Der "Obinggau" und die Bedeutung Obings für der Region
Ob es den "Obinggau" als feste Größe wirklich gegeben hat oder nicht,
wird sicher umstritten bleiben. Immerhin ist er aber in den Aufzeichnungen
des Bischofs Arno von Salzburg (780) erwähnt. Obing hatte in jedem Fall
eine regionale Bedeutung in der Römerzeit, war nach der Christianisierung
wohl auch so etwas wie eine "Urpfarrei", schließlich früher Marktplatz
und Sitz wichtiger Leute im späteren Landgericht Kling. Erst im 19. Jahrhundert
stand dann die Bedeutung Obings auf der Kippe. 1803 wurde das Kloster Seeon
säkularisiert und auch die zunächst geplante politische Aufwertung - die
Verlagerung des Landgerichts Kling nach Obing - wurde fallengelassen, nachdem
der König die Kosten hörte, die die Renovierung des Obinger Schlosses verursachen
würde. So wurde das Schloß abgebrochen. Nicht verloren hat Obing jedoch
seine zentrale Verkehrslage und seine Anbindung an die Inn-Stadt Wasserburg.
Die Nähe zur bürgerlich-städtischen Tracht und Mode in Wasserburg wird
dann gerade auch im Wechsel zum 20. Jahrhundert deutlich spürbar. Die neuen
bürgerlichen Moden breiten sich sehr schnell auch in Obing aus, zum Teil
in der Übernahme, zum Teil in der Vermischung mit den üblichen Trachten.
Im folgenden wollen wir uns jedoch mit der Trachtengeschichte vor dem Jahrhundertwechsel
beschäftigten.
Quellenlage: Schriftliche Quellen für die Trachtenentwicklung
vor dem Dreißigjährigen Krieg sind rar. Interessant für unsere Gegend ist
zum Beispiel das Wirtschaftsbuch des Klosters Baumburg aus dem Jahre 1471.
Es verzeichnet die Tucheinkäufe für Dienstboten: Hier ist die Rede von
"grabs Tuech, Rengspurger, swarztuech" (fol. 147), "zwey gantze tuech,
ain grabs und ain swarz" (fol. 32), "zway grabin tuecher" (fol. 109), "2
Stück kamles, ain swartz und ain grabs" (fol. 141), "2 ellen prawns tuech"
(fol. 143). Grau, Schwarz und Braun sind also die Tuchfarben des 15. Jahrhunderts
für die Kleidung der Dienstboten.
Erste Anschauungen über die frühe Entwicklung der Tracht liefern uns
oft Votivbilder. Votivtafeln geben je nach Motiv Auskunft vor allem über
die fest- und sonntäglichen Trachten derjenigen Bauern und Bürgersleute,
die es sich leisten konnten, solche Votivtafeln malen zu lassen. Manchmal
kann man auch etwas über Alltagstrachten oder die Kleidung der Dienstleute
ablesen. Zwar schränkt ihre relative Seltenheit den Blick auf die mögliche
Vielfalt der Trachten in der jeweiligen Zeit ein. Grundlinien lassen sich
aber an diesen Bildern sehr wohl aufzeigen.
Auch in unserem Gemeindegebiet gibt es solche Votivtafeln, nämlich
in der Diepoldsberger St. Ägidius-Kirche. Die fünf Bilder stammen aus den
Jahren 1686, 1713, 1793, 1800 und 1804:
Diese Abbildungen von Trachten reihen sich ein in die Beschreibungen
von Barbara Brückner in ihrer Untersuchung über "Volkstümliche Farben im
Chiemgau" (Kallmünz 1936), die aber, wie der Titel sagt, vor allem Farben,
weniger die Formen der Trachten beschreibt. Die darin beschriebenen Votivtafeln,
vor allem des Kloster Seeons (in der Kirche von Bräuhausen, verlorengegangen
durch Diebstahl) aus den Jahren 1645 bis 1878, sind vor allem für den nördlichen
Chiemgau ziemlich repräsentativ. Gerade auch für die Obinger Gegend war
das Kloster Seeon eine wichtige Wallfahrtsstätte (St. Lambert, Laurentius-Altar).
