Helmut Zenz: Heinrich Rickert im Internet
Heinrich Rickert jun. (1863-1936)
- neukantianischer Philosoph der Wertlehre
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Biographie
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(v.a. BBKL), wurden neu aufgearbeitet und abgeglichen. Dabei können
sich natürlich auch Fehler eingeschlichen haben. Sollte jemand seine
Urheber-Rechte durch folgende Darstellung beeinträchtigt sehen, kann
er sich gerne an mich wenden: helmut.zenz@t-online.de
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KINDHEIT
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* 25.5.1863: Heinrich John Rickert in Danzig geboren als Sohn
von Heinrich Rickert (1833-1902), Redakteur und Reichstagsabgeordneter
(seit 1874, zunächst als Nationalliberaler, dann als Führer der
Liberalen Vereinigung und der Deutsch-Freisinnigen Partei), so dass er
in einem nationalliberalen Elternhaus auf. Wie später sein Sohn zählte
bereits der Staatsmann Heinrich Rickert zu den Verehrern Max Webers. Rickert
erhält Privatunterricht in Danzig und Berlin. Sein Vater war auch
der Vorsitzende des Abwehrvereins und für den Antisemiten Stoecker
der "Generalstabschef der Judenschutztruppe".
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Herbst 1877-Ostern 1884: Besuch des Gymnasiums zum Grauen Kloster in Berlin,
Abgang in der Prima noch vor dem Abitur.
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STUDIUM UND PROMOTION
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1884-1885: zwei Semester an der Universität Berlin: Vorlesungen
verschiedener Fächer; er hört u.a. Herman Grimm, Heinrich von
Treitschke, Emil DuBois-Reymond. Seine Absicht, Literarhistoriker zu werden,
gibt er nach der Poetik-Vorlesung W. Scherers auf, dessen Positivismus
in der literaturwissenschaftlichen Forschung Rickert abstieß. Die
Vorlesungen bei dem Philosophen Friedrich Paulsen begeistern ihn für
Philosophie. Durch eigene Studien über Marx und Nietzsche wurde er
völlig desorientiert, so daß er schließlich in der Philosophie
seines nun aufgesuchten Lehrers W. Windelband einen Ankerplatz fand.
Von hier aus konnte er dann seine ersten philosophischen Versuche im Sinne
der Kantschen Philosophie machen. Die Erfahrung der folgenden Studienjahre
lehrte ihm: Keine Übersteigerung (Nietzsche), sondern die Grenzen,
die das Bewußtsein setzt, sind entscheidend.
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Frühjahr 1885: Wechsel nach Straßburg, dort (mit Ausnahme
zweier Semester in Zürich und Bern) nach einigen Monaten Nachholung
des Abiturs und Studium der Philosophie (vor allem bei Wilhelm Windelband)
als Hauptfach und (als Nebenfächer) der Nationalökonomie (bei
Georg Friedrich Knapp und Lujo Brentano) und Physiologie (bei Friedrich
Goltz).
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12. Juni 1885: Musterung als 'dauernd untauglich' für den Militärdienst.
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Sommersemester 1886: Studium in Zürich; den beurlaubten Richard
Avenarius lernt er privat kennen.
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Sommer 1888: Promotion zum Dr. phil. bei Windelband in Straßburg
mit der Arbeit "Zur Lehre von der Definition". In dieser grundlegenden
Schrift bekannte sich Rickert zu seinem Lehrer Windelband wie kritisch
zu G. Sigwart. Diese Untersuchung markiert auch den Wendepunkt vom Positivismus
zum Neukantianismus. Es ging darum, den Denkakt als solchen herauszuarbeiten,
dem die Bezeichnung »Definition« zukommt. Diese Schrift bildet
die Basis für die spätere Wertphilosophie Rickerts.
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ZWISCHEN PROMOTION UND HABILITATION
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5. Aug. 1888: Heirat mit der in Berlin, Florenz und Rom ausgebildeten
Bildhauerin Sophie Keibel (der Ehe entstammen vier Söhne: Arnold
(Künstler), Heinrich, Alfred und Franz, die alle nicht mehr leben).
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Herbst 1888: Rückkehr nach Berlin.
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Dez. 1889: wegen gesundheitlicher Probleme Übersiedlung nach Freiburg
i. Br.
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Juli 1891: Habilitation in Freiburg mit der Schrift "Der Gegenstand
der Erkenntnis" (Gutachter: Alois Riehl), danach Privatdozent.
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PROFESSOR IN FREIBURG
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1. Nov. 1891: Beginn der Vorlesungstätigkeit in Freiburg.
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16. Nov. 1894: a.o. Prof. für Philosophie in Freiburg.
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1896: Ablehnung eines Rufs nach Rostock, weil: 13. Sept. 1896 o. Prof
für Philosophie in Freiburg als Nachfolger von A. Riehl.
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1897 habilitierte sich bereits Herman Cohn bei Heinrich Rickert in Freiburg.
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Nach einer Blinddarmoperation leidet er lebenslang an Interkostalneuralgien
und Agoraphobie.
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1902: Emil Lask (1875-1915), der "erste" "Schüler" Heinrich Rickerts,
promoviert über Fichte. Lask ging später nach Heidelberg zu Windelband
und übernahm dort kurzzeitig Windelbands Lehrstuhl, bis Lask selber
1915 starb und Rickert nach Heidelberg wechselte.
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1906: Ritterkreuz I. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen.
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1908: Emil Lask kritisiert er auf dem 3. Internationalen Kongreß
für Philosophie in Heidelberg in einem Vortrag über den Primat
der praktischen Vernunft in der Logik die Position seines Lehrers Rickert,
und legt 1911 schriftlich nach. Rickert antwortet ihm in der 3. Auflage
von "Der Gegenstand der Erkenntnis" 1915 ausführlich.
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25. Juni 1909: a.o. Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
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4. Okt. 1910: Geheimer Hofrat.
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1913 Rickert ist Co-Referent für die Promotion Heideggers bei Arthur
Schneider über "Die Lehre vom Urteil im Psychologismus"
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1915 Rickert ist Gutachter bei der Habilitation Heideggers über "Die
Kategorien und Bedeutungslehre bei Duns Scotus"
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PROFESSOR IN HEIDELBERG
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30. Dez. 1915: Versetzung nach Heidelberg als o. Prof. (Nachfolge von
Wilhelm Windelband; in Freiburg wird E. Husserl sein Nachfolger), dort
Kollege von Hans Driesch, K. Jaspers, gegen den Rickert heftig polemisierte,
und (ab 1918) Heinrich Maier.
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3. Juni 1916: o. Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
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18. Juli 1917: Korrespondierendes Mitglied der Königlich Bayerischen
Akademie der Wissenschaften.
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Nov. 1917: Ablehnung eines Rufs der Universität Wien.
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11. Februar 1918: Ritterkreuz des Ordens Bertholds I.
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22. April 1924: Dr. jur. h.c. der Rechts- u. Staatswiss. Fakultät
der Universität Königsberg.
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1927 Felix Meiners spricht mit Ernst Hoffmann und Heinrich Rickert
im September über das von Ernst Cassirer angeregte und Raymond Klibansky
betriebene Vorhaben einer kritischen Ausgabe "Nicolai de Cusa Opera Omnia".
Daraufhin stimmt die Heidelberger Akademie der Wissenschaften im Dezember
dem Vorhaben zu. Der mit der Philosophischen Bibliothek übernommene
und weitergeführte Plan einer deutschen Ausgabe der Schriften von
Nikolaus von Kues hatte dazu ebenfalls einen Anstoß gegeben. Die
Edition, die sich "mit Rücksicht auf die Ungunst der Zeit" vorerst
auf die philosophischen und staatstheoretischen Schriften beschränkt,
soll bis zum Ende der dreißiger Jahre mit 14 Bänden abgeschlossen
werden (cf. 1932).
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1927-1933: August Faust (geb. 24.7.1895) wird Privatdozent und Assistent
am Philosophischen Seminar in Heidelberg bei Heinrich Rickert, bevor er
am 16.6.1933 zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor der Philosophie
und Pädagogik ebenda und am 1.4.1935 in gleicher Funktion in Tübingen
ernannt wurde. Am 1.1.1937 wurde er ordentlicher Professor in Breslau,
orientierte sich klar "pro Hitler". Lediglich aufgrund seiner philosophischen
Hauptinteressen in der Transzendentalphilosophie Kants und Fichtes, der
Philosophiegeschichte und der politischen Pädagogik konnte man noch
den Rickert-Schüler erkennen. 1945 beging der Verfasser einer "Philosohpie
des Krieges" Selbstmord. (vgl. dazu: http://www.uni-mainz.de/~kant/kfs/ks/history/leaman.html
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Juni 1928: Dr. h.c. der Kulturwissenschaften der TH Dresden.
