Helmut Zenz: Ernst Michel im Internet
Ernst Michel (1889-1964) -
Religionsphilosoph, Sozialpsychologe und Psychotherapeut
und ein kritischer Katholik
(Das Bild wurde mir dankenswerter Weise übermittelt von Arnulf
Groß)
Biographie
-
(vgl. dazu v.a. Groß, Arnulf: Bio-bibliographische Daten zu Ernst
Michel, s.u.)
-
* 8.4.1889: Ernst (Friedrich) Michel wurde in Klein-Welzheim/Main
als ältestes Kind des in Rheinhessen gebürtigen Volksschullehrers
Heinrich Michel und dessen aus Unterfranken stammenden Frau Therese, geb.
Uftring geboren. Er hatte einen Bruder, der Pfarrer wurde, und zwei Schwestern.
Das Elternhaus war von einem eher liberalen Katholizismus geprägt,
der zwar antipreußisch, aber frei von Verengungen einer Diasporasituation
war.
-
1891: Übersiedlung der Familie nach Bensheim an der Bergstraße,
da sein Vater dort als Lehrer und Rektor eine Anstellung bekam.
-
1908: Abitur am Großherzoglichen Gymnasium in Bensheim.
-
1908-1912: Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Heidelberg,
München und schließlich der Zoologie, Botanik und Geographie
abermals in Heidelberg.
-
1912/13: Lektor i.V. im Verlag Eugen Diederichs in Jena.
-
1913: Heirat mit Katharina Kaufmann aus Ottersweier, die er seit seiner
Schulzeit kannte.
-
1913/14: Wechsel zum Verlag B.G. Teubner in Leipzig.
-
1914: Geburt seines Sohnes Gerhard, der allerdings bereit 1917 verstirbt.
-
Juni 1914: Promotion zum Dr. phil. mit der Dissertation "Die anthropogeographischen
Anschauungen Montesquieus" bei Prof. Alfred Hettner in Heidelberg,
die 1915 in Bensheim erschienen ist.
-
1914: Kurzer, vierwöchiger Militärdienst
-
1914/15: Wissenschaftlicher Lehrer an der staatlichen Realschule in Michelstadt
im Odenwald und danach am Pädagogium Neuenheim/Heidelberg.
-
1915: Einberufung nach Karlsruhe zum Militärdienst
-
1915: Herausgeber des Feldpostbuches "Deutscher Glaube" in einer Auflage
von 20000 Exemplaren, auf die Bitte Eugen Diederichs´ hin.
-
1915: Geburt seiner Tochter Gisela
-
1915-1917: Frontdienst in den Vogesen und in Rußland (Galizien).
Er wurde Unteroffizier und Offiziersanwärter.
-
1917/18: militärische Fortbildungskurse im Winter, schließlich
Lazarettaufenthalt in Bensheim nach einer Fußverletzung und für
eine Schilddrüsenoperation. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz II und
der Hessischen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.
-
1918: Leiter der Reformschule in Mainz.
-
1918: Geburt seines Sohnes Walter (+ 1993).
-
1918-20: Mitarbeit an der Werkszeitung für Daimler in Stuttgart, gemeinsam
mit Eugen Rosenstock-Huessy.
-
1919-1923: I. Stadium (Selbsteinteilung Michels)
-
1919: Buch "Der Weg zum Mythos. Zur Wiedergeburt der Kunst aus dem Geiste
der Religion" (E. Diederichs/Jena)
-
1919-Frühjahr 1920: Mitglied des Kunst- und Kulturrates Baden
-
1919: kurzzeitig Geschäftsführer des Volkshauses in Karlsruhe,
wo er in diesem Jahr im Rahmen der Volkshochschulkurse einen Vorlesungszyklus
über Goethes Naturauffassung hielt.
-
1919: Erste Zusammenkunft mit Martin Buber in Heppenheim anläßlich
einer Tagung zur Volkshochschulbewegung zum Thema "Erneuerung des Bildungswesens).
