfasst, seine Gegensatzidee nicht wirklich begriffen hat.
Der evangelische Bischof Wolfgang Huber vergleicht Guardini mit Bonhoeffer
und sieht ihre charakteristische Gemeinsamkeit in der "Verbindung zwischen
christologischer Konzentration und Hinwendung zur Welt" (S. 11) Glaube
bedeutet für beide, mit einer Wirklichkeit verbunden zu sein, die
der Welt gegenüber souverän ist, weil sie das "göttliche
Gegründetsein der Welt, das sich in Christus erschließt" (S.
11), anerkennt. Und diese Haltung ermöglicht es, die "Segmentierung
der Lebensbereiche" (S. 12) wieder rückzubinden, die Säkularisierungen,
Ähnlichkeiten, Halbheiten und Vermengungen hinter sich zu lassen.
Huber hält Guardini auch heute noch in vielem für richtungsweisend,
nur mit der angeblichen "existenzphilosophischen Prägung" und der
an Heidegger angelehnten "Eigentlichkeitssemantik" kommt Huber nicht zurecht
(S. 13). Wie weiter hinten im Band zu lesen ist, hat schon der evangelische
Theologe Gerhard Gloege 1949 das Buch "Freiheit - Glaube - Schicksal" als
"Ethik der Selbständigkeit" gewürdigt, die an das Problem des
"mündigen" Menschen bei Dietrich Bonhoeffer erinnere oder an die Verantwortung
des Menschen für die Welt bei Friedrich Gogarten. Er hatte mit Guardini
wiederum das Problem, dass er den Protestantismus nur via Max Weber und
Werner Sombart aufgenommen habe, was ein Irrtum ist, da Guardini sich vor
allem in der Auseinandersetzung mit Heiler einen Begriff vom Protestantismus
gemacht hatte. Auch Kardinal Karl Lehmann betont in seinem Aufsatz die
Guardinische Sorge um die von Gott gewollte und dem Menschen anvertraute
Welt (S. 28), die es nicht erlaubt in geschlossenen Systemen zu denken
und damit letztlich zu polarisieren oder zu synthetisieren. Während
Richard Schröder bei seiner Kritik an neuzeitlichen Traditionsbeständen
nur indirekte Bezüge zu Guardini herstellt; Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
in ihrem Aufsatz über Guardinis Weltanschauung-Konzeption zwar Guardinis
Methode klar verdeutlicht, letztlich aber in ihren "zeitbedingten Frontstellungen"
die politische Dimension der Weltanschauung wieder einmal ausspart, obwohl
man doch nur bei Hanns Seidel nachzulesen bräuchte; auch Hans Maier
konstatiert erneut ein ebenfalls von Guardinis angeblicher Heidegger-Bewunderung
herrührendes Defizit an Ethischem und Praktisch-Politischen beim frühen
Guardini, das er mit seinen Ethik-Vorlesungen in München auszugleichen
versucht habe und doch nur bei seiner "Gehorsams-Ethik" stehen geblieben
sei; während hier also Guardini noch in den gängigen Bahnen gedeutet
wird, kommt schon bei den "Wegen der Rezeption" eine neue Sensibilität
für das Wesentliche bei Guardini zum Ausdruck. Da wird die polnische
Philosophie-Studentin Magdalena Zak nach der Lektüre des Werks "Freiheit
- Gnade - Schicksal" zitiert: "Meine Aufmerksamkeit erregte auch die Feststellung,
daß der Mensch fehlerhaft den Sinn von Herrschen und Gewalt versteht
und in ihm eben ein Gefühl der Freiheit sieht. Wie ist das doch heute
aktuell, wie wichtig ist die Erkenntnis, daß Herrschaft nicht Freiheit
bedeutet, sondern Versklavung, Fesselung durch eigene Interessen, eigenen
Egoismus und eigene Überheblichkeit." (S. 121) Da wird auf die immense
Wirkung Guardinis auf die katholische, amerikanische Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegung
der 50er und 60er Jahre verwiesen, auf Dorothy Day, auf Joseph B. Gremillion,
auf Anne Sexton und auf Flannery O´Connor. Und kein geringerer als
Thomas Merton schreibt Guardini die Idee zu, "daß Christen der Sauerteig
im säkularen Bereich der Welt sein sollen, indem sie diese von innen
her verändern. In Mertons eigenen Worten: `Guardini is speaking of
the true situation of the Christian in the world today: called by what
does not yet exist, called to help it come into existence through and
by a present dislocation of Christian life." Er galt nicht wenigen
als "one of the great humanists living in our inhuman time" (Douglas Auchinchloss).