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Okt. 1931: Mitglied der Accademia Nazionale dei Lincei in Rom
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NACH DER EMERITIERUNG
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1. April 1932: Emeritierung.
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SS 1932 bis incl. WS 1933/34: Vertretung seines eigenen Lehrstuhls.
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Mai 1933: Verleihung der Goethe-Medaille für Wissenschaft und Kunst
durch den Reichspräsidenten.
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25. Mai 1933: Dr. h.c. der Theolog. Fakultät Heidelberg (zu seinem
70. Geburtstag).
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1. Nov. 1934: Korrespondierendes Mitglied der Preußischen Akademie
der Wissenschaften.
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25. Juli 1936: in Heibelberg gestorben, bestattet in Danzig.
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POSTHUM
Bibliographie: Nachfolgende Bibliographie
wurden überwiegend aus dem Bayern-OPAC eigenhändig erstellt und
lediglich mit BBKL und anderen Internet-Angeboten abgeglichen. Sie erhebt
keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Für Hinweise auf wichtige
Arbeiten und vor allem Aufsätze wäre ich dankbar.
Primärliteratur
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Sämtliche Werke (geplant)
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Bd. 1. Zur Lehre von der Definition. Das Eine, die Einheit und die Eins.
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Bd. 2. Der Gegenstand der Erkenntnis in 2 Teilbänden (vorraussichtlich
2002)
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Bd. 3. Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung.
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Bd. 4. Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft.
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Bd. 5. Die Probleme der Geschichtsphilosophie.
-
Bd. 6. Wilhelm Windelband. Die Heidelberger Tradition in der deutschen
Philosophie. Die Heidelberger Tradition und Kants Kritizismus (Selbstdarstellung).
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Bd. 7. Die Philosophie des Lebens.
-
Bd. 8. System der Philosophie, Teil 1: Allgemeine Grundlegung der Philosophie.
-
Bd. 9. Kant als Philosoph der modernen Kultur.
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Bd. 10. Die Logik des Prädikats und das Problem der Ontologie.
-
Bd. 11. Goethes Faust.
-
Bd. 12. Grundprobleme der Philosophie.
-
Bd. 13. Aufsätze I: 1894-1921.
-
Bd. 14. Aufsätze II: 1922-1925.
-
Bd. 15. Aufsätze III: 1926-1938.
-
Bd. 16. Gesamtregister. Primärbibliographie.
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Zur Lehre von der Definition. (Freiburg i. Br.), 1888; Tübingen
(2)1915; 1926; 1929
-
Der Gegenstand der Erkenntnis. Ein Beitrag zum Problem der philosophischen
Transzendenz, Tübingen, 1892; 1904; (3)1911; 1915; (4/5)1921; 1928
-
Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Tübingen
(u.a.), (2 Teile, 1896-1902); 1902; 1913; (3/4)1921; (5)1929; The limits
of concept formation in natural science. Cambridge u.a., 1986
-
Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft. Tübingen, 1899; (2)1910;
(3)1915; (4/5)1921; (6)1926; 1986;
-
Fichtes Atheismusstreit und die Kantische Philosophie. Berlin, 1899
-
Psychophysische Causalität und psychophysischer Parallelismus, in:
Philosophische Abhandlungen, Christoph Sigwart zu seinem 70. Geburtstage
gewidmet. Tübingen, 1900
-
Die Probleme der Geschichtsphilosophie, in: Die Philosophie im 20.
Jahrh. Festschrift für Kuno Fischer, 1900; Die Probleme der Geschichtsphilosophie,
1905; Die Probleme der Geschichtsphilosophie. Heidelberg, 1924
-
Bewußtsein und Gegenstände. S.l., 1910 ca.
-
Vom Begriff der Philosophie. Tübingen, 1910/11
-
Das Eine, die Einheit und die Eins. Tübingen, Logos II, (1911)
1912; 1924
-
Lebenswerte und Kulturwerte. Tübingen, 1912
-
Urteil und Urteilen. Tübingen, 1912
-
Vom System der Werte. Tübingen, Logos IV, 1913
-
Wilhelm Windelband. Tübingen, 1915; 1929
-
Die Philosophie des Lebens. Tübingen, 1920; (2)1922
-
System der Philosophie. Teil I: Allgemeine Grundlegung der Philosophie,
Tübingen 1921
-
Psychologie der Weltanschauungen und Philosophie der Werte. Tübingen,
1921; in: Karl Jaspers in der Diskussion, 1973, 35-69 (redig. Fassung
des Aufsatzes von 1920) (gegen Jaspers)
-
Die Wetten in Goethes Faust. Tübingen, 1922
-
Die philosophischen Grundlagen von Fichtes Sozialismus. Tübingen,
1923
-
Das Leben der Wissenschaft und die griechische Philosophie. Tübingen,
1924
-
Kant als Philosoph der modernen Kultur. Ein geschichtsphilosophischer
Versuch. Tübingen, 1924
-
Alois Riehl. Tübingen, 1925
-
Die Einheit des faustischen Charakters. Tübingen, 1925
-
Max Weber und seine Stellung zur Wissenschaft. Tübingen, 1926
-
Die Logik des Prädikats und das Problem der Ontologie. Heidelberg,
1930
-
Der Erdgeist in Goethes Faust und die Erdgeisthypothese. Frankfurt a.M.,
1930
-
Helena in Goethes Faust. Erlangen, 1931
-
Die Heidelberger Tradition in der deutschen Philosophie. Tübingen,
1931; 1934
-
Goethes Faust. Tübingen, 1932
-
Thesen zum System der Philosophie. Tübingen, 1932
-
Wissenschaftliche Philosophie und Weltanschauung. Tübingen, 1933
-
Frederici, F.: La filosofia dei valori di H.R., Florenz, 1933 (mit Bibliographie)
-
Grundprobleme der Philosophie, Methodologie, Ontologie, Anthropologie.
Tübingen, 1934
-
Selbstdarstellung, in: Deutsche systematische Philosophie nach ihren
Gestalten, Bd. II, 1934, dazu Ziegenfuß, Philosophenlexikon II, 1950,
dazu Reclam Nr. 7875: Neukantianismus 1982, 174-181
-
Posthum:
-
Die allgemeinen Grundlagen der Politik Fichtes. Tübingen, 1938
-
Unmittelbarkeit und Sinndeutung. Aufsätze zur Ausgestaltung des Systems
der Philosophie, Tübingen, 1939
-
/C. Ramming, J.: Existentialismus und Wertphilosophie, Bern 1948
-
Filosofia valori. Lecce, 1987
-
Philosophische Aufsätze, hrsg. und eingeleitet
von Rainer A. Bast. Tübingen, 1999
Sekundärliteratur:
-
Troeltsch, Ernst: Moderne Geschichtsphilosophie, 1904
-
Bloch, Ernst: Kritische Erörterungen über Rickert und das
Problem der modernen Erkenntnistheorie, 1909
-
Lowtzky, Fanny: Studien zur Erkenntnistheorie, 1910
-
Schlunke, Otto: Die Lehre vom Bewusstsein bei Heinrich Rickert, 1911; Heinrich
Rickerts Lehre vom Bewußtsein. Leipzig, 1912
-
Lapp, Adolf: Versuch über den Wahrheitsbegriff mit besonderer Berücksichtigung
von Rickert, Husserl und Vaihinger, 1912
-
Ehrlich, Otto: Wie ist Geschichte als Wissenschaft möglich?. Berlin,
[1913]
-
Rosenzweig, Franz: Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus.
Heidelberg, 1917
-
Schneider, Max: Die erkenntnistheoretischen Grundlagen in Rickerts Lehre
von der Transzendenz, 1918
-
Kerler, Dietrich Heinrich: Die auferstandene Metaphysik. Ulm, 1921
-
Becher, E: Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, 1921;
-
Spranger, E: Heinrich Rickerts System, Logos, 1923, 183-198;
-
Schirren, Walter: Rickerts Stellung zum Problem der Realität. Langensalza,
1923
-
Heinrich Rickert, dem Denker, dem Lehrer, dem Freunde zum 25. Mai 1923,.