(11/12.-14. Juni). Buber wohnte in Heppenheim. Einen Monat später
schreibt Michel an den "lieben Herrn Dr. Buber": "Ich weiß jetzt,
daß ich zu Ihnen und zu den Menschen gehöre, die sich in Heppenheim
frei und fest zur werdenden Gemeinschaft bekannt haben. Mir brannte das
Herz damals, aber ich konnte nicht ´Ja´ sagen, weil die Reinheit
der inneren Verbindung mit Ihnen, mit Spira und Erdmann durch gewisse intellektualistische
Momente, die vorübergehend da waren, getrübt war. Diese Trübung
ist vorüber." Michel kündigt einen Besuch im August an. Es
spricht einiges dafür, dass Buber ihn mit Hugo Landauer in Verbindung
gebracht hat, nachdem Buber zu Gustav Landauers literarischen Nachlaßverwalter
eingesetzt worden war. Vielleicht hat Michel Landauer aber auch schon bei
seinem kurzen Aufenthalt in Karlsruhe kennengelernt.
-
Juli 1919 Michel zieht mit seiner Familie aufs Land nach Ottersweier bei
Baden-Baden.
-
1919/20: Wissenschaftlicher Leiter am Heidelberg College für Deutsch,
Geschichte und Latein
-
1919/20: Buch "Weltanschauung und Naturdeutung. Vorlesungen über
Goethes Naturanschauung" (E. Diederichs/Jena)
-
1920: Es ist anscheinend nicht ganz klar, wo Michel in diesem Jahr lebte,
jedenfalls dürften ihm nur kärgliche Mittel zur Verfügung
gestanden haben.
-
1920/21: Leiter der bäuerlichen Volksbildungsbewegung am Bodensee
(Überlingen), dort war er und seine Familie auch im Fremdenbuch gemeldet
und wohnte vom 2.6.20-9.11.1921 im Zähringerhof.
-
1920/21: Herausgeber und Redakteur bei der volksbildnerischen Wochenzeitung
"Die Bauernzeitung", die von dem Sozialisten Gustav Landauer vielleicht
noch angeregt und von dessen Vetter Hugo Landauer in seinem Verlag "Freier
Bund" verlegt und finanziert wurde. Mitte März 1921 stellt die Zeitung
jedoch ihr Erscheinen ein.
-
1921: Kurzzeitig gibt Michel gemeinsam mit Kral die Wochenschrift "Der
Volksdienst. Zeitung für genossenschaftlichen Aufbau" heraus. Offenbar
erschienen jedoch nur drei Nummern.
-
Oktober 1921: Übersiedlung nach Frankfurt. Dort wohnte er zunächst
in Eugen Rosenstock-Huessys Wohnung.
-
1921-23: Herausgabe des "1. Katholischen Sonderheftes" zu der Zeitschrift
"Die Tat" (das erste noch von Überlingen aus), dem bis 1923 zwei weitere
folgten. Sie sind 1923 in einer Auswahl in dem Sammelband "Kirche und
Wirklichkeit" (E. Diederichs, Jena) erneut erschienen. Nach Groß
kamen die darin enthaltenen Aufsätze Wittigs später auf den Index,
nicht das Buch. Dies ist nur zum Teil richtig, denn Kardinal Bertram übermittelte
Im Oktober 1923 eine "grave ammonizione" des Kardinalstaatssekretärs
Gasparri dafür, daß Wittig "Kirche und Wirklichkeit" ohne Imprimatur
erscheinen hat lassen. Wittig stellt richtig: Nicht er, sondern der katholische
Publizist Ernst Michel sei Herausgeber des angemahnten Buches. Von ihm
stammten lediglich zwei Aufsätze darin, die aber bereits 1921 ohne
kirchliche Mißbilligung andernorts veröffentlicht worden seien.
Wittig bittet Bertram, den vorliegenden Irrtum in Rom aufzuklären,
bekommt aber weder eine Antwort noch eine Entschuldigung zu hören
(vgl. Haunhorst, Dieser unser menschennaher Gott, in: Orientierung 51,
1987, Nr. 2, S. 21)
-
1921: Broschüre "Die Tragik des orphischen Dichters. Ein geistesgeschichtlicher
Versuch über Hölderlin"
-
1921: Broschüre "Erkenntnis oder Offenbarung höherer Welten?
Eine Streitschrift wider die Anthroposophie"
-
1921: Berufung an die von Hugo Sinzheimer begründete, von Dr. Eugen
Rosenstock-Huessy geleitete Akademie der Arbeit in der Universität
Frankfurt am Main als hauptamtlicher Dozent und turnusmäßiger
Direktor bis zur Schließung der Akademie durch das NS-Regime 1933.
-
1921: Geburt seines Sohnes Wolfgang, der 1944 im Zweiten Weltkrieg gefallen
ist.