Die Diepoldsberger Votivtafeln sind insofern von Interesse, weil die ersten
beiden in eine Zeit fallen, in der bei den Seeoner Votivtafeln eine zeitliche
Lücke klafft. Die drei Votivtafeln um die Jahrhundertwende können wiederum
für die Aussagekraft von Votivtafeln überhaupt Zeugnis ablegen.
Anfang des 19. Jahrhunderts finden sich dann die ersten Trachtenbeschreibungen,
die die Votivtafelforschung ergänzen.
Im Auftrag der bayerischen Regierung hat Josef Hazzi Reisen unternommen,
die er in den "Statistischen Aufschlüssen über das Herzogthum Baiern, aus
ächten Quellen geschöpft" in vier Bänden (Nürnberg 1801-1805) herausgab.
Er beschreibt darin kurz auch die Tracht im "Gericht Kling", das "aus der
alten Grafschaft Wasserburg und am Chiemgau" besteht (am rechten Innufer
vom Simsee bis gegen Kraiburg, östlich bis gegen die Alz).
Etwa ein halbes Jahrhundert später hat Kronprinz Max, der spätere König
Max II. 1846 Joseph Friedrich Lentner (1814-1852) damit beauftragt, den
"sozialen Zustand der Angehörigen der verschiedenen Volksklassen Bayerns"
darzustellen. Seine Nachforschungen und Reisen dauerten bis 1851. Dazu
gehörte auch die Beschreibung von Trachten. So findet sich auch eine Beschreibung
der Tracht im Gericht Trostberg, zu dem Obing damals gehörte. Die Trachtenbeschreibung
von Felix Dahn im Band I der "Bavarica" (München 1860) erschienen, bezieht
sich auf die Zeit um 1800. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts kommt
dann die Fotographie als Quelle hinzu, die uns die beschriebenen Trachten
auch vor Augen führt. Nicht zuletzt gibt auch eine Untersuchung des Bezirks
Oberbayern über Alttrachten in unserer Gegend einige Hinweise, die allerdings
noch nicht schriftlich vorliegen.
Alte Tracht und Mode?: Interessant ist, daß wir schon bei Lentner
lesen können, daß sich die Bewohner in den flachen Gegenden des Chiemgaus
in ihrer Tracht sehr angenähert haben und sich auch die Bewohner rechts
der Alz, also im Gericht Trostberg, sich ganz an die Sitte seiner Nachbarn
hält. Kritisch unterscheidet er daher zwischen älterer Tracht und jetzigem
modischen Einheitsgemisch. Aber schon kommt die Schwierigkeit: Was ist
die "ältere" oder gar die "echte" Tracht. Wie wir sehen werden, hat sie
sich von der Mitte des 16. Jahrhunderts mehrmals gewandelt. Für Lentner
war es die Tracht um die Jahrhundertwende 18./19. Jahrhundert, für uns
heute ist die "Alttracht" eher die Volkstracht im 19. Jahrhundert, während
alles davorliegende als "Historische Tracht" bezeichnet wird, insofern
sie nicht mehr "lebendig" getragen wird und daher auch kaum mehr "original"
erhalten ist.
A: DIE MÄNNERTRACHT
17/18. Jahrhundert: Erste Votivtafeln für unseren Raum zeigen
am Ende des Dreißigjährigen Krieges Männer aus Tacherting (1645) und Seebruck
(1652). Sie tragen grau(grün)e bzw. hellbraune Lodenröcke, rote Tuchröcke,
grau(grün)e Hosen und schwarz-rote Schuhe. 1645 treffen wir bereits den
"modischen" weißen Schwedenkragen, 1652 in Seebruck noch auf die "heimische"
weiße Mühlsteinkrause. Am Ende des 17. Jahrhunderts trifft auch das erste
Votivbild aus Diepoldsberg (1686). Zu sehen sind der "Erbare Hannß Nidermayr"
und seine vier Söhne. Er selbst trägt einen rötlich-braunen Rock, eine
fast weiße Hose, schwarze Strümpfe. Die drei älteren Buben tragen einen
hellbraunen Rock, ansonsten das gleiche wie der Vater. Alle fünf haben
den nun schon üblichen weißen Schwedenkragen. Ihn trägt auch der Seebrucker
auf einem Votivbild in Ältötting (1690) zu einem roten Rock mit schwarzer
Hose und roten Strümpfen. Im 17. Jahrhundert ist der städtische Einfluß
auf die Bauern in der Umgebung größerer Städte noch relativ stark. Im 18.
