Die offene Gesellschaft und ihre Feinde
Karl Poppers sozialphilosophisches Hauptwerk in der 8.
durchgesehenen und ergänzten Auflage 2003
Eine Online-Rezension von Helmut Zenz
"Karl Poppers sozialphilosophisches Hauptwerk gehört zu den
Klassikern der politischen Philosophie und Demokratietheorie." Popper
selbst hat sein sozialphilosophisches Hauptwerk vor allem über die
Geschichte des Historizismus als "Kriegsbeitrag" gesehen, es ist nicht
nur eine "originelle Auseinandersetzung mit den philosophischen Systemen
von der Antike bis heute", sondern eine gründliche Entwicklung der
"Theorie der offenen Gesellschaft" als "die ständige schrittweise
Verbesserung von Institutionen in parlamentarisch-demokratischen Gesellschaften."
(Umschlag). Die Bände fünf und sechs der auf fünfzehn Bände
angesetzten "gesammelten Werke in deutscher Sprache". Für diese "Gesamtausgabe
hat Hubert Kiesewetter die Übersetzung kontrolliert, die Anmerkungen
überprüft und ein Nachwort zur Entstehung beigesteuert."
Es frägt sich zunächst, warum die ganze Arbeit? War die Übersetzung
so fehlerhaft? Waren die Anmerkungen nachlässig? War die Entstehungsgeschichte
bisher nicht bekannt?
Die Arbeit hat sich gelohnt, zumal alle drei Fragen mit einem eingeschränkten
"Ja" beantwortet werden müssen: Paul K. Feyerabend hat zum Teil nachlässige,
zum Teil sagenhafte Übersetzungfehler fabriziert, die in der 7. Auflage
von Popper selbst im Rückgriff auf frühere Vorschläge von
Hilde und Robert Lammer, eine Rohübersetzung der Anhänge von
Klaus Pähler sowie aktuelle Verbesserungen und Ergänzungen von
Melitta Mew und Georg Siebeck auszumerzen versucht hat. Dennoch blieben
"Restbestände" zurück, die nun Hubert Kiesewetter in nicht überbietbarer
Gewissenhaftigkeit aufgespürt hat. Karl Popper selbst war wohl indes
kein großer Freund von Anmerkungen, da dort doch so einiges durcheinandergeht.
Darüber hinaus mußten aber sowohl die originalen als auch die
aktuellsten Auflagen ergänzt werden und entsprechend auch Zitierweise
Poppers bzw. seiner Übersetzer überprüft werden. Erneut
eine schier unendliche Aufgabe.
Die konkreten Ziele der Kontrolle und Überprüfung waren:
-
eine mit dem englischen Original inhaltlich und sprachlich besser übereinstimmende
Fassung allerdings unter Beibehaltung der Zusätze Poppers und der
Änderungen Poppers und Feyerabends.
-
eine eindeutigere Zitierung von Quellen, eine klarere Identifizierung der
Fundstellen und eine Erschließung der von Popper nicht ermittelten
Literatur bzw. Angaben aus Sekundärliteratur.
Es ging es Kiesewetter also um eine "bibliographisch einwandfreie Fassung"
(Editorische Bemerkungen, I:442 und II:498) All das hat Kiesewetter und
seine Helfer in eindrucksvoller Weise eingelöst. Hierzu einige Beispiele
für die dadurch bedingten Veränderungen:
-
im Text:
-
I:9 alt: Für bzw. gegen "die offene Gesellschaftsordnung", jetzt:
Für bzw. gegen "die offene Gesellschaft" (dem Buchtitel angepasst)
-
II:8: Aus den "Rügen des Aristoteles" gegenüber der athenischen
Bewegung gegen die Sklaverei wurden nun richtigerweise verschärfte
"Schmähungen"
-
II:273
-
Im englischen Original steht im Bd. II, S.233: "The rational and imaginative
analysis of the consequences of a moral theory has a certain analogy
in scientific method."
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deutsche Übersetzung II:273:: "Die Analyse der Folgen einer Gewissensentscheidung
durch Vernunft und Phantasie zeigt eine gewisse Analogie zu der Methode
der Wissenschaft. ... Aber die Folgen einer Gewissensentscheidung können
wir nur mit unserem Gewissen konfrontieren. Und während die Entscheidung
der Experimente nicht von uns abhängt, hängt die Entscheidung
des Gewissens von uns selbst ab."
-
Kiesewetters Übersetzung des englischen Originals: "Die rationale
und phantasievolle Analyse der Folgen einer ethischen Theorie zeigt
eine gewisse Analogie zu der Methode der Wissenschaft. ... Aber im Fall
einer ethischen Theorie können wir ihre Folgen nur mit unserem
Gewissen konfrontieren. Und während die Entscheidung der Experimente
nicht von uns abhängt, hängt die Entscheidung des Gewissens von
uns selbst ab."