-
1922: Ernst Michel wendet sich gegen Kardinal Faulhabers Ablehnung der
demokratischen Weimarer Staatsform auf dem Katholikentag in München.
"Er
hat in seinem Charakter als Kirchenfürst sich gegen eine tatsächliche
Wirklichkeit, die gegen Erstorbenes sich durchgesetzt hat, (...) um eines
abstrakten Prinzips willen sich aufgelehnt (...). Er hat somit die romantische
Irrlehre von der normativen Geltung einer idealen christlichen Staats-
und Gesellschaftsordnung wieder vorgeholt."
-
1923-1937: II. Stadium
-
1923-33: Regelmäßiger Mitarbeiter bei der Rhein-Mainischen Volkszeitung,
beim "Hohenrodter Bund", im "Bonner Kreis", im "Mittwoch-Kreis", im "Friedensbund
der deutschen Katholiken", beim "Roten Blatt der Katholischen Sozialisten",
bei der "Deutschen Soziologischen Gesellschaft", gelegentlich auch beim
"Quickborn", beim "Neuen Reich" und an der "Deutschen Republik" (Joseph
Wirth)
-
1923: Schrift "Zur Grundlegung einer katholischen Politik" (Carolus,
Frankfurt). Die Schrift erscheint 1924 erneut überarbeitet und
erweitert in der Reihe "Volk im Werden" der Rhein-Mainischen Volkszeitung,
die von Friedrich Dessauer, Ernst Michel und Heinrich Scharp herausgegeben
wurde.
-
27.3.1923: Brief an Eugen Rosenstock-Huessy: "Der kleine Kreis von Katholiken,
dem ich den Aufsatz vorlas, hörte mit gesträubtem Haare, aber
mit innerster Zustimmung zu. (...) Nur Guardini widerriet aus opportunistischen
Gründen die Veröffentlichung, da auch die Theologen ob der ungewöhnlichen
Sprache mich durchgehend mißverstehen nd einen Sturm entfesseln würden.
Als ob ich das nicht vorher gewußt hätte! Wir waren uns alle
einig, daß die Glaubens-Erschütterung, in die wir hineingerissen
sind, die Seins-Ordnung einschmelzen wird. (:..) Guardini kämpft am
hartnäckigsten um seine römische Erbanlage und schlägt,
um sie zu retten, 1000 Brücken von der `Seele´ zur ´objektiven
Ordnung´" (Aufbewahrungsort Eugen Rosentock-Huessy-Archiv, Bethel.)
Meiner Einschätzung nach wird dieser Brief zu Unrecht gegen Guardini
verwandt. Guardini hatte aufgrund seines philosophischen Ansatzes und seiner
Verbindungen auch zum anderen Lager der "Politischen Theologie" den Überblick
über die "theologischen und philosophischen Frontlinien" und aufgrund
seines Einblickes in die kirchlichen Strukturen auch das Wissen darum,
dass eher 10 "linke" Autor auf den Index kommen, bevor ein "rechter" Autor
fällig ist. Für ihn war "Opportunität" nichts anderes als
der notwendige Gehorsam gegenüber der langsam, aber sicher mahlenden
Kirche. Vielleicht hätte es ohne dieses Buch und ähnlicher Provokationen
nicht solange gedauert, bis die Ideen von Wittig, Michel, aber auch Guardini
in die Praxis der Kirche umgesetzt wurden.
-
1924: Zuschrift an Florens Christian Rang für dessen Schrift "Deutsche
Bauhütte. Ein Wort an uns Deutsche über mögliche Gerechtigkeit
gegen Belgien und Frankreich und zur Philosophie der Politik", die aus
den regelmäßigen Treffen des "Süddeutschen Kreises" (Michel,
Buber, Paquet, Spira, Erdmann, Richter, Simons, Herrigel und gelegentlich
Rosenstock-Huessy) erwachsen ist.
-
1926: Brief von Bischof Augustinus Kilian, in dem dieser seine persönliche
Sorge über die Zukunft Michels zum Ausdruck bringt: "Ich verkenne
weder Ihre guten Absichten noch die Tiefe und Eigenständigkeit mancher
Ihrer Gedankengänge, aber manche Ihrer Ausstellungen müssen kirchlicherseits
beanstandet werden und Sie zu guter Letzt in Konflikt mit der geistlichen
Behörde bringen." Er bittet um Zurückhaltung bei religiösen
Artikeln und bietet eine Aussprache an. Michel antwortet am 24.11.: "Ihre
herzliche Bitte und eindringliche, aber wohlwollende Mahnung habe ich mit
jenem Ernst und Verantwortungsgefühl aufgenommen und bedacht, die
mir als Glied der Heiligen Kirche vor dem Wort meines Bischofs ziemen."