Jahrhundert zeigt er dagegen ein schärferes Bedürfnis, in seiner Kleidung
vom Städter unterschieden zu werden. Von daher ist das 18. Jahrhundert
die Blütezeit der geschichtlich verfolgbaren Trachtenkunde und die Blütezeit
der lokalen Unterschiede von Gau zu Gau. Wie äußert sich das auf unseren
Bildern: Auf der zweiten Votivtafel aus Diepoldsberg (1713) sind der Wirt
Georg Hindl in Sonntags- bzw. Festtracht (Brauner Rock, rote Weste, schwarzer
Flor, schwarze Hose, braune Strümpfe) und ein Pferdeknecht in Alltagstracht
(hellblauer Rock, schwarze Hose, weiße Strümpfe) zu sehen; beide mit schwarzen
Schuhen. Zwei Bilder aus Seeon (1758) bestätigen den braunen Rock. Einmal
ist dazu die schwarze Hose mit schwarzen Schuhen zu sehen, das andermal
eine zinnober-farbene Weste und weiße Strümpfe, dazu ein Hut, der leider
von Brückner nicht näher beschrieben wird. Bei den weiteren Seeoner Bildern
(1770, 1780, 1786) dagegen finden sich blaue, grüne und hellblaue Röcke.
Die Weste in Zinnober wird üblich, ebenso wie die schwarze Hose. Die Strümpfe
sind auf den Bildern hellblau oder weiß.
Zur Jahrhundertwende 18./19. Jahrhundert (1790-1820): Josef
Hazzi hält für das Gericht Kling für die Kleidung zur Jahrhundertwende
zunächst allgemein fest: "Zur Kleidung lieben beide Geschlechter die schwarze
oder dunkelbraune Farbe." Dahn spricht davon, daß die Bauern im Flachland
des Chiemgaues und alzabwärts um 1800 die stattliche "Inntaler Tracht"
tragen. Auch nach Lentner unterschied sich die "ältere Männertracht" nicht
von der Tracht am Inn und an der Glonn, die er Seiten zuvor als die altbayerische
Oberländertracht bezeichnet hatte. Wie sieht diese nun aus:
Die Schuhe sind "Halbschuhe" (Dahn) und "blos mit Riemen gebunden"
(Hazzi), die Strümpfe "blau" (Dahn, Hazzi) und "von Wolle" (Hazzi). Die
Hosen
sind "schwarzledern" (Hazzi) bzw. "schwarze Lederkniehosen" (Dahn). Sie
werden von "grünseidenen Riemen" (Hazzi), sprich "grünem Hosenträger"
(Dahn) gehalten. Die "rote Weste" bzw. "Kamisole" (Dahn, Lentner)
wird unter dem Hosenträger getragen. Der Begriff "Weste" kommt übrigens
von französisch "veste", lateinisch "vestis"; mundartlich spricht der Baier
von "laiwi, laibi". Der Leib wird außerdem noch mit einem "breiten" (Dahn),
"großen schön gesteppten lederner Gurt" (Hazzi) zusammengeschnallt.
Zum Rock wählen die Männer "mittelfeines Tuch" (Hazzi) in den Farben
"Schwarz" und "Grün" (Hazzi), "Blau" (Hazzi, Lentner) und "Braun" (Lentner).
Er ist "schwarz-rot gefüttert", "kragenlos", reicht "bis an die Kniebeuge"
und besitzt "eine Knopfreihe" (Dahn). "Den Hals umgibt eine seidene Florbinde."
(Hazzi) Auf dem Kopf tragen die Männer eine "grünsamtene Pelzhaube
mit Otterbrämen" (Hazzi); darüber einen "breitkrempigen" (Dahn), "runden"
(Hazzi), "schwarzen Filzhut" (Hazzi, Dahn) mit "flachem, gerade
gedeckten Gupf" (Dahn) und "schwarztaffetnen herabhängenden Bändern geziert."
(Hazzi) Interessant ist, daß Lentner bereits davon berichtet, daß der grüne,
bebänderte Burschenhut allgemein sei.