Tübingen, 1923
-
Beck, Friedrich: Heinrich Rickert und der philosophische Transzendentalsubjektivismus,
1925
-
Grünberg, Herbert: Über das Verhältnis von Theoretischem
und Praktischem im transzendentalen Subjekt. Borna-Leipzig, 1926
-
Messer, August: Deutsche Wertphilosophie der Gegenwart. Leipzig, 1926
-
Faust, August: Heinrich Rickert und seine Stellung innerhalb der deutschen
Philosophie der Gegenwart. Tübingen, 1927
-
Faust, A.: Heinrich Rickert und seine Stellung innerhalb der Philosophie
der Gegenwart, 1927; -
-
Raines, Chaim-Wolf: Werttheorie und Kulturphilosophie, 1930
-
Böhm, F.: Die Philosophie Heinrich Rickerts, Kantstudien XXXVIII,
1933; -
-
H.Rickert-Festgabe. Logos XXII, Tübingen, 1933;
-
Heinrich Rickert zum siebzigsten Geburtstag. o.O., 1933
-
Harms, Wolf: Apriorität des Rechts und materielle Rechtswidrigkeit
auf der Grundlage der erkenntniskritischen Lehre Kants und des Rickertschen
Erkenntnisbegriffes. Breslau, 1933; Frankfurt a.M., 1977
-
Störring, Gustav E.: Die moderne ethische Wertphilosophie. Leipzig,
1935
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Marcuse on Rickert, Heinrich "Zu Heidelberger Tradition" (27. Juni 1936)
- http://www.usc.edu/isd/locations/ssh/special/fml/Marcuse_Coll.html
-
Posthum:
-
Marcuse, Ludwig: "Nachruf auf Heinrich Rickert"(29. Aug. 1936) - http://www.usc.edu/isd/locations/ssh/special/fml/Marcuse_Coll.html
-
Mandelbaum, E.: The Problem of historical Knowledge, 1938; -
-
Nial, Tore: Heinrich Rickerts kunskapsteori. Göteborg, 1939
-
Wittmann, Michael: Die moderne Wertethik historisch untersucht und kritisch
geprüft. Münster in Westfalen, 1940
-
Lehmann, Gerhard: Die deutsche Philosophie der Gegenwart, 1943, 82-91,
550 f.; -
-
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Ramming, Gustav: Karl Jaspers und Heinrich Rickert. Bern, 1948
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Hessen, J. Religionsphilosophie I, 1948, 121-126; -
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Aron, Raymond: La philosophie critique de l'histoire. Essay sur une
théorie allemande de l. histoire II, 1950; Paris 1969; 1987
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Leingärtner, Wilhelm: Der Strukturwandel des Erfahrungsbegriffes im
philosophischen Entwicklungsgange Heinrich Rickerts, 1952
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Flach, Werner: Die Gegenstands- und Aprioritätsproblematik bei H.
Rickert, B. Bauch und Nic. Hartmann, 1955
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Miller-Rostowska, Alice: Das Problem der individualisierenden Begriffsbildung
bei Heinrich Rickert, Winterthur, 1955
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Flach, W.: Negation und Andersheit, 1959;
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Zocher, G.: Heinrich Rickert zu seinem 100. Geburtstag, in: Zeitschrift
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Sommerhäuser, Hanspeter: Emil Lask in der Auseinandersetzung mit Heinrich
Rickert, 1965
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Schöberl, Wolfgang: Die Historizität des Historismus. 1966;
Würzburg, 1967
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Berger, Johannes: Gegenstandskonstitution und geschichtliche Welt. München,
1967
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Jahrb. 75, 1967/68, 127-151;
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Glockner, H.: Heinrich Rickert, in: H. Glockner, Gesammelte Schriften Bd.
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Seidel, Hermann: Wert und Wirklichkeit in der Philosophie Heinrich Rickerts.
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Schnädelbach, H.: Geschichtsphilosophie nach Hegel, 1974; -
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Schnädelbach, H.: Philosophie nach Hegel, 1974; -
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Drexler, Hans: Begegnungen mit der Wertethik. Göttingen, 1978
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Kleppel, E.: Autonomie und Anerkennung, 1978;
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Ollig, H.L.: Einleitung zu: Neukantianismus, Reclambuch 7875, 1982, 5-52;
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Schnädelbach, H.: Philosophie in Deutschland 1831-1933, 1983; -
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Kuttig, Lothar: Konstitution und Gegebenheit bei H. Rickert. Zum Prozeß
der Ontologisierung in seinem Spätwerk. Eine Analyse unter Berücksichtigung
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Sand, Ulrich: Max Weber und die Geschichtsmethodologie Heinrich Rickerts,
1987
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Oakes, Guy: Weber and Rickert. Cambridge, Mass. u.a., 1988
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Signore, Mario: Rickert tra storicismo e ontologia. Milano, 1989; Rickert
zwischen Historismus und Ontologie. Mailand, 1989
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Horkheimer, M.: Gesammelte Schriften (Nachlaß) Bd. 10, 1990; -
-
Merz-Benz, Peter-Ulrich: Max Weber und Heinrich Rickert. Würzburg,
1990 (vgl. auch seinen Vortrag "PD Dr. Peter Ulrich Merz-Benz (Zürich):
"Normativität als Gegenstand kulturwissenschaftlichen Verstehens -
Max Weber und Heinrich Rickert")
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Oakes, Guy: Die Grenzen kulturwissenschaftlicher Begriffsbildung. Frankfurt
am Main, 1990
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Peschl, Andreas: Transzendentalphilosophie - Sprachanalyse - Neoontologie.
Frankfurt am Main u.a., 1992
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Riebel, Alexander: Zur Prinzipienlehre bei Heinrich Rickert, 1992
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Bambach, Charles R.: Heidegger, Dilthey, and the crisis of historicism.
Ithaca [u.a.], 1995
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Koslowski, Peter: Methodology of the social sciences, ethics, and economics
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Paulson, Stanley L.: Erkennen als Anerkennen. Die neukantianische Urteilslehre
Heinrich Rickerts, in: Staat und Recht
Festschrift für Günther Winkler, herausgegeben von H.
Haller/ C. Kopetzki/ R. Novak/ S. L. Paulson/B. Raschauer/ G. Ress/ E.
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Giugliano, Antonello: Nietzsche, Rickert, Heidegger. Napoli, 1999
-
-
Krijnen, Christian: Nachmetaphysischer Sinn. Würzburg, 2001
-
Wöhler, Sven: Das heterologische Denkprinzip Heinrich Rickerts
und seine Bedeutung für das Werk Max Webers, 2001; auch als [Elektronische
Ressource]
-
Heidegger, Martin: Briefe 1912 bis 1933 und andere Dokumente. Frankfurt
am Main, 2002
-
o.J.
-
Herrschaft, Lutz: Theoretische Geltung. Zur Geschichte eines philosophischen
Paradigmas o. J.
-
Dirksen, A: Individualität als Kategorie. Ein logisch-erkenntnistheoretischer
Versuch in Form einer Kritik der ausführlich dargestellten Individualitätslehre
H.R.s, o.J.;
-
Lexikas
-
Dict. of Phil. 271; -
-
Phil.Lex. (Ziegenfuß) II, 346-352; -
-
RGG3 V, 1098 f.; -
-
HWBPhil. IV, 1315-1316; -
-
Totok V, 132; -
-
Phil. Lex. (Ost), 778-782; -
-
Metzler Phil. Lex., 655 f.
Texte und Thesen:
-
Rickert ist neben Windelband Begründer der südwestdeutschen
Schule des Neukantianismus;
-
Vgl. Brockhaus: Rickert ist von Kant, Fichte, Lotze und Windelband
beeinflußt.
-
Vgl. Brockhaus: Rickert vertritt einen transzendental-idealistischen
Kritizismus, welcher der transzendentalen Subjektivität primäre
erkenntnisbegründende Funktion zuschreibt. Auch in seinen späteren
Studien zur Erkenntnistheorie, in denen das Problem des alogisch-außersubjektiven
Erkenntnismaterials an Bedeutung gewinnt und Rickert sich ontologischen
Fragestellungen nähert, bleibt dieser Ansatz ebenso erhalten wie in
der Theorie der Werte, die Rickert im Anschluß an Windelband systematisch
ausbaute. Zentrales Problem seiner Wertphilosophie ist die Differenz von
objektiv geltender, von der individuellen Subjektivität unabhängigem
Wert und Wirklichkeit und deren Aufhebung durch das wertende Subjekt. Es
geht also um die erkenntnislogischen Implikate der Werttheorie. In der
Wertphilosophie spielte also der Dualismus von Sein und Wert von vorneherein
eine maßgebliche Rolle. Auf der einen Seite steht die durch Naturgesetze
geordnete Natur als Gegenstand der Naturwissenschaften. Das Geschehen in
ihr ist zwar gesetzlich geregelt, aber sinnlos. Dem stehen die Werte in
ihrer eigenen Ordnung gegenüber. Ihre sie auszeichnende Eigenheit
ist das "Gelten". Es garantiert ihnen Objektivität und Verbindlichkeit
als Grundlage für die Normen des Handelns. Das Feld ihrer Verwirklichung
ist die Geschichte bzw. die vom Menschen in ihr errichtete Kultur. In ihr
entstehen durch Wertrealisierung Sinngebilde in den Kulturgütern.