(S. 173f.) Da wird Karl Rahners Einschätzung wieder geteilt, daß
Guardini den Katholizismus aus einer "reaktionär-konservativen Periode"
in ein neues, positiveres Verhältnis zur Moderne geführt habe
und zudem die Kirche gelehrt habe, "in einer pluralistischen Welt zu leben,
ohne relativistisch zu werden." (S. 176) Da betont Karl-Heinz Wiesemann
mit welch "eiserner Konsequenz" Guardini es verstehe, "allen Denkern einfacher,
plausibler Lösungen den `Quer-Verweis´ zu erteilen. Die Offenbarung,
der Glaube, so der Kehrvers seiner Theologie, steht `quer´
zu allen innerweltlichen Träumen und Utopien." (S. 198) Da spricht
Alfons Knoll davon, daß Guardini sich durch seine Gegensatzmethode
"als ein Denker und Deuter der Pluralität" erweise, der einem
radikalen Pluralismus drei Grenzen steckt, "die aber bei näherem Zusehen
echte Vielfalt gerade zu retten vermögen": Eine wirkliche Transzendenz
müsse anerkannt und die Welt als Schöpfung gesehen werden; das
Dasein des Anderen, die Würde des Menschen, das Gute als Ziel darf
nicht im Namen der "Freiheit" verneint werden; ein "Typus" innerweltlicher
Erfahrung, kultureller Verwurzelung und gesellschaftlicher Identität
darf sich nicht selbst absolut setzen und damit die Offenheit für
anderes verlieren. Gerade die letzte Grenze zeige, "daß sich Guardinis
Verständnis des "Katholischen" auch den Fundamentalismen jedweder
Couleur entschieden widersetzt." Ja, Guardini sei anti-fundamentalistisch
und anti-pluralistisch, wenn Fundamentalismus und Pluralismus bedeuten,
daß sie an keinen Grenzen mehr Halt machen und von keinen Kriterien
mehr geordnet werden, so wie der "forcierte Pluralismus" der postmodernen
Philosophen. (S. 216 und S. 218, FN 17). Gunda Brüske bringt als eine
der ersten überhaupt Guardini ins Gespräch mit den "Kindern der
Freiheit" und gibt dabei Guardinis Demokratieverständnis adäquat
wieder, indem sie die entscheidende Stelle zitiert: "Die Demokratie ist
jene politische Ordnung, die auf der politischen Verantwortung jedes einzelnen
beruht. Dabei weiß sich jeder einzelne für den Staat verantwortlich."
und korrekt deutet: "Diese Verantwortung läßt sich nicht einfach
an den Staat als eine Institution delegieren, sondern muß von Personen
wahrgenommen werden. Er fordert deshalb: Es ist "Zeit, daß eine Regierungskunst
der Existenz ausgebildet würde, die wüßte, daß
trotz aller Automationen das Eigentliche, nämlich die Ordnung des
Daseins, vom Menschen selbst vollzogen werden muß." ... Demokratie
hat für Guardini zwei Pole: den jeweils einzelnen mit seiner politischen
Freiheit und das Ganze des demokratischen Rechtsstaates." (S. 224) Die
Existenz und die Eigentlichkeit, von denen Guardini hier spricht, haben
mit der Existentialismus und der "Eigentümlichkeitssemantik" Heideggers
oder Jaspers nichts zu tun, worauf man sehr schnell kommen könnte,
wenn man sich intensiver mit Guardinis Kierkegaard-Deutung beschäftigt;
sondern mit Guardinis Überzeugung - wie Reinhard Haubenthaler richtig
betont, "daß die Freiheit des Menschen nicht nur `von oben herab´
durch totalitäre Systeme, sondern auch `von innen heraus´ bedroht
ist", nämlich indem man dem erliegt, "was `man´ tut, man haben
und sehen muß". (S. 228f.) Überall wo der Mensch kein "Ethos
des Machtgebrauchs" entwickelt oder sich gar von der Macht zurückzieht,