Weiter, "dass meine Lehrtätigkeit an der Akademie der Arbeit mich
fortgesetzt an religiöse Fragen heranführt und ihre Einbeziehung
und Mitbehandlung geradezu erzwingt. Ich bin zur Überzeugung gelangt,
daß die staats-, volks-, sozial- und kulturpolitischen Fragestellungen
der Gegenwart (...) ohne die religiöse Fundamentierung nicht zu lösen
sind."
-
1926: Buch "Politik aus dem Glauben" (E. Diederichs, Jena), Auflage:
2000 Stück, ist entstanden aus verschiedenen Zeitungsartikeln und
-aufsätzen.
-
1926: Ernst Michel wendet sich gegen den lehr- und hirtenamtlichen Übergriff
in den autonomen politischen Bereich anläßlich des Vetos der
Bischöfe beim Volksentscheid zur Fürstenenteignung.
-
1926-29: Mitarbeit an der Zeitschrift "Die Kreatur", herausgegeben von
Martin Buber, Viktor von Weizsäcker und Joseph Wittig.
-
1929: Das Buch "Politik aus dem Glauben" kam ohne nähere Begründung
auf den "Index der verbotenen Bücher" der Katholischen Kirche. Seine
Zusammenarbeit mit Heinrich Mertens und sein "Sozialismusbekenntnis" in
den "Roten Blättern" dürften dazu beigetragen haben. Er hatte
in seinem Artikel "Warum bin ich katholischer Sozialist" gestanden, "daß
ich von mir aus, von meiner Herkunft, Erziehung und individuellen Veranlagung
gar keine Neigung zur sozialistischen Bewegung habe (...), aber mein Eintreten
für die sozialistische Bewegung glaube ich gerade meiner persönlichen
Gewissensentscheidung als Christ gegen die Widerstände meiner ´natürlichen´
Neigungen zu verdanken."
-
1932: Schrift "Industrielle Arbeitsordnung" (E. Diederichs, Jena)
-
1932: Honorarprofessur für Sozialwissenschaft, insbesondere Betriebspsychologie
und -soziologie an der Universität Frankfurt am Main. Die Antrittsvorlesung
hatte zum Thema "Die Problemlage der sozialen Betriebspolitik"
-
1932: Michel hält dem "Primitiven Heidentum" der Nationalsozialisten
die "katholische Volkssubstanz" des deutschen Südens und Westens mit
ihrer noch lebenskräftigen kirchlichen, abendländisch-universalen,
humanistischen und volksdemokratischen Struktur entgegen.
-
1933: Entzug der venia legendi und Absetzung als Dozent der Akademie der
Arbeit. Die Akademie wurde unter seinem Protest am 31.3.1933 von den Nationalsozialisten
geschlossen.
-
1933-1938: Freier Schriftsteller und Mitarbeiter beim "Hochland" und der
"Frankfurter Zeitung"
-
1934: Buch "Von der kirchlichen Sendung der Laien" (Lambert Schneider,
Berlin)
-
1937: Buch "Die moderne Ehe in Krisis und Erneuerung" (Matthias Grünewald,
Mainz)
-
1937: Aufsatz-Sammelband "Lebensverantwortung aus katholischem Glauben"
(Lambert schneider, Berlin)
-
1937: Schrift "Sozialgeschichte der modernen Arbeiterwelt"
-
1937: Beitrag zur Festschrift "Begegnungen mit Karl Muth. Zum 70. Geburtstag
des Herausgebers", in: Hochland, Januar 1937, S. 22-25, in dem er über
seine Begegnungen mit Joseph Bernhart und Karl Muth berichtet.
-
1938: Schrift "Adolf Kolping"
-
1938-40: Ausbildung zum Psychotherapeuten in Berlin am "Reichsinstitut
für Tiefenpsychologie und Psychotherapie"
-
1941-1964: eigene Praxis als behandelnder Psychologie in Frankfurt.