Man versuchte auch verschiedene Wertsphären voneinander zu unterscheiden
und eine Ordnung nach höheren und niedrigeren Werten aufzuzeigen.
Bei Rickert z.B. erscheinen als autonome Wertbereiche Wahrheit, Schönheit
und Heiligkeit im Sinn von Pantheismus und Mystizismus, die sittlichen
Werte, Glück und persönliche Heiligkeit in den theistischen Religionen.
-
Vgl. Brockhaus: Rickert lehnt über die Wertphilosophie die Metaphysik
im Sinn einer objektivistischen Wissenschaft vom Absoluten ab.
-
Vgl. Brockhaus u.a.: Rickerts Unterscheidung der Kultur- und Naturwissenschaften
ist philosophiegeschichtlich einflußreich geworden. Dabei bestimmt
Rickert: "Kultur ist nicht bloss Kunst, Religion und Philosophie, sondern
auch Wirtschaft, Gesellschaft, Technik, Erziehung und Politik..., Kultur
umfasst alles, was Bedeutung und Wert hat." (Rickert, Kulturwissenschaft
und Naturwissenschaft, 7. Auflage, 1986 Stuttgart, Reclam). Naturwissenschaft
ist nomothetisch und sucht allgemeine Gesetze, die Geisteswissenschaft
ist idiographisch und sucht die jeweils besonderen Tatsachen, vor allem
die historischen. "Nach positivistischem Vorbild orientiert der südwestdeutsche
Neukantianismus das erkenntnistheoretische Problem am Begriff der historischen
Tatsache. Tatsachen werden als Gegenstand der Erkenntnis konstituiert in
den Naturwissenschaften durch Methoden der Generalisierung des Gegebenen
(nomothetisches Verfahren), die es auf allgemeine Gesetze zurückführen.
Der Einzelfall interessiert hier niemals für sich selbst, im Unterschied
zur Geschichtswissenschaft, die sich gerade mit Einzelnem befaßt,
mit dem Zeitalter des Barock, mit Napoleon, mit dem neuzeitlichen Naturrecht
usf. Die historische Tatsache, der Erkenntnisgegenstand der Geschichtswissenschaft,
muß auch erst konstituiert werden. Das geschieht durch eine der naturwissenschaftlichen
Generalisierung logisch entgegengesetzte Methode, der Individualisierung
(idiographische Methode). Unter den vielerlei Tatsachen, die dem Historiker
beispielsweise für das 19. Jahrhundert gegeben sind, trifft er eine
Auswahl, und das Auswahlprinzip ist der Begriff der Kulturbedeutsamkeit
oder des Wertes. Natur ist das Sein von Tatsachen unter Gesetzen, Kultur
das Sein von Tatsachen unter Werten." (Riedel, S. 331) Das Begriffspaar
'nomothetisch- idiographisch', das von dem Philosophen Heinrich Rickert
(Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Leipzig 1902)
um die Jahrhundertwende als Klassifikationsinstrument für die Einteilung
der Wissenschaften eingeführt und begründet wurde, bringt den
Grundsatzstreit über die spezifischen Aufgaben und Methoden geisteswissenschaftlicher,
individuell-konkreten Sinnzusammenhängen und Geschehnissen zugewandter
Wissenschaftsgruppen und ihren Eigenwert gegenüber einer 'naturwissenschaftlichen'
Denkweise, auch in den auf Mensch und Kultur bezogenen damals 'neuen' Disziplinen
- wie z. B. Wirtschaftswissenschaften oder Soziologie - , auf einen begrifflichen
Nenner. Die Rickertsche Begriffsbildung und der in ihr fortwirkende ideelle
Grundsatzstreit beeinflussen noch heute zumindest in Deutschland und öfters
wohl als eine Art vorwissenschaftlicher Topos- anders als etwa in angelsächsischen
Ländern, die insoweit eine andere Wissenschaftsentwicklung erfuhren
- das Selbstverständnis auch der Geschichtswissenschaft.
-
Vgl. Philosophenlexikon: Rickert befaßte sich vor allem mit den
Problemen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung und der Begriffsbildung
in der Geschichtswissenschaft. Die Geschichtswissenschaft ist nach
Rickert eine individualisierende Wissenschaft. Sie kann historische Personen
und Ereignisse nur im Zusammenhang mit den Werten dieser Personen oder
den Werten jener Zeit verstehen. Ob bestimmte Werte für eine bestimmte
Kultur von Bedeutung sind oder nicht, läßt sich - so Rickert
- empirisch feststellen. Aus diesem Grund ist das, was der Historiker als
bedeutungsvoll auswählt, nicht von seiner besonderen Privatmeinung
her bestimmt. Rickert bestreitet, daß alle kulturellen Werte an einen
historischen Ort gebunden seien. Wie den Naturwissenschaften absolute Voraussetzungen
zugrunde liegen, so setzen die Kulturwissenschaften, zu denen die Geschichtswissenschaft
zählt, unbedingte, allgemeingültige und formale Werte voraus,
von denen her sich alle Kulturen beurteilen lassen.
-
Klaus Lichtblau: Soziologie als Kulturwissenschaft? Zur Rolle des
Kulturbegriffs in der Selbstreflexion der deutschsprachigen Soziologie
(1): "Die zweite bedeutende Variante dieser dualistischen Wissenschaftsklassifikation
stammt von den südwestdeutschen Neukantianern Wilhelm Windelband und
Heinrich Rickert. Ihr verdanken wir jenen emphatischen Begriff der "Kulturwissenschaft",
der auch heute noch gern von Vertretern diverser Disziplinen in Anspruch
genommen wird, jedoch von seinen Urhebern ausschließlich für
den Sonderfall der historischen Kulturwissenschaften konzipiert worden
war (16). Die ihm zugrundeliegende neukantianische Wissenschaftsklassifikation
beruht dabei auf der Unterscheidung zwischen einer generalisierenden und
einer individualisierenden Form der Begriffsbildung, die den Bereich der
Naturwissenschaften unüberwindbar von dem der Kulturwissenschaften
trennt. Rickert bringt diesen Hiatus auch dadurch zum Ausdruck, daß
er zwischen "Gesetzeswissenschaft" und "Wirklichkeitswissenschaft" unterscheidet.
Während für die erstere eine klassifizierende Form der Begriffsbildung
kennzeichnend ist, die für eine unüberschaubare Vielzahl von
Fällen gilt, beruht letztere dagegen auf "individuellen" Begriffen,
die ausschließlich in bezug auf sogenannte "historische Individuen"
Geltung beanspruchen können. Hiermit sind einmalige Erscheinungen
bzw. Erscheinungskomplexe gemeint, die durch eine spezifische Art der Begriffsbildung
"idealtypisch" aus dem unendlichen Strom des Geschehens herausgegriffen
werden, ohne daß damit notwendig ein "Werturteil" über die solcherart
begrifflich ausgegrenzte Erscheinung verbunden ist. Entscheidend für
diese spezifisch historische Form der Begriffsbildung ist allein das Erkenntnisinteresse,
das der Kulturwissenschaftler verfolgt und für dessen heuristische
Funktion Rickert den Ausdruck "theoretische Wertbeziehung" eingeführt
hat. Nur unter Bezugnahme auf solche vorgängigen "Kulturwerte" ist
ihm zufolge überhaupt erst eine kulturwissenschaftliche Erkenntnis
möglich. Sie gleichen also gewissermaßen Scheinwerfern, welche
die ansonsten dunkle Nacht wenigstens partiell erleuchten. Ob diese Werte
dagegen selbst in irgend einem erkennbaren Zusammenhang stehen, ist dabei
im Prinzip unerheblich. Rickert hat sich jedoch auf die Suche nach einem
solchen Zusammenhang begeben und dabei im Laufe der Zeit ein eigenes "System
der Werte" entwickelt, das allerdings so willkürlich konstruiert war,
daß selbst Max Weber ihm in diesem Punkt nicht zu folgen vermochte
(17). Gleichwohl war Max Weber eine Zeit lang ein gelehriger Schüler
von Heinrich Rickert, worauf im übrigen all jene Probleme zurückzuführen
sind, mit denen wir uns auch heute noch konfrontiert sehen, wenn wir den
in dieser Tradition geprägten Begriff der "Kulturwissenschaft" für
die zeitgenössischen Geistes- und Sozialwissenschaften in Anspruch
zu nehmen versuchen. Dies liegt nicht nur daran, daß mit ihm ein
spezifisch historisches Verständnis von Kulturwissenschaft verbunden
ist, sondern auch daran, daß Rickert und Weber diesen Ausdruck als
Oberbegriff für eine ganze Reihe von historischen Kulturwissenschaften
gebrauchten, zu denen die zu diesem Zeitpunkt bereits bestehenden Richtungen
der Soziologie eindeutig nicht gehörten. Zwar hat Weber im Laufe der
Zeit einen eigenen soziologischen Ansatz entwickelt, den er später
als "verstehende Soziologie" zu bezeichnen pflegte. Doch können wir
verkürzt sagen, daß Weber umso mehr Kulturwissenschaftler im
Rickertschen Sinne war, je weniger er noch Soziologe war und umgekehrt
(18). Dies liegt nicht nur daran, daß Rickerts Verständnis von
Kulturwissenschaft ausschließlich der historischen Erkenntnis von
rein individuell feststellbaren Sachverhalten gewidmet war, sondern auch
daran, daß die für Webers spätere Soziologie charakteristische
Verbindung zwischen dem "Verstehen" und dem "Erklären" in Rickerts
Wissenschaftslehre noch überhaupt keine Rolle spielte. Wenn Webers
Werk also in undifferenzierter Weise als "kulturwissenschaftlich" charakterisiert
wird, so geschieht dies in der Regel in der Form, daß nicht zureichend
zwischen der von ihm im Anschluß an Rickert entwickelten Logik der
kulturwissenschaftlichen Erkenntnis und seinen eigenen späteren soziologischen
Arbeiten unterschieden wird. ... Im Zuge der Ausarbeitung seiner verstehenden
Soziologie hat sich Weber also zunehmend von den Vorgaben der Rickertschen
Wissenschaftslehre befreit und eine völlig eigenständige Form
der universalgeschichtlichen und kulturvergleichenden Forschung entwickelt,
die untrennbar mit seinem eigenen Namen verbunden ist. Eine undifferenzierte
Anwendung des Rickertschen Begriffs der "historischen Kulturwissenschaft"
auf Webers Werk verdeckt insofern gerade die unterschiedlichen Erkenntnisinteressen,
die Max Weber mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten verfolgt hat (21).