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Text/Anmerkungen:
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Im Text steht ein x nur noch, wenn die Erläuterungen in der betreffenden
Anmerkung länger als eine halbe Seite sind. Die Anmerkungszahlen wurden
konsequenter hinter das Zitat gesetzt.
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Die Anhänge in Band I und in Band II wurden sinnvollerweise
jeweils vor die Anmerkungen gezogen, wodurch sich in Band I eine bis zu
vierundzwanzigseitige Verschiebung der Anmerkungen von S. 240 an und in
Band II eine bis zu vierzigseitige Verschiebung der Anmerkungen von S.
329 an gegenüber dem ursprünglichen Register ergibt.
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Anmerkungen:
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Die Seitenzahlen vor den Anmerkungen wurden gestrichen.
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Sehr wertvoll sind in den Anmerkungen auch einige Querverweise auf spätere
Arbeiten Poppers zu den dort beschriebenen Problemen (vgl. II/S. 429, der
Verweis auf "Das offene Universum. Ein Argument für den Indetermnismus,
2001, S. 3ff als Erläuterung zur Bemerkung Poppers, "dass es verfehlt
ist, wenn man `Determinismus´ und `wissenschaftliche Methode´
als Synonyme verwendet."
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Register der Platon-Stellen
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Ein ein Blick ins "Register der Platon-Stellen" zeigt die Detailarbeit
(vgl. je eine zusätzliche Stelle bei: Erster Alkibiades und Euthyphron,
u.ö.)
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Namensregister (ausgewertet nur Buchstaben A-C)
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Dies führt jetzt dazu, dass man unter "Christus, Jesus" auch zur Stelle
findet, in der Popper kritisiert, die mittelalterliche autoritäre
Kirche habe Demokrit verworfen, während sie den "Stammesidealismus
von Platon und Aristoteles ... als eine Art Christentum vor Christus verherrlicht"
habe (S. 34).
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Neue Namen im Namensregister bedingt durch Nachwort. Sie sind erkennbar
an der gleich häufigen Anführung in Band I und Band II (ab I:446ff.
und II, 502ff), zum Beispiel Aga Khan; Agassi, J.; Bodin, L.; Boldt, A.;
Bowley, A.L.; Braunthal, A.; Braunthal, H.; Cape, J.; Colli, G.; Condliffe,
J.B.; Croiset, A.; Croiset, M.;
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Neue Namen im Namensregister bedingt durch vorheriges Fehlen: Altrichter,
H. (II:429); Aphrodite (I:371); Athenaios (I:367+439); Bernardakis, G.N.
(I:319); Cattell, R.B. (II:429+431); Chester, L. (II:443); Crowe, Sir E.
(II:443). Entdeckt hat Kiesewetter diese Lücken meist durch die Recherche
nach den genauen Quellenangaben in den Anmerkungen.
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Verwiesen wurden Agrippa Menenius zu Menenius A.; Aquin, siehe Thomas findet
sich nur noch unter Thomas von Aquin; aus Bradfort wird Alfred, Bischof
von Bradford (I:269+403) mit zusätzlichem Verweis von Bradford, Bischof
von, siehe Alfred; Bryson wird erklärt durch (von Herakleia)
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Aus al-Ghasali wurde Al-Gazzali, aus A. Bernstein richtigerweise E. Bernstein.
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Sachregister (ausgewertet nur Buchstaben A-C)
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Das Sachregister wurde für die 8. Auflage dankenswerterweise korrigiert
und ergänzt von Florian Lauber (vor allem im Blick auf das Nachwort
Kiesewetters, z.B. bzgl. Briefwechsel Poppers).
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Durch Spiegelstriche wurden die Unterpunkte übersichtlicher gestaltet.
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Aus "Paradoxon" wird "Paradox", aus "Bevölkerungszuwachs" wird "Bevölkerungswachstum"
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Seitenkonkordanz
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Eine tolle Ergänzung ist die Seitenkonkordanz zwischen der englischen
5., revid. Ausgabe 1966 (weitgehend mit der Originalausgabe von 1945 identisch)
und den deutschen Auflagen 6/1980 und 7/1992 sowie der vorliegenden 8.
deutschen Auflage. Sie ist für die Werkerforschung von unermesslichem
Wert.
Und der Anhang ist mehr als nur lesenswert, wirft er doch ein neues Licht
auf die Problematik, ein ungewöhnlichen und ungewohntes Werk in einer
außergewöhnlichen Zeit bei einem einigermaßen renommierten
Verlag angemessen zu publizieren. Allerdings ist nicht ganz einleuchtend,
warum er in jedem Band abgedruckt worden ist, zumal es eher selten vorkommen
dürfte, dass die potentiellen Käufer nur auf einem Bein stehen
wollen, indem sie sich auch nur einen Band zulegen.
Ein kleiner Wermutstropfen:
Leider wurde aus meiner Sicht im Sachregister nicht grundsätzlich
genug angesetzt. Ich möchte das am Beispiel des Stichworts "Christentum"
verdeutlichen.