-
1941: Erstes Treffen in Riecks Buchhandlung in Aulendorf in einem Kreis
von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Künstlern. Schon seit 1938
gehörten Karl Barth, Martin Buber, Walter Dirks und Romano Guardini
zum Publikum der Bücherei und auch Franz Rosenzweig bezog bei ihm
seine Bücher und hielt mit ihm Kontakt. Auch zu den Geschwistern Scholl
hatte er Kontakte, da sie zum Kunden- und Freundeskreis der Buchhandlung
gehörten. Um diese Form des geistigen Widerstands leisten zu können,
war Rieck allerdings schon früh der Nationalsozialistischen Partei
beigetreten.
-
1942: Beginn des Briefwechsels mit seiner späteren zweiten Frau Hildegard
Edel.
-
21.4.1944: Brief an Bernhard Hanssler: "Ich habe mich nun entschlossen,
vorläufig über religiöse Fragen öffentlich nicht mehr
zu sprechen. (...) Es geht mir um eine Polarität zwischen ontologischer
und heilsgeschichtlicher Spannung und um die Frage der heilsgeschichtlichen
(nicht grundsätzlichen) Suspension des Ethischen durch das Religiöse"
(Kopie im EMA).
-
1944: Ende des Jahres wurde Michels Frankfurter Wohnung zerstört.
Rieck schlug ihm darauf mit Unterstützung Romano Guardinis vor, seine
therapeutische Praxis in Oberschwaben weiterzuführen. Es gelang jedoch
nicht, ihn zu überzeugen. Er rechnete mit Michel für sein Projekt
"Akademie für Oberschwaben." Wohl auch die Unstimmigkeiten mit Bernhart
trugen dazu bei, dass Michel sich zwar beteiligte, aber doch nicht mit
ganzem Herzen. Wie bei Guardini hielt er auch Bernharts Ansichten für
"immer noch zu sehr einer kirchlichen Katholizität verhaftet", wie
bereits aus einem Brief von Rieck an Michel am 11. März 1944 (EMA)
hervorgeht.
-
ab 1945: zahlreiche Gastvorträge und rege Vortragstätigkeit an
verschiedenen katholischen und evangelischen Akademien und Kreisen, meist
zu soziologischen und psychotherapeutischen Themen
-
1945-1957: Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit an der Universität
Frankfurt
-
1945: Geburt seines Sohnes Christoph (Edel). (heute: Dr. phil. mit Schwerpunkt
Goetheforschung)
-
1946-1962: III. Stadium
-
1946: Buch "Der Partner Gottes" (Lambert Schneider, Heidelberg)
-
1946: Mitarbeit als spiritus rector an der "Akademie für Oberschwaben"
u.a. zusammen mit Joseph Bernhart, Joseph Rieck und Walter Münch.
-
1946: Buch "Goethes Naturanschauung im Lichte seines Schöpfungsglaubens"
(Wiesbaden)
-
1946: Tod Katharina Kauffmanns (wohl am 13.3.).
-
1946: Heirat mit Hildegard Edel. Die Ehe wurde allerdings bereits 1949
wieder aufgelöst.
-
1947: Buch "Renovatio. Zur Zwiesprache zwischen Kirche und Welt" (Oberschwäbischer
Verlag, Aulendorf) . Rieck bezeichnet das Buch als "so etwas wie
die Magna Charta für unsere Arbeit" (Brief an Michel, Aulendorf, 25.1.1947,
EMA)
-
1948: Buch "Ehe. Eine Anthropologie der Geschlechtergemeinschaft" (Ernst
Klett, Stuttgart) erscheint als überarbeitete und erweiterte Fassung
seines Ehe-Buches von 1937.
-
Ende 1948: Es kommt zum kurzzeitigen Bruch mit Rieck, aber letztlich zu
einem dauerhaften Ende der Zusammenarbeit mit den Oberschwaben, obwohl
Michel Ende 1949 sogar erwog, sich in Oberschwaben niederzulassen und sich
mit Rieck wieder besser verstand.
-
1950: Geburt seines Sohnes Winfried.
-
1950: Heirat mit Dr. Nelda Lauchenauer.
-
1950-64: Mitglied des Kuratoriums des Hansischen Goethe-Preises Hamburg.
-
1950-64: Verschiedene Publikationen auf dem Gebiet der Psychologie, Teilnahme
an Tagungen zu psychotherapeuthischen Themen in Stuttgart (veranstaltet
von Wilhelm Bitter und Kurt Breucha) sowie vielfältige Vortragstätigkeit.