Vgl. hierzu und zum folgenden Wilhelm Windelband, Geschichte und Naturwissenschaft
(1894), in: ders., Präludien. Aufsätze und Reden zur Philosophie
und ihrer Geschichte, 9. Aufl. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck)
1924, Bd. 2, S. 136-160; Heinrich Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft.
Ein Vortrag, Freiburg i. Br. / Leipzig / Tübingen: J. C.B. Mohr (Paul
Siebeck) 1899; ders., Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung.
Eine logische Einleitung in die historischen Wissenschaften, Tübingen
/ Leipzig: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1902. 17.Vgl. Heinrich Rickert, Vom
System der Werte, in: Logos 4 (1913), S. 295-327. Weber hatte als Dank
für die Zusendung dieses Aufsatzes Rickert den ersten Entwurf seiner
eigenen "Religionssystematik" angekündigt, die später im älteren
Teil von "Wirtschaft und Gesellschaft" veröffentlicht worden ist.
Offensichtlich wollte Weber mit dieser "Religionssystematik" Rickert deutlich
machen, wie man auf empirischem Weg universalgeschichtlich bedeutsame Wertorientierungen
systematisch rekonstruieren kann. Vgl. Max Weber, Brief an Heinrich Rickert
vom 3. Juli 1913, zit. bei Hans G. Kippenberg, Webers Religionssystematik:
Typen der Religion, unveröff. Manuskript, Bad Homburg 1998, S. 1.
18.Darauf verweist bereits Emerich Francis, Kultur und Gesellschaft in
der Soziologie Max Webers, in: K. Engisch / B. Pfister / J. Winckelmann
(Hrsg.), Max Weber. Gedächtnisschrift der Ludwigs-Maximilians-Universität
München, Berlin: Duncker & Humblot 1966, S. 89-114. 19.Vgl. Max
Weber, Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer
Erkenntnis (1904), in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre,
6. Aufl. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1985, S. 146-214; ders.,
Die protestantische Ethik und der "Geist" des Kapitalismus. Textausgabe
auf der Grundlage der ersten Fassung von 1904/05 mit einem Verzeichnis
der wichtigsten Zusätze und Veränderungen aus der zweiten Fassung
von 1920 hrsg. u. eingel. von Klaus Lichtblau u. Johannes Weiß, 3.
Aufl. Weinheim: Beltz Athenäum 2000. 20.Max Weber, Wirtschaft und
Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 5. Aufl. Tübingen:
J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1972, S. 8. 21.In diesem Zusammenhang sei noch
einmal auf den bereits zitierten Aufsatz von Francis verwiesen, in dem
Webers intellektuelle Entwicklung seit der Jahrhundertwende in einer auch
heute noch vorbildhaften Weise rekonstruiert wird. Vgl. ferner Thomas Burger,
Deutsche Geschichtstheorie und Webersche Soziologie, in: Wagner / Zipprian
(Hrsg.), Max Webers Wissenschaftslehre, a.a.O., S. 29-104.
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vgl. Volker Peckhaus: Wohl haben Windelband und Rickert die symbolische
Logik bereits in die Mathematik verabschiedet, so daß die Ausarbeitung
und Begründung logischer Kalküle also keine Aufgabe für
die Philosohpie mehr war. Rickert wendete sich mit seiner Schrift Das Eine,
die Einheit und die Eins von 1911 ((2)1924) ganz offensichtlich gegen die
Vertreter der mathematischen Logik. Er beschwört die Gefahr des
"logischen Mathematizismus" für "die Selbständigkeit der Logik
als Lehre vom Logos" herauf (1924, 3), eine Gefahr, die er aber nicht
nur in rationalistischen, sondern auch in antirationalistischen und phänomenologischen
Bewegungen repräsentiert sieht. Rickert sieht gerade die Eigenart
des Logischen durch seine Verwechslung mit dem Mathematischen bedroht.
Die Lösung dieses Problems heißt für Rickert Abgrenzung.
Folgerichtig stellt er die Frage: "Wie unterscheidet sich das Logische,
wenn es in Form mathematischer Erkenntnisse auftritt, von jenem ,rein`
Logischen, das die Logik für sich herauszuarbeiten sucht?" (1924,
4). Zugespitzt auf den für die Mathematik elementaren Zahlbegriff
will er "die Zahl als ein Gebilde [...] erweisen, das, obwohl es mathematisch
elementar ist, sich nicht als rein logisch verstehen läßt" (ebd.).
Rickert will das "alogische Wesen der Zahl" zeigen. Rickert bestätigt
im Anhang, daß er gegen einen "einseitigen Logizismus" anschreibt,
einen Logizismus, "wie er nach Kant am radikalsten durch Hegel und später,
abgeschwächt und mit wesentlichen Modifikationen, besonders von dem
,Marburger` Kantianismus vertreten worden ist" (1924, 87)."
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Vgl. BBKL: Von seinem wertphilosophischen Ansatz wendet sich Rickert gegen
den Existenzialismus. Denkvollzüge in der Offenheit der Existenz
waren ihm suspekt.
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Vgl. BBKL Rickerts Philosophie besteht aus dem heterothetischen Denken;
d.h. er wendet sich gegen den reinen Monismus in Hegels System.
Gegen
Hegels Antithetik wird das Ganze gesetzt als Inbegriff der Vielheit.
Im Sinne Kants gibt es nur eine Theorie, aber die nimmt eben von der Ganzheit
des Lebens her atheoretische Elemente auf. Es geht nicht um eine universale
Wahrheit, sondern um ein »Multiversum« (Relationismus!).
Es gibt folglich einen vorsichtigen Ansatz des Erkennens, was denkbar ist
durch und nur durch das Akzeptieren von theoretischen Werten. Damit aber
wird der Wirklichkeit voll Genüge getan. Wenn also jeder Sinn eine
Verbindung von Wert und Wirklichkeit ist, der Sinn aber etwas Zeitloses,
dann kann man von hier aus auch das »Über hinaus«, also
die Metaphysik selbst auf Wertdeutungen zurückführen. Jene bezieht
sich nun auf den Totalwert, der dann sinnerfüllend das Weltganze umschreibt.
