Online-Rezensionen
zu Guardini-Sekundärliteratur


Guardini Weiterdenken II, hrsg. im Auftrag der Guardini-Stiftung von Hans Maier, Arno Schilson, Hermann Josef Schuster, Berlin 1999 (Schriftenreihe des Forum Guardini; Band 8)

Hatte der Band "Guardini Weiterdenken I" noch den Untertitel "Aktuelle Ansätze zur Politik aus dem Geist des Personalen" verzichtet der zweite Band darauf und kommt der Sache dennoch näher als der Vorgängerband. Sahen die Autoren des ersten Bandes noch einige Schwierigkeiten darin, Romano Guardinis Denken direkt oder indirekt mit dem Politischen zu verknüpfen, weil er doch letztlich - so vor allem die Meinung von Alexander Schwan - unpolitisch bis antiliberal gewesen sei und seinen Personalismus nicht konsequent genug in Richtung Pluralismus und Demokratie entwickelt habe, gehen die meisten der nun versammelten Autoren unkomplizierter und mit weniger Vorurteilen belastet auf das Thema zu, obwohl es gar nicht das eigentliche Thema war, sondern das Verhältnis von Christentum und Kultur (S. VIII). Von den unterschiedlichsten Perspektiven aus kamen sie aber um die Frage nach der Politik nicht herum. Und Guardini erscheint auf einmal nicht mehr als der kulturpessimistische Romantiker, dessen Verdienste ausschließlich in der Jugend- und Liturgiebewegung  liegen und der dadurch vorbereitend auf das II. Vatikanische Konzil wirkte. Tatsächlich hatten nicht wenige Guardini mit dem II. Vatikanischen Konzil "ad acta" gelegt, weil man nicht zu einer tiefergehenden Spurensuche bereit war und stattdessen oberflächlich Guardinis "Prophetien" als "erfüllt" ansah. Erst heute gut 30 Jahre später versucht man sich nicht nur an ihn zu "erinnern". Von daher hatte ich schon beim ersten Band das Problem, wie man Guardini weiterdenken könne, wenn man noch nicht einmal sein Denken wirklich erfasst, seine Gegensatzidee nicht wirklich begriffen hat.
Der evangelische Bischof Wolfgang Huber vergleicht Guardini mit Bonhoeffer und sieht ihre charakteristische Gemeinsamkeit in der "Verbindung zwischen christologischer Konzentration und Hinwendung zur Welt" (S. 11) Glaube bedeutet für beide, mit einer Wirklichkeit verbunden zu sein, die der Welt gegenüber souverän ist, weil sie das "göttliche Gegründetsein der Welt, das sich in Christus erschließt" (S. 11), anerkennt. Und diese Haltung ermöglicht es, die "Segmentierung der Lebensbereiche" (S. 12) wieder rückzubinden, die Säkularisierungen, Ähnlichkeiten, Halbheiten und Vermengungen hinter sich zu lassen. Huber hält Guardini auch heute noch in vielem für richtungsweisend, nur mit der angeblichen "existenzphilosophischen Prägung" und der an Heidegger angelehnten "Eigentlichkeitssemantik" kommt Huber nicht zurecht (S. 13). Wie weiter hinten im Band zu lesen ist, hat schon der evangelische Theologe Gerhard Gloege 1949 das Buch "Freiheit - Glaube - Schicksal" als "Ethik der Selbständigkeit" gewürdigt, die an das Problem des "mündigen" Menschen bei Dietrich Bonhoeffer erinnere oder an die Verantwortung des Menschen für die Welt bei Friedrich Gogarten. Er hatte mit Guardini wiederum das Problem, dass er den Protestantismus nur via Max Weber und Werner Sombart aufgenommen habe, was ein Irrtum ist, da Guardini sich vor allem in der Auseinandersetzung mit Heiler einen Begriff vom Protestantismus gemacht hatte. Auch Kardinal Karl Lehmann betont in seinem Aufsatz die Guardinische Sorge um die von Gott gewollte und dem Menschen anvertraute Welt (S. 28), die es nicht erlaubt in geschlossenen Systemen zu denken und damit letztlich zu polarisieren oder zu synthetisieren. Während Richard Schröder bei seiner Kritik an neuzeitlichen Traditionsbeständen nur indirekte Bezüge zu Guardini herstellt; Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz in ihrem Aufsatz über Guardinis Weltanschauung-Konzeption zwar Guardinis Methode klar verdeutlicht, letztlich aber in ihren "zeitbedingten Frontstellungen" die politische Dimension der Weltanschauung wieder einmal ausspart, obwohl man doch nur bei Hanns Seidel nachzulesen bräuchte; auch Hans Maier konstatiert erneut ein ebenfalls von Guardinis angeblicher Heidegger-Bewunderung herrührendes