-
1952: Der zweiten Auflage seines Ehe-Buches von 1948 folgt die Indizierung
durch die katholische Kirche.
-
1952: Schrift "Gläubige Existenz" (Lambert Schneider, Heidelberg)
-
1954: Publikation "Das Vaterproblem in soziologischer Sicht"
-
1959: Sammelband "Der Prozeß ´Gesellschaft contra Person´"
(Klett, Stuttgart)
-
1960: Das von Arie Sborowitz in Verbindung mit Michel herausgegebene Sammelbuch
"Der
leidende Mensch. Personale Psychotherapie in anthropologischer Sicht" (Wiss.
Buchgesellschaft, Darmstadt) erscheint.
-
1961: Gespräche mit Hans Cohrssen über die Themen "Schüchternheit"
und "Menschen im Werk" (Die Tonbänder bewahrt das EMA)
-
1962: In seinem letzten Buch "Das christliche Weltamt" (Frankfurt),
einer überarbeitete Fassung des 1934 "ohne kirchliche Druckerlaubnis"
veröffentlichten Buch "Von der kirchlichen Sendung der Laien", finden
sich viele Gedanken, die einige Jahre später im Konzilsdokument "Gaudium
et Spes" zu lesen sind.
-
1963: Ernst Michel beginnt autobiographische Aufzeichnungen, kommt bis
zu seinem Tod allerdings nur bis ins Jahr 1917.
-
+ 28.2.1964: Tod in Frankfurt im Alter von 74 Jahren.
Bibliographie
-
Primärliteratur (in Auswahl, weitgehend ohne Aufsätze)
-
Zur Kenntnis der Jahresperiode unserer Stauden, 1909
-
Die anthropogeographischen Anschauungen Montesquieus, 1915
-
Weltanschauung und Naturdeutung. Jena, 1920
-
Die Tragik des orphischen Dichters. Mainz, 1920; 1922
-
Kirche und Wirklichkeit. Jena, 1923
-
Zur Grundlegung einer katholischen Politik. Frankfurt a.M., 1924
-
Ein Bahnbrecher zukünftiger Volkserziehung. Heidelberg, 1925
ca.
-
Politik aus dem Glauben. Jena, 1926
-
Die Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt am Main. Akademie
der Arbeit <Frankfurt, Main>. Frankfurt am Main, 1931
-
Industrielle Arbeitsordnung. Jena, 1932
-
Von der kirchlichen Sendung der Laien. Berlin, 1934
-
Die moderne Ehe in Krisis und Erneuerung. Mainz, 1937
-
Lebensverantwortung aus katholischem Glauben. Berlin, 1937
-
Sozialgeschichte der modernen Arbeitswelt. Limburg an der Lahn, 1937
-
/Herrigel, Hermann/Siewerth, Gustav: Die Einheit der Christenheit (Gedanken
zur Begegnung der Konfessionen) : Eine katholisch-protestantische Aussprache,
in: In: Christliche Besinnung Heute (Frankfurt a. M.) 3 (1938), Nr. 9,
S. 109-119 (128)
-
Adolf Kolping. Limburg a.d.Lahn, 1938
-
Über Diagnose und Differentialdiagnose bei Grawitzschen Tumoren, 1938
-
Der Partner Gottes. Heidelberg, 1946
-
Goethes Naturanschauung im Lichte seines Schöpfungsglaubens. Wiesbaden,
1946
-
Sozialgeschichte der industriellen Arbeitswelt, (ihrer Krisenformen und
Gestaltungsversuche). Frankfurt a.M., 1947; 1948; 1953; 1960
-
Renovatio. Aulendorf/Stuttgart, 1947
-
Ehe. Stuttgart, 1948
-
Rettung und Erneuerung des personalen Lebens. Frankfurt am Main, 1951
-
(Hrsg.): Trüb, Hans: Heilung aus der Begegnung: eine Auseinandersetzung
mit der Psychologie C. G. Jungs / Hans Trüb. [Aus dem Nachlaß
hrsg. von Ernst Michel ...], Stuttgart : Klett, 1951. - 124 S.