werden die "Ungeheuerlichkeiten an Macht", die der moderne Mensch gewonnen
hat, übermächtig. Haubenthaler betont Guardinis Antwort: die
Askese, die "bei Selbstbegrenzung, Überwindung und Einübung"
überlegtes, freies und verantwortetes Handeln erst ermöglicht,
"das dem Menschen und der Schöpfung gerecht wird." (S. 231) Und diese
Interpretationen der jungen Generation wird eindrucksvoll bestätigt
von Alois Rummel: Für ihn und viele Studenten der Nachkriegszeit sei
Guardini "ein unentbehrlicher und wirkungsvoller Nothelfer" gewesen, der
"für uns Tübinger nach 1945 am Anfang eines Aufbruchs in eine
neue Demokratie hinein" gestanden sei (S. 259). Zwar habe sich Guardini
in Gesprächen mit Studenten seiner Kenntnis nach "nie zu aktuellen
politischen Themen geäußert", gab aber dennoch Antworten auf
die politischen Fragen und dies ohne zu moralisieren: "Sie alle ... sind
in eine neue Freiheit der Kinder Gottes hinein entlassen worden. Ziehen
Sie daraus die Konsequenzen und definieren Sie Ihre eigene Aufgabe in den
Gemeinden" (S. 260). Nicht wenige Politiker, so der Staatspräsident
von Südwürttemberg Gebhard Müller, gehörten zu den
großen Verehrern Guardinis (S. 265). Sie wurden angesprochen von
"Guardinis Gedankenführung", die "gerade in den Jahren des Aufbaus
nach 1945 immer auch eine politische Aussage" war, insofern, "weil `Welt
und Person´ nicht voneinander zu trennen sind und weil die Welt nur
eine `andere Natur´ von Gott dem Ewigen ist, dessen Natur unauslotbar
bleibt." (S. 266) Guardini hatte direkt und indirekt "eine entscheidende
Rolle gespielt", im Dritten Reich standhaft zu bleiben, weil "die Mißgriffe
und Geistfeindlichkeiten des Nationalsozialismus ... uns kaum plastischer
vor Augen geführt werden können" als durch den Stil Guardinis
und seiner Anhänger wie zum Beispiel Hans Böhringer. Denn für
sie "war Stil ein Gefäß zur Verkörperung und Darstellung
von Sinn." (S. 271). Dies bestätigt auch Walter Dirks in seinem rückblickenden
Vortrag
von 1985, der dankenswerter Weise in dem Band mit abgedruckt wurde: "Romano
Guardini war kein Träumer, kein Idealist von der Art derer, deren
gute und schöne Ideen hoch über der Wirklichkeit schweben, in
einem Ideenhimmel. Er war wahrhaftig kein Materialist, sondern in hohem
Grade begeistert, vom Geist erfüllt, aber er war ein Realist." (S.
277) "Er legte Wert darauf, daß man seine nicht sehr zahlreichen,
aber gewichtigen Äußerungen zu Grundfragen der Politik ernst
nähme. Ich nenne die frühe Schrift "Der Staat in uns" ..., so
könnte man heute sagen, ein basisdemokratisches Programm. Später
schrieb er als zeitkritische, die Politik mitumfassende große Arbeit
`Das Ende der Neuzeit´ und eine Schrift über `Die Macht´"
Aber schon in den 20er Jahren setzte er für die ihm nahestehenden
jungen Leute "Zeichen seiner Offenheit gegenüber dem Anspruch der
Demokratie und der Politik überhaupt." (S. 281) Der "Mut zum Weiterdenken
der entscheidenden Anstöße und Hinweise Guardinis noch über
die Jahrtausendwende hinaus" ist in diesem Band vor allem dort zu spüren,
wo es gelingt, aus alten Interpretationsmustern auszubrechen und ihn endlich
als Universalgelehrten mit eigener Methode ernst zu nehmen, die für
alle Lebensbereiche, auch die Politik, wertvolle Erkenntnisse liefert.
Helmut Zenz, zur Jahreswende 2001/2002