Dann liegt ein Grundansatz in der Vorgespaltenheit. Will die Philosophie
den Sinn des Lebens deuten, so ist entscheidend, was »als Vorderwelt
von allem Denkbaren uns am nächsten liegt«. Dann ist aber wesentlich,
was in dem bedeutsamen Buch »Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft«
(19102) ausgesprochen wird: »Werte sind keine Wirklichkeiten, weder
physische noch psychische. Ihr Wesen besteht in ihrer Geltung, nicht in
ihrer Tatsächlichkeit« (S. 89). Damit kann besonders geschichtsphilosophisch
das »'wertbeziehende' Verfahren« vom »wertenden Verfahren«
getrennt werden. Die Konsequenz bedeutet: »Auch wenn die Geschichte
es also mit Werten zu tun hat, so ist sie doch keine wertende Wissenschaft«
(ebenda, 90). Immer wieder greift Rickert auf seine Dissertation zurück:
Es geht um die richtige Definition, die nun von der Allgemeinheit der Kulturwerte
her mitbestimmt wird. Diese ist es, die die »Willkür der geschichtlichen
Begriffsbildung beseitigt«. Nur so ist »Objektivität«
herstellbar. Von der Wert - stellung gibt es den Einstieg in das Konkrete
durch eine Betrachtung der historisch-geistigen Kultur, wobei neben der
Wissenschaft und den Künsten, vor allem die Sittlichkeit und die Religion
infragekommen. Nun kann die Klassifikation der Werte erfolgen. Rickert
unterscheidet sechs Wertgebiete: 1. »Logik«, also Wahrheit,
Wissenschaft, strenges Urteilen; 2. »Ästhetik«, wozu die
Kunst, bzw. das Schöne an sich gehört; 3. »Mystik«;
4. »Ethik« mit Fragen der Sittlichkeit, der Moralität,
mit dem Sozialgeschehen, aber nicht im sozialkritischen Sinne, wie bei
der Marburger Schule des Neukanitianismus (F.A. Lange!); 5. »Erotik«;
6. »Religion« als Eigenschaft der Frömmigkeit. Interessant
ist aber, der Grundkonzeption Rickerts entsprechend, daß »Mystik«
und »Religion«, die sich doch stark berühren, auseinandergehalten
werden. Es liegt also daran, daß wir es hier mit einem philosophischen
Wertsystem und nicht einer theologischen Bestimmung zu tun haben. Wo geht
nun Rickert über Kant hinaus? Dort, wo er das mathematisch-philosophische
Schema verläßt, um zur Kultur und damit zum Leben vorzudringen.
Die Lebensverwirklichung steht so im Zentrum der Wertphilosophie Rickerts.
Der Mensch schafft sich Kulturgüter, um einsichtig zu leben, Daß
damit dann auch an die Gemeinschaft gedacht wird, zeigt die ethische Ausrichtung.
Immer wieder wird im »System der Philosophie I« (1921), einem
weiteren wichtigen Werk Rickert betont, daß man für den Denkprozeß
der Wertsuche sich vom realen Grund lösen muß, um den Wert für
sich beschreiben zu können. Dieser Wert an sich gibt dann die Orientierungsbasis.
Wenn nun das absolut Wertvolle ausgedrückt werden kann, dann kann
hierin auch der religionsphilosophische Ansatz gesucht werden. Die religiöse
Fragestellung entspricht dem Antinomieverfahren und -problem. D.h. die
Wahrheitsrealisierung kann nicht vom Individuum allein abhängen. Wer
sich der objektiven Wirklichkeitserkenntnis erschließen will, muß
den Glauben miteinbeziehen, damit zum Transzendenten vorstoßen (vgl.
Rickerts Werk »Der Gegenstand der Erkenntnis, Einführung in
die Transzendentalphilosophie, 19153, S. 453 f.). Zusammenfassend kann
gesagt werden - unter Betonung der letzten Ausführungen: a) Rickert
kommt von der Erkenntnistheorie und der diesbezüglichen Antinomieansetzung
zum religiösen Problem. b) Er kommt von der diesbezüglichen Reduplikation
des Wirklichkeitsbegriffes zur religionsphilosophischen Erörterung
einer Überwirklichkeit. c) Rickert stößt von der Wertrealität
vor zu einer absoluten Wertrealität, die nur im Glauben ergriffen
werden kann. Sie setzt die Differenz zwischen dem bloßen und dem
absoluten Wert. Bei aller Anerkennung gab es auch kritische Vergegenwärtigungen
zu der Wertphilosophie Rickerts. So sind historische Wertgeltungen im System
Rickerts dann infragezustellen, wenn die tiefe Verflechtung mit der Wirklichkeit
nicht oder nur wenig gesehen wird (vgl. E. Spranger, Rickerts System, Logos
1923, 192, s.u.: Lit.)."
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Rickert und Eduard Spranger: Wenn ein berufener Zeitgenosse wie
Troeltsch auf enge Zusammenhänge zwischen Dilthey und Spranger aufmerksam
machte (allerdings ohne den letzteren als Schüler des ersteren zu
bezeichnen), ist das nicht ohne Gewicht. Spranger führte Dilthey weiter.
Sein Grundgedanke, von einem vergleichenden und psychologisch zergliedernden
"historischen Bewußtsein" Diltheyscher Prägung zu einer wertenden
Betrachtung der Geschichte zu gelangen, war schon in seiner Dissertation
ausgesprochen worden - bei aller Verteidigung Diltheys gegenüber Rickerts
Kritik und bei aller sonst noch vorhandenen geistigen Nähe zu Dilthey,
die gerade hier immer wieder zu seiner Erwähnung führte (vgl.
Spranger 1905a, S. 63 f., S. 116 ff.). ... Dagegen bildete die von einem
ganz anderen Verständnis getragene Psychologie Diltheys die von Spranger
bevorzugte Alternative, auch wenn Spranger sie in späteren Jahren
als "geisteswissenschaftliche Psychologie" von Zügen des Relativismus
und Positivismus befreien wollte. Das gelang ihm aber nur zum Teil und
ist relativ zu sehen im Vergleich zu bestimmten lebensphilosophischen Positionen
Diltheys, die Spranger im Wesentlichen übernahm. Wie Troeltsch feststellte,
befreite sich Spranger keineswegs von einem Grundproblem der Diltheyschen
Konzeption, das mit der Übernahme des Begriffs "Geisteswissenschaften"
– engl. moral sciences - von John Stuart Mill zusammenhängt (vgl.
Troeltsch 1961, S. 60 f. Fußn. 25; S. 420 Fußn. 215). Die Inkaufnahme
von zwei methodologisch grundverschiedenen Psychologien, die schon Dilthey
zu schaffen machte und Auseinandersetzungen mit Heinrich Rickert nach sich
zog, findet sich in noch ausgeprägterer Form bei Spranger wieder.
Denn die Kluft zwischen einer abgelehnten, aber wissenschaftlich anerkannten
empirisch-experimentellen Psychologie und der eigenen "verstehenden" (geisteswissenschaftlichen)
Psychologie, die beständig um Anerkennung ringen musste (und heute
historisch ist), konnte nicht überwunden werden. ... Am Ende des 19.
Jahrhunderts gab es im deutschen Protestantismus lebhafte Auseinandersetzungen
zwischen einer Generation von älteren "Ritschlianern" mit stärker
ekklesiologisch-biblizistischer Orientierung und einer jüngeren Theologen-Generation,
zur der sich neben Ernst Troeltsch auch Adolf v. Harnack und Wilhelm Herrmann
bekannten. Letztere wollten durch kritisch-entwicklungsgeschichtliche Forschung
die Theologie als "moderne" Wissenschaft auf eine geisteswissenschaftliche
Grundlage stellen (vgl. Rendtorff, in Troeltsch 1998, S. 13 ff.). Hinter
Troeltsch, der zum Wortführer des neuen analytisch–erfahrungswissenschaftlichen
Trends wurde, stand unverkennbar der Historismus Diltheyscher Prägung
(ergänzt durch Rickerts Wertlehre) Die frühe Bekanntschaft und
der Einfluß der Berliner Professoren Alois Riehl, Heinrich Rickert,
Erich Schmidt, Karl Lamprecht, Otto Hintze und Gustav Schmoller, hervorragende
Gelehrte um die Jahrhundertwende, prägten Sprangers Lebens- und Weltbild,
vermittelten ihm das wissenschaftliche Handwerkszeug und formten sehr früh
seine wissenschaftliche Eigenständigkeit. Wenn sich ein Subjekt den/die
Wert(e) in einem Objekt bewußt macht, hat es ein Werterlebnis. Soweit
der Gehalt eines Objektes (Bildungswert) einem Subjekt bewußt gemacht
werden kann, übt das Objekt eine Wirkung auf das Subjekt aus. Vermag
ein Subjekt einen Sinn (Wertgehalt) mit einem Objekt zu verbinden, so vollzieht
es eine Leistung, die sich unter Zugrundelegung vollzogener Werterlebnisse
zum Wertschaffen erhöht. Dieses ständige Ineinanderweben von
Gehalt und Erlebnis, von Wirkung und Leistung, von Werterleben und Werterschaffen
belegt Spranger mit dem Begriff Geist, ein tragender Grundbegriff der verstehenden
bzw. geisteswissenschaftlichen Methode in der Psychologie und Pädagogik.