-
Gläubige Existenz. Heidelberg, 1952
-
Der Prozeß "Gesellschaft contra Person". Stuttgart, 1959
-
Der leidende Mensch : personale Psychotherapie in anthropologischer
Sicht (in Verbindung mit Ernst Michel hrsg. von Ari Sborowitz ), Düsseldorf
: Diederichs, 1960. - XIII, 446 S.; Darmstadt, 1965; 1979
-
Das christliche Weltamt. Frankfurt am Main, 1962
-
Erinnerungen 1889-1917. Hrsg. von Paul Schnitzer, in: Geschichtsblätter
des Kreises Bergstraße, Bd. 22, 1989, S. 229ff.
-
-
Sekundärliteratur
-
Breitenbach, Desiderius: Die Sendung des Laien in der Kirche, Hildesheim,
1936
-
König, René: Der Mensch in der modernen Arbeitswelt.
(Rezension zu Ernst Michel, Sozialgeschichte der industriellen Arbeitswelt),
in: St. Galler Tagblatt vom 30. Oktober 1948., wieder abgedruckt in: Neue
Zeitung (München) vom 28. Mai 1949.
-
Galli, Mario (S.J.) anonym: Katholische Erneuerung? Zum Schrifttum Ernst
Michels, in: Orientierung 11, Nr. 2-5, 1950, S. 13
-
Nielen, Josef Maria: Begegnungen: Carl Sonnenschein, Peter Lippert, Theodor
Steinbüchel, Johannes Pinsk, Ernst Beutler, Ernst Michel, Martin Buber,
Frankfurt a.M. : Knecht, 1966. - 93 S.
-
Lowitsch, Bruno: Ernst Michel (1889-1964), in: Aretz, Jürgen/Morsey,
Rudolf/Rauscher, Anton (Hrsg.): Zeitgeschichte in Lebensbildern. Aus dem
deutschen Katholizismus des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 5, Mainz 1982,
S. 224.
-
Haunhorst, B.: Dieser unser menschennaher Gott, in: Orientierung 51, 1987,
Nr. 2, S. 20
-
Reifenberg, Peter: Arbeiterbildung in den 20er Jahren. Ernst Michels Konzept
einer "Lebensbildung" und die Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main
(1921-1931), in: Wort und Antwort 28 (1987) 15-26.
-
Dirks, Walter: Für eine befreiende Praxis, in: Orientierung, 52, 1988,
S. 207f.
-
-
1989: 100. Geburtstag
-
Ockenfels, Wolfgang: Politik aus dem Glauben? Katholische Soziallehre und
Politische Theologie. In: G. Baadte - A. Rauscher (Hrsg.): Christliche
Gesellschaftslehre. Kirche heute 3. Graz, Wien, Köln 1989, 131-145.
-
Ernst Michel + : Erinnerungen 1889-1917. Hrsg. von Paul Schnitzer,
in: Geschichtsblätter des Kreises Bergstraße , Vol. 22 (1989),
P. 229
-
Dirks, Walter: Gesammelte Schriften Bd. 6: Politik aus dem Glauben. Aufsätze
zu Theologie und Kirche. Mit einem Vorwort von Walter Dirks und einer Einleitung
von Fritz Boll. - Zürich: Ammann 1989. 355 S.
-
Reifenberg, Peter: Der Mensch als Partner Gottes. Zum hundertsten Geburtstag
des Laientheologen Ernst Michel, in: FAZ Nr. 82. vom 8.4.1989, 30; auch
in: Schweizer Reformiertes Volksblatt 123 (1989) 6-8.
-
Reifenberg, Peter: Weltbezogene Laienspiritualität als 'Renovatio-Erneuerung',
in: Wort und Antwort 30 (1989) 128-134.
-
-
Reifenberg, Peter: Situationsethik aus dem Glauben. Leben und Denken Ernst
Michels (1889-1964): Moraltheologische Studien.. St. Ottilien, 1992
-
Bröckling, Ulrich: Katholische Intellektuelle in der Weimarer Republik.
Zeitkritik und Gesellschaftstheorie bei Walter Dirks, Romano Guardini,
Carl Schmitt, Ernst Michel und Heinrich Mertens, München, 1993
-
Ani, Ikechukwu: Die befreiende Versöhnung. Die christliche Heilsbotschaft
der Sündenvergebung in ihren heilsgeschichtlich-politischen Zusammenhängen
bei Ernst Michel, 1993 (Diss. Innsbruck bei Rotter und Schaupp)
-
Ruster, Thomas: Die verlorene Nützlichkeit der Religion. Katholizismus
und Moderne in der Weimarer Republik, Paderborn 1994, mehrere Passagen
über Ernst Michel.