Defizit an Ethischem und Praktisch-Politischen beim frühen Guardini, das er mit seinen Ethik-Vorlesungen in München auszugleichen versucht habe und doch nur bei seiner "Gehorsams-Ethik" stehen geblieben sei; während hier also Guardini noch in den gängigen Bahnen gedeutet wird, kommt schon bei den "Wegen der Rezeption" eine neue Sensibilität für das Wesentliche bei Guardini zum Ausdruck. Da wird die polnische Philosophie-Studentin Magdalena Zak nach der Lektüre des Werks "Freiheit - Gnade - Schicksal" zitiert: "Meine Aufmerksamkeit erregte auch die Feststellung, daß der Mensch fehlerhaft den Sinn von Herrschen und Gewalt versteht und in ihm eben ein Gefühl der Freiheit sieht. Wie ist das doch heute aktuell, wie wichtig ist die Erkenntnis, daß Herrschaft nicht Freiheit bedeutet, sondern Versklavung, Fesselung durch eigene Interessen, eigenen Egoismus und eigene Überheblichkeit." (S. 121) Da wird auf die immense Wirkung Guardinis auf die katholische, amerikanische Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre verwiesen, auf Dorothy Day, auf Joseph B. Gremillion, auf Anne Sexton und auf Flannery O´Connor. Und kein geringerer als Thomas Merton schreibt Guardini die Idee zu, "daß Christen der Sauerteig im säkularen Bereich der Welt sein sollen, indem sie diese von innen her verändern. In Mertons eigenen Worten: `Guardini is speaking of the true situation of the Christian in the world today: called by what does not yet exist, called to help it come into existence through and by a present dislocation of Christian life." Er galt nicht wenigen als "one of the great humanists living in our inhuman time" (Douglas Auchinchloss). (S. 173f.) Da wird Karl Rahners Einschätzung wieder geteilt, daß Guardini den Katholizismus aus einer "reaktionär-konservativen Periode" in ein neues, positiveres Verhältnis zur Moderne geführt habe und zudem die Kirche gelehrt habe, "in einer pluralistischen Welt zu leben, ohne relativistisch zu werden." (S. 176) Da betont Karl-Heinz Wiesemann mit welch "eiserner Konsequenz" Guardini es verstehe, "allen Denkern einfacher, plausibler Lösungen den `Quer-Verweis´ zu erteilen. Die Offenbarung, der Glaube, so der Kehrvers seiner Theologie, steht `quer´ zu allen innerweltlichen Träumen und Utopien." (S. 198) Da spricht Alfons Knoll davon, daß Guardini sich durch seine Gegensatzmethode "als ein Denker und Deuter der Pluralität" erweise, der einem radikalen Pluralismus drei Grenzen steckt, "die aber bei näherem Zusehen echte Vielfalt gerade zu retten vermögen": Eine wirkliche Transzendenz müsse anerkannt und die Welt als Schöpfung gesehen werden; das Dasein des Anderen, die Würde des Menschen, das Gute als Ziel darf nicht im Namen der "Freiheit" verneint werden; ein "Typus" innerweltlicher Erfahrung, kultureller Verwurzelung und gesellschaftlicher Identität darf sich nicht selbst absolut setzen und damit die Offenheit für anderes verlieren. Gerade die letzte Grenze zeige, "daß sich Guardinis Verständnis des "Katholischen" auch den Fundamentalismen jedweder Couleur entschieden widersetzt." Ja, Guardini sei anti-fundamentalistisch und anti-pluralistisch, wenn Fundamentalismus und Pluralismus bedeuten, daß sie an keinen Grenzen mehr Halt machen und von keinen Kriterien mehr geordnet werden, so wie der "forcierte Pluralismus" der postmodernen Philosophen. (S. 216 und S. 218, FN 17). Gunda Brüske bringt als eine der ersten überhaupt Guardini ins Gespräch mit den "Kindern der Freiheit" und gibt dabei Guardinis Demokratieverständnis adäquat wieder, indem sie die entscheidende Stelle zitiert: "Die Demokratie ist jene politische Ordnung, die auf der politischen Verantwortung jedes einzelnen beruht. Dabei weiß sich jeder einzelne für den Staat verantwortlich." und korrekt deutet: "Diese Verantwortung läßt sich nicht einfach an den Staat als eine Institution delegieren, sondern muß von Personen wahrgenommen werden. Er fordert deshalb: Es ist "Zeit, daß eine Regierungskunst der Existenz ausgebildet würde, die wüßte, daß trotz aller Automationen das Eigentliche, nämlich die Ordnung des Daseins, vom Menschen selbst vollzogen werden muß." ... Demokratie hat für