Sprangers Bemühen war es, geistige Erscheinungen strukturell richtig
zu sehen und in die besondere Wertkonstellation geistiger Zusammenhänge
einzudringen. Darin erfüllt sich der Inhalt des Verstehens geistiger
Erscheinungen, das auf einer “entwickelbaren Vorbildungskraft” beruht und
letzten Endes bedeutet, “die zeitlichen Erscheinungen des Geistes auf ihren
zeitlosen gesetzlichen Sinngehalt zurückzuführen”. Der Einfluß
der Wertphilosophie Rickertscher Prägung ist deutlich erkennbar.
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Rickert und Herman Cohn: Cohn habilitierte sich 1897 bei Rickert.
Im persönlichen Umgang mit Heinrich Rickert und in Auseinandersetzung
mit den Schriften Rickerts gewann sein Denken - wie Cohn später bekannte
- an Bestimmtheit. Rickert habe ihn, wie es in einem Entwurf Cohns zu einem
Schreiben an die Witwe Rickerts heißt, vor allem gelehrt, "das Ewige
im Zeitlichen festzuhalten." Rickert hatte sich schon früh mit Nietzsche
beschäftigt und für diesen interessiert. Nach Erinnerungen Glockners
- eines jüngeren Schülers Rickerts - hat Rickert seiner Frau
nur schwer verzeihen können, daß sie ihn einst von einem bereits
festgesetzten Besuch bei Nietzsche in Sils-Marie abhielt. Ein vorzügliches
Gesprächsthema mit seinem Amtsvorgänger und Habilitationsvater
in Freiburg, mit Alois Riehl (1844-1926), soll für Rickert "die Philosophie
Nietzsches" gewesen sein. Alois Riehl hatte bereits 1897 als einer der
ersten Universitätslehrer eine Monographie über Nietzsche mit
dem Titel "Friedrich Nietzsche. Der Künstler und der Denker" veröffentlicht.
Diese noch heute lesenswerte Einführung in Nietzsches Denken ist "von
einer sympathetischen Stimmung des Verfassers" geführt. Wenn Cohn
sich bei seiner eigenen Nietzsche-Darstellung von 1925 offenbar stark an
Riehls Buch orientiert hat, spricht das daher nicht gegen Cohn, sondern
für seinen Willen zur Objektivität.
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Rickert und Max Weber: Der Einfluß Rickerts auf seinen Schüler
Max
Weber beruht auf Gegenseitigkeit, da auch Rickert Max Weber verehrte,
was sich auch in Rickerts Weber-Seminaren niederschlug. Joachim Vahland
betont, dass Max Webers entzauberte Welt von Rickert beeinflußt wurde:
Die anhaltend kontroverse Diskussion um Person und Werk berührt nur
selten Max Webers intellektuelle bzw. weltanschauliche Voraussetzungen.
Auch im philosophischen Diskurs der Gegenwart spielt dieser Klassiker der
Moderne lediglich eine kaum wahrnehmbare Rolle. Hier setzt die vorliegende
Untersuchung an: Im Zusammenhang einer kritischen Lektüre repräsentativer
Tendenzen der bisherigen Rezeption geht es um die Herausarbeitung der für
Webers Denken prägenden Orientierung an der Tradition des deutschen
Idealismus. Dessen Basistheorem vom Primat der praktischen Vernunft – in
der auf Fichte zurückgehenden, von Heinrich Rickert aufgegriffenen
Version – bedingt die axiologischen Vorentscheidungen einer sich als Wirklichkeitswissenschaft
begreifenden verstehenden Soziologie. Die damit einhergehende Behauptung
des Gewissens als der letztlich allein verbindlichen Instanz hat weitreichende
Konsequenzen für Webers Objektivitätsbegriff, das Wertfreiheitspostulat
wie auch für seine Konzeption des okzidentalen Entzauberungsprozesses.
Mit der von ihm vertretenen Dissenstheorie bleibt Webers Denken zudem eine
nicht zu unterschätzende Herausforderung angesichts aktueller Problemlagen.
Insbesondere Wilhelm Windelband , Heinrich Rickert und Wilhelm Dilthey
haben also wissenschaftsgeschichtlich großen Anteil daran, daß
mit der Historisierung der Wissenschaften nach Maßgabe der jeweilig
zugrundeliegenden Methode die Kultur- bzw. Geisteswissenschaften als eigene
Wissenschaft abgegrenzt und legitimiert werden. Des weiteren müssen
Johann Gustav Droysen und Jacob Burckhardt Erwähnung finden, denen
die Geschichtswissenschaft das methodische Konzept der verstehenden Anschauung
verdankt. Eben diese Methode des Verstehens von historischen Einzelphänomenen
in ihrer jeweiligen Individualität wird dann von Weber innerhalb seiner
Wissenschaftsauffassung der Kulturwissenschaft als sozialer Wirklichkeitswissenschaft
übernommen. Eine weitere Nähe zu Rickert von Seiten Webers zeigt
sich im Verständnis und der Ausrichtung der Kulturwissenschaften.
Bei beiden stehen Wert und Sinn in einem konstitutiven Relationalverhältnis,
da insbesondere Werte es sind, die kulturellem und sozialem Deutungsmaterial
Sinn verleihen. Das Verstehen ist nun die spezifische Methode, um den Sinn
jenes soziokulturellen Materials erfassen und deuten zu können. Die
Soziologie ist im Verständnis Max Webers eine empirische Wissenschaft,
die "soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und
seinen Wirkungen ursächlich erklären will" (Weber 1972, 1). Weber
legt somit 'soziales Handeln' als Objektbereich und 'Verstehen' als Methode
seiner Soziologie fest. Der verstehende Zugriff auf soziales Handeln zielt
dann letztlich über die Erfassung des vom Handelnden subjektiv gemeinten
Sinns hinaus auf die Erklärung dieses Handelns unter Berücksichtigung
des Handlungskontextes. Weber entwickelt die Grundzüge dieses Konzepts
um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert in einer Zeit, in der
in Deutschland eine Diskussion über den Wissenschaftscharakter der
Geisteswissenschaften geführt wird. Die Geisteswissenschaften sollten
sich durch die Entwicklung einer eigenständigen Methode neben den
weiter aufstrebenden und erfolgreich arbeitenden naturwissenschaftlichen
Disziplinen etablieren. Der Philosoph Wilhelm Dilthey und die beiden Vertreter
der südwestdeutschen Schule des Neukantianismus Heinrich Rickert und
Wilhelm Windelband versuchen dies durch die Festlegung der Geistes- bzw.
Kulturwissenschaften auf eine verstehende Methode. Sven Wöhler: Das
heterologische Denkprinzip Heinrich Rickerts und seine Bedeutung für
das Werk Max Webers: die Einheit der modernen Kultur als Einheit der Mannigfaltigkeit"
(Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades des Max-Weber-Kollegs für
kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt,
Erfurt 2001 bei Univ-Prof. Dr. Wolfgang Schluchter und Univ.-Prof. Dr.
Pietro Rossi): Zusammenfassung: Das philosophische Werk Heinrich Rickerts
war bislang in seiner Bedeutung als Grundlage des soziologischen Werkes
Max Webers Gegenstand vieler Untersuchungen. Wenig Beachtung fand dabei
allerdings das heterologische Denkprinzip Rickerts, das als Fundamentalprinzip
des Denkens die logische Basis der Rickertschen Erkenntnistheorie darstellt,
indem es den Ursprung des Denkens in der Synthese des Einen und des Anderen
verortet. Das Denken beginnt laut Rickert mit einer Vielheit von Elementen,
die im Erkenntnisakt vom erkennenden Subjekt unter der Beziehung auf allgemeine
Kulturwerte zu einer "Einheit der Mannigfaltigkeit", einer Einheit heterogener
Elemente verbunden werden. Die Dissertation geht der Frage nach, ob
und inwieweit das heterologische Denkprinzip Rickerts auch dem soziologischen
Werk Max Webers zugrunde gelegt werden kann und muß.
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Rickert übte auch Einfluß auf E. Troeltsch (der ab 1903
seinen geschichtsphilosophischen Horizont unter dem Einfluß des südwestdeutschen
Neukantianismus' Heinrich Rickerts und Wilhelm Windelbands erweitert;
an Rickerts Reflexion historischer Prozesse und ihrer Kausalitäten
wird T.s Typusbegriff anknüpfen), auf F. Meinecke. Beim Rickert-Schüler
Erich Fromm dagegen fand die Wertphilosophie Rickerts fand keinen Niederschlag
in seinem Denken. Franz Rosenzweig studierte ebenfalls Philosophie bei
Heinrich Rickert in Freiburg (sowie bei Friedrich Meinecke Geschichte in
Berlin), bevor er "über die Entstehung und Entwicklung der politischen
Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770-1831)" promoviert, in
der Rosenzweig die These von der Irrelevanz des Individuums für die
Gesamtheit kritisiert. Kiyoshi Miki, der japanische Philosoph besuchte
ebenfalls Seminare bei Rickert und lernte bei Rickert auch Karl Mannheim
kennen, dessen Habilitation in Philsophie Rickert aber ablehnte, so dass
sich Karl Mannheim in der Soziologie habilitieren mußte. Kontakt
hatte Rickert auch zu Theodor Mommsen.