-
Reifenberg, Peter: Ernst Michel - der "ernstzunehmende Laientheologe",
in: StZ 212. Bd. 119. Jg H. 7 Juli 1994. 498-500 (=Umschau)
-
Gross, Arnulf/Hainz, Josef/Klehr, Franz Josef/Michel, Christoph (Hrsg.):
Weltverantwortung des Christen: zum Gedenken an Ernst Michel (1889-1964),
Dokumentationen, Frankfurt a. M. u.a.1996, darin:
-
Kamphaus, Franz: Vorwort, S. 3-4
-
Begrüßung, Grußworte und Dankwort, S. 5-34
-
Klehr, Franz Josef: Rückblick, S. 37-41
-
Groß, Arnulf: Weltverantwortung als Christ und Laie aus der Sicht
Ernst Michels, S. 42-55
-
Knüppel, Christoph: Bauernagitation am Bodensee, S. 56-75
-
Jäger, Lorenz: Ernst Michel und die "Deutsche Bauhütte", S. 76-79
-
Heuser, August: Ernst Michel, die Akademie der Arbeit und die katholische
Erwachsenenbildung in Frankfurt am Main, S. 80-93
-
Hermeier, Rudolf: Soziale Wirklichkeit und Kirche - Die Begegnung von Ernst
Michel und Eugen Rosenstock-Huessy, S. 94-126
-
Bußmann, Magdalena: "Wir sind die Kirche" - Erinnerungen an Joseph
Wittig, S. 127-146
-
Michel, Christoph: Schöpfungsglaube - Heilgeschichte. Ernst Michels
Einwand gegen Goethe, S. 147-180
-
Kessler, Hans/Ludwig, Heiner: Vorwort, S. 209
-
Ludwig, Heiner: Begrüßung und Einführung, S. 210-213
-
Lowitsch, Bruno: Ein katholischer Sozialist in Frankfurt, S. 214-223
-
Döring, Diether: Ernst Michel und die universitäre Arbeiterbildung
der Weimarer Zeit, S. 224-229
-
Leuninger, Ernst: Ernst Michel und die Kirche, S. 230-223
-
Haunhorst, Benno: "Politik aus dem Glauben", S. 233-254
-
Groß, Arnulf: Bio-bibliographische Daten zu Ernst Michel, S. 259-264
-
Andreas Ochs, Zum Aufbau des "Ernst-Michel-Archivs", S. 265-270
-
Reifenberg, Peter: Art. Michel, Ernst, in LThK3 Bd. 7. Freiburg 1998. 240.
Thesen
-
Benno Haunhorst: "Ich behaupte, dass bei Ernst Michel der erste gelungene
Versuch eines Paradigmenwechsels weg von der neuscholastischen Theologie
in diesem Jahrhundert in Deutschland zu finden ist - und zwar bezeichnenderweise
von einem nichtprofessionellen Theologen."
-
Diese Behauptung stimmt so nicht!
-
Mit seiner "Politik aus dem Glauben" versucht er sich gegen Carl Schmitts
"Römischer Katholizismus und politische Form" abzugrenzen, erreicht
aber lediglich, dass er mait diesem Buch auf den Index kommt, während
Carl Schmitts Buch sehr einflußreich bleibt.
-
Er arbeitete symbolisch mit den "Katholischen Sozialisten" Walter Dirks
und Heinrich Mertens zusammen.
-
Walter Dirks hat sich auch später immer wieder ausdrücklich auf
Ernst Michels "Politik aus dem Glauben" berufen.
-
Michel versucht also eine mittlere Position zwischen den ebenfalls nicht-neuscholastischen
Systemen Carl Schmitts und der "Katholischen Sozialisten" zu finden, bleibt
dabei aber näher an den "Katholischen Sozialisten".
-
Durch seine radikale Ablehnung der institutionell-rechtlichen Seite der
Kirche sowie des Naturrechtsdenkens kreiert er zwar noch vor Johann Baptist
Metz eine "neue" Politische Theologie, verliert aber den lebendig-konkreten
Bezug zur Kirche, wie Romano Guardini ihn gepflegt hat.
Internet
Seitenanfang
Helmut
Zenz
Copyright © Helmut
Zenz - 2003