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So wird unter dem Stichwort "Christentum" jetzt auch auf die wichtigen
Anmerkungen 29ff. zu Kapitel 24 im zweiten Band aufmerksam gemacht.
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Leider wurden dabei nicht nur Ergänzungen gemacht, sondern auch Streichungen
vorgenommen.
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So findet sich bei der 7. Auflage unter Christentum ein Hinweis auf I:289.
Tatsächlich ist dort nicht von Christentum die Rede, wohl aber von
"dogmatischen Theologen". So wurde die Stelle herausgenommen, aber nicht
unter Dogmatismus oder Theologie (das Stichwort fehlt nach wie vor) neu
aufgenommen.
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Es wird entdeckt, dass von Marx´ Einfluß auf das moderne Christentum
nicht in I:234, sondern nur in II:234 die Rede ist, und das weder I:300
noch II:300 Marx´ Einfluß zuzuordnen ist, und konsequenterweise
weggelassen. Schade nur, dass er bei II:300 nicht um zwei Seiten vorgeblättert
hat. Dort betont Popper nochmals: "der Leser wird sich vielleicht entsinnen,
daß auch ich Marx´ moralischen Einfluß auf das Christentum
hervorgehoben habe."
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Schade auch, dass weder die im Namensregister neu entdeckte Stelle II.34
("Christentum ohne Christus"), noch die im gleichen Kontext stehende Stelle
I:106 im Sachregister eine Entsprechung findet. Dort ist ebenfalls von
Platon die Rede, "den die Christen für einen `Christen vor Christus´
und Revolutionäre für einen Revolutionär hielten."
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II:67 fehlt nach wie vor: Dort heißt es aber: "`Der Nationalismus´,
so schreibt Anderson, `wuchs heran, als das orthodoxe Christentum verfiel,
er ersetzte den Glauben des letzteren durch den Glauben an eine besondere
mystische Erfahrung´ ..., durch eine Erfahrung, die nicht nur das
Christentum, sondern insbesondere das durch die Mißbräuche des
Absolutismus zerstörte Gefühl des Vertrauens und der Loyalität
dem König gegenüber ersetzte. Diese unbändige neue und demokratische
Religion war offenkundig eine Quelle großer Beunruhigung ..." Ebenso
II:70: "Die mittelalterliche Umwandlung des Christentums in ein autoritäres
Bekenntnis konnte seine humanitären Tendenzen nicht völlig unterdrücken;
immer wieder durchbricht das Christentum den autoritären Mantel (und
wird dann als Häresie verfolgt)." Ähnliches gilt für weitere
Stellen über "Christentum". Nach den angeführten Seiten II:297-300
steht auf II:302 steht der richtungweisende Satz: "Und obwohl ich die Auffassung
der meisten Humanisten teile, daß das Christentum durch seine Lehre
von der Vaterschaft Gottes einen großen Beitrag zur Brüderlichkeit
der Menschen leisten kann, bin ich doch andererseits überzeugt, daß
jene Menschen, die den Glauben an die Vernunft untergraben, dieses Ziel
kaum fördern werden." Und nicht nur bis II:321 steht Erstaunliches
über das Christentum, sondern auch noch auf II: 322, wo er noch weiter
gegen Macmurrays Interpretation des Christentums, entwickelt aber dort
auch eine eigene Ansicht vom "wahren Christentum" und holt sich Unterstützung
bei Kierkegaard mit dessen These von der "Unvereinbarkeit des Historizismus
mit dem Christentum" Auch in der Anmerkung 2 auf II: 472 geht es um das
Christentum in den westlichen Staaten. Hier hätte man wohl einfach
noch einmal eine Suchmaschine über den Text laufen lassen sollen,
bei allem Verständnis für die Zeitproblematik eines solchen Projekts.
-
Und darüber hinaus bleibt die Frage, ob nicht auch eine Stelle, in
der Popper davon spricht, dass wir nicht davor zurückschrecken dürfen,
"unser Kreuz zu tragen, das Kreuz der Menschlichkeit, der Vernunft und
unserer Verantwortung", nicht "der Last des Kreuzes müde werden" (I:238f)
dürfen, so stark christlich geprägt ist, dass sie hier und nicht
nur unter dem Stichwort Verantwortung anzuführen ist (vgl. auch II:287).
Nun mag man einwenden, man solle ohnehin das Werk vollständig lesen,
brauche also kein so exaktes Register. Dies ist ohne Frage für den
ersten Teil richtig, aber das Register hat keine Funktion beim Erstlesen,
sondern beim Wiederlesen unter bestimmten Gesichtspunkten. Und hier kann
es die Arbeit wesentlich erleichtern, zumindest so lange bis nicht eine
CD-ROM oder Online-Version vorhanden ist, mit der sich die Suchverfahren
noch weiter erleichtern würden.
Ohne Frage aber ist die Neuausgabe insgesamt eine äußerst
gelungene Sache.
Helmut Zenz