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Rickert und Heidegger: Heidegger belegte Philosophie bei Rickert,
der bei seiner Promotion 1913 bei Arthur Schneider über "Die Lehre
vom Urteil im Psychologismus" auch Co-Referent war und 1915 seine Habilitation
über "Die Kategorien und Bedeutungslehre bei Duns Scotus" begleitete.
Der 2002 von Alfred Denker herausgegebene Briefwechsel umfasst 43 Schriftstücke.
Im ersten Brief vom 13. Dezember 1912 entschuldigt Heidegger sich für
seine Abwesenheit während Rickerts Seminar. Der letzte Brief stammt
vom 29. Mai 1933 und ist ein Glückwunschschreiben Rickerts an den
neuen Rektor der Universität Freiburg. Der Briefwechsel umfasst also
einen großen und wichtigen Abschnitt des Lebens- und Denkweges Martin
Heideggers. Er füllt Lücken in der Biographie Heideggers aus
und wirft neues Licht einerseits auf seine Beziehungen zur katholischen
Kirche, zur Universität Freiburg und zur Philosophie des frühen
20. Jahrhunderts, auf sein Verhältnis zu Rickert, Finke, Krebs, Husserl,
Lask und Jaspers. Bemerkenswert ist vor allem die Vertraulichkeit der Beziehung
zwischen dem jungen Studenten und dem ehrwürdigen Geheimrat. Neben
den Briefen werden sieben weitere Dokumente abgedruckt. Der erste Text
wurde im Nachlass Rickerts aufbewahrt; es handelt sich hierbei um Heideggers
Referat vom Wintersemester 1913/14, das versucht, die Grenzen der naturwissenschaftlichen
Begriffsbildung aufzuheben. Das zweite wichtige Dokument ist Heideggers
Vortrag "Frage und Urteil", den er am 15. Juli 1915 gehalten hat. Drei
kleinere Texte werden hier erstmals veröffentlicht: Heideggers Lebenslauf
zur Promotion, sein Promotionsgesuch und sein Habilitationsgesuch. Die
beiden verbleibenden Dokumente sind das Gutachten von Arthur Schneider
über Heideggers Dissertation Die Lehre vom Urteil im Psychologismus
und das Gutachten Rickerts über Heideggers Habilitationsschrift Die
Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus (Dissertation und Habilitation
sind enthalten in dem Band Frühe Schriften bzw. Band 1 der Martin
Heidegger Gesamtausgabe). Um das Bild des Verhältnisses zwischen Heidegger
und Rickert zu vervollständigen, wurde in den Anhang eine Liste der
Vorlesungen und Seminare Rickerts zwischen 1912 und 1916 aufgenommen. Martin
Heidegger / Heinrich Rickert: Briefwechsel 1912 bis 1933 und andere Dokumente
http://www.klostermann-de.ac.psiweb.com/philo/phi_3148.htm
-
Vgl. Niels Gülberg: Rickert hatte das Konzept der Kategorie der
Gegebenheit "im Abschlußkapitel seines Werkes "Der Gegenstand
der Erkenntnis"(2) entwickelt. Das Gegebene selbst, das Wahrgenommene,
ist für Rickert völlig irrational, d.h. logisch unableitbar,
"Dies Rot" ist nur als Tatsache anzuerkennen oder als gegeben zu beurteilen.
Die Inhalte des Urteils sind für Rickert irrelevant, was ihn für
seine Untersuchung interessiert, ist nur die Urteilsform, die er als eine
Bejahung des Inhalts bestimmt. Die Bejahung bringt etwas Nicht-Vorstellungsmäßiges
zu den Vorstellungen eines Urteils hinzu. Nach Rickert gibt es verschiedene
Formen, wobei sich die Erkenntnistheorie nicht für die Formen bereits
vollzogener Urteile, sondern für den Akt des Urteilsvollzugs interessiert,
der eine formgebende, wirklichkeitsbegründende Anerkennung ist. Neben
der Form des vollzogenen Urteils gibt es für Rickert auch die Form
als Normbejahung (als Anerkennensakt des Sollens), die der ersteren in
zwei Stufen vorausgeht, nämlich zunächst als Sollen bzw. Norm,
und dann als Akt der Bejahung. Während die Formen des vollzogenen
Urteils schon seiende Formen sind, aus denen sich keine Objektivität
begründen läßt, wird dem Urteil Objektivität durch
das im Urteil selbst bejahte Sollen verliehen. Den Übergang vom Sollen
zum Sein (den Anerkennungsakt des Sollens) definiert Rickert als Kategorie,
die allen Erkenntnisprodukten Form verleiht. Sie selbst ist nicht seiend,
sondern ist nur Form der Anerkennung. Unter den Kategorien unterscheidet
Rickert nun die Kategorie der Gegebenheit von der Kategorie des Seins dahingehend,
daß die erstere sich nur auf Besonderes, individuell Gegebenes ("Diese
Farbe ist") bezieht, während letztere nur allgemeines Gegebensein
("Farbe ist") bezeichnet. Das in der Wahrnehmung Gegebene, das für
Kant nur ungeformter Stoff, bloßer Inhalt war, ist für Rickert
Inhalt in der Form der Gegebenheit. Folglich gehen für Rickert Denken
wie auch Kategorien jeder einzelnen besonderen Wahrnehmung und Erfahrung
begrifflich voraus, so daß es erkenntnistheoretisch keine "reine
Erfahrung" geben kann. Heinrich Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis.
Einführung in die Transzendentalphilosophie, Tübingen u. Leipzig
21904. Die ursprünglich 1892 in Freiburg veröffentlichte Habilitationsschrift
Rickerts erlebte in den verschiedenen Neuauflagen zum Teil radikale Umgestaltungen
und Erweiterungen, in denen Rickert jeweils die Kritiken der vergangenen
Jahre verarbeitete und Gegenstellung bezog, weshalb er beispielsweise im
Vorwort zur dritten Auflage (1915) betonte: "In gewisser Hinsicht lege
ich also ein 'neues' Buch vor: es ist von Anfang bis zu Ende neu geschrieben,
und die früheren Auflagen sollten nicht mehr benutzt werden". Nishida
hatte Rickerts Werk in der zweiten Auflage kennengelernt und es in dieser
Auflage auch von seinem Schüler Nakagawa (später: Yamanouchi)
Tokuryû ins Japanische übersetzen lassen. Diese Übersetzung,
1916 kurz nach dem Erscheinen der dritten deutschen Auflage erschienen,
erlebte trotz ihrer Unbeholfenheit zahlreiche Auflagen und wurde 1927 zu
einem der ersten Bände des ersten japanischen Reclam-Heft-Pendants,
der Iwanami bunko. Nishida, der das Vorwort zu dieser Übersetzung
schrieb, war sich der großen Unterschiede zwischen zweiter und dritter
Auflage durchaus bewußt; wie er im zweiten Abschnitt von "Unmittelbar
Gegebenes" zeigt, hatte er auch die Differenzierung, die Rickert gegen
Lasks Kritik an seinem Bejahungs-Begriff ab der dritten Auflage unter dem
Stichwort des "fraglosen Jas" darstellte, zur Kenntnis genommen. Zu den
Unterschieden der verschiedenen Auflagen hat Martin Heidegger in einer
seiner frühen Freiburger Vorlesungen aus dem Sommersemester 1919 genauere
Angaben gemacht, vgl. Gesamtausgabe, II. Abteilung Bd. 56/7, S. 178ff.
Emil Lask wird der Wertphilosophie der südwestdeutschen Schule zugerechnet,
doch zeigte er schon früh ein Interesse an Husserls Philosophie, stellte
alsbald Rickert in Frage (schriftlich 1911 in Die Logik der Philosophie
und die Kategorienlehre und 1912 in Die Lehre vom Urteil), der 1915 noch
antwortete. Die Auseinandersetzung zwischen Lask und Rickert wurde durch
den frühen Tod Lasks, der an der Ostfront in Galizien fiel, abgebrochen.
Das Kernstück von Lasks Philosophie ist seine Kategorienlehre und
die auf dieser gründenden Urteilslehre; beide waren für Lask
jedoch nur Vorarbeiten für eine Logik, die die Grundlegung für
ein eigenes philosophisches System bieten sollte, aber nicht vollendet
wurde. Philosophiegeschichtlich hatte Lask besonders auf den jungen Heidegger
einen großen Einfluß; jener wandte sich wie Lask von Rickert
zu Husserl und übernahm von Lask den Gedanken der ontologischen Differenz.
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