Guardini zwei Pole: den jeweils einzelnen mit seiner politischen Freiheit und das Ganze des demokratischen Rechtsstaates." (S. 224) Die Existenz und die Eigentlichkeit, von denen Guardini hier spricht, haben mit der Existentialismus und der "Eigentümlichkeitssemantik" Heideggers oder Jaspers nichts zu tun, worauf man sehr schnell kommen könnte, wenn man sich intensiver mit Guardinis Kierkegaard-Deutung beschäftigt; sondern mit Guardinis Überzeugung - wie Reinhard Haubenthaler richtig betont, "daß die Freiheit des Menschen nicht nur `von oben herab´ durch totalitäre Systeme, sondern auch `von innen heraus´ bedroht ist", nämlich indem man dem erliegt, "was `man´ tut, man haben und sehen muß". (S. 228f.) Überall wo der Mensch kein "Ethos des Machtgebrauchs" entwickelt oder sich gar von der Macht zurückzieht, werden die "Ungeheuerlichkeiten an Macht", die der moderne Mensch gewonnen hat, übermächtig. Haubenthaler betont Guardinis Antwort: die Askese, die "bei Selbstbegrenzung, Überwindung und Einübung" überlegtes, freies und verantwortetes Handeln erst ermöglicht, "das dem Menschen und der Schöpfung gerecht wird." (S. 231) Und diese Interpretationen der jungen Generation wird eindrucksvoll bestätigt von Alois Rummel: Für ihn und viele Studenten der Nachkriegszeit sei Guardini "ein unentbehrlicher und wirkungsvoller Nothelfer" gewesen, der "für uns Tübinger nach 1945 am Anfang eines Aufbruchs in eine neue Demokratie hinein" gestanden sei (S. 259). Zwar habe sich Guardini in Gesprächen mit Studenten seiner Kenntnis nach "nie zu aktuellen politischen Themen geäußert", gab aber dennoch Antworten auf die politischen Fragen und dies ohne zu moralisieren: "Sie alle ... sind in eine neue Freiheit der Kinder Gottes hinein entlassen worden. Ziehen Sie daraus die Konsequenzen und definieren Sie Ihre eigene Aufgabe in den Gemeinden" (S. 260). Nicht wenige Politiker, so der Staatspräsident von Südwürttemberg Gebhard Müller, gehörten zu den großen Verehrern Guardinis (S. 265). Sie wurden angesprochen von "Guardinis Gedankenführung", die "gerade in den Jahren des Aufbaus nach 1945 immer auch eine politische Aussage" war, insofern, "weil `Welt und Person´ nicht voneinander zu trennen sind und weil die Welt nur eine `andere Natur´ von Gott dem Ewigen ist, dessen Natur unauslotbar bleibt." (S. 266) Guardini hatte direkt und indirekt "eine entscheidende Rolle gespielt", im Dritten Reich standhaft zu bleiben, weil "die Mißgriffe und Geistfeindlichkeiten des Nationalsozialismus ... uns kaum plastischer vor Augen geführt werden können" als durch den Stil Guardinis und seiner Anhänger wie zum Beispiel Hans Böhringer. Denn für sie "war Stil ein Gefäß zur Verkörperung und Darstellung von Sinn." (S. 271). Dies bestätigt auch Walter Dirks in seinem rückblickenden Vortrag von 1985, der dankenswerter Weise in dem Band mit abgedruckt wurde: "Romano Guardini war kein Träumer, kein Idealist von der Art derer, deren gute und schöne Ideen hoch über der Wirklichkeit schweben, in einem Ideenhimmel. Er war wahrhaftig kein Materialist, sondern in hohem Grade begeistert, vom Geist erfüllt, aber er war ein Realist." (S. 277) "Er legte Wert darauf, daß man seine nicht sehr zahlreichen, aber gewichtigen Äußerungen zu Grundfragen der Politik ernst nähme. Ich nenne die frühe Schrift "Der Staat in uns" ..., so könnte man heute sagen, ein basisdemokratisches Programm. Später schrieb er als zeitkritische, die Politik mitumfassende große Arbeit `Das Ende der Neuzeit´ und eine Schrift über `Die Macht´" Aber schon in den 20er Jahren setzte er für die ihm nahestehenden jungen Leute "Zeichen seiner Offenheit gegenüber dem Anspruch der Demokratie und der Politik überhaupt." (S. 281) Der "Mut zum Weiterdenken der entscheidenden Anstöße und Hinweise Guardinis noch über die Jahrtausendwende hinaus" ist in diesem Band vor allem dort zu spüren, wo es gelingt, aus alten Interpretationsmustern auszubrechen und ihn endlich als Universalgelehrten mit eigener Methode ernst zu nehmen, die für alle Lebensbereiche, auch die Politik, wertvolle Erkenntnisse liefert.

Helmut Zenz, zur Jahreswende 2001/2002


helmut.zenz@t-online.de