Vergleichen wir dazu die Diepoldsberger Tafeln. Auf dem Votivbild von
1793 heißt es: "Anhero hat sich verlobt der Ehrngeachte vilibus obermair
sohn alda so er mit einen lagbrigl in die mill nacher stötten gefahren
und nach hobfgartten in dem holz haben die holzmacher negst bey der strassen
baumd umgeschniden und der baum schnurgrat iber die Roß gefallen ist aber
durch vorbit des heiligen Lienhartus alles in guttem stantt erhaltten worden.
gott sey danck 1793." Zu sehen sind der Obermaier-Sohn und vier Holzarbeiter.
Gerade an diesem Bild wird deutlich, daß die Farbe der Tracht sehr wohl
etwas mit dem Stand zu tun hat. Wohl nur die Bauersleute selber tragen
schwarzen oder braunen Rock, die Holzknechte haben einen roten oder hellblauen
Rock. Schwarzes Flor, schwarze Hosen und schwarze Schuhe sind bei allen
zu sehen. Unterschiedlich allerdings noch die Strümpfe in der Kombination
weiß zu braunem Rock, blau zu rotem Rock und hellblau zu hellblauem Rock.
Die von Brückner beschriebenen Votivtafeln in Seeon (1790, 1799) zeigen
braunen Rock, zinnober-farbene Weste, schwarze Hose, weiße Strümpfe. Auf
den Diepoldsberger Votivtafeln von 1800 und 1804 sind besonders deutlich
die grünen Hosenträger zur schwarzen Kniebundhose zu sehen; außerdem 1800
ein Männerhut. Interessant ist, daß ab dieser Zeit der schwarze Rock stärker
zum Zuge kommt (Diepoldsberg 1800, 1804, Seeon 1820, 1825; nur Seeon 1815
noch braun). Die Weste bleibt zinnober bzw. rot. Die Strümpfe zum braunen
bzw. schwarzen Rock werden jetzt tatsächlich - wie die Trachtenbeschreibungen
schildern - überwiegend hellblau bzw. blau.
Die "Mode" Mitte des 19. Jahrhunderts: Dahn schreibt in der
"Bavarica": "Ungefähr seit 1820 begannen ledige Burschen und Knechte daselbst
die uralte Tracht der tyrolischen Holzarbeiter, die neben ihnen in Arbeit
standen, nachzuahmen, insbesondere das Lodenhemd, von ihnen Juppe oder
Joppe genannt, in seiner ächten Form ohne Kragen, vorne offen und glatt,
ohne Knopf und Knopfloch, am Rücken mit einer Handlang zusammengenähten
Gegenfalte, mit Ärmel ohne Aufschlägen; der Stoff wie der des Zillertalerhemdes
von Loden oder grauem Tuch, am Halse und an der Brust mit einem zwei Zoll
breiten Tuchstreifen. Zu diesem Oberkleid gehörte dann ein schwarzer Flor
um den Hals, grüne Hosenträger, eine gestickte Lederbinde um die Hüften,
kurze zierlich ausgenähte Lederhosen bis ans Knie, an das sich `Beinhösl´
oder `Lofel´-Strümpfe ohne Socken (in manchen Gegenden auch von Weibern
getragen) schlossen und auf dem Kopf der Miesbacher Hut oder auch der `Täubling´,
(heute meist Scheibling genannt), dunkelgrün mit niederem Gupf und breitem
allerorts gebogenem Rand ... Es waren nun zuerst die Jäger, welche diese
Kleidung, weiter ausgeschmückt, annahmen; sie setzten an das Lodenhemd
den grünen Kragen und später noch an die Brust Knöpfe und grüne Überschläge,
und die so umgebildete Jäger-, Miesbacher- oder Tegernseer Joppe begann
nun, das allgemeine Gewand der bayerischen Gebirgsbauern zu werden. Ja
schon im Flachland vor dem Gebirge verdrängt diese zweckmäßige und kleidsame
Tracht in der Form, wie sie sich hier festgestellt hat, `das Miesbachisch
Gehen´, (Miesbeckisch sagt man heute), allmählich die stillose, unschöne
Kleidung der Bauern der Ebene." Dieses Urteil über die "stillose, unschöne
Kleidung" des flachen Oberlandes und Chiemgaus ist sicher zu hart. Stillos
deshalb, weil sehr einheitlich. Denn in der Ebene hatte sich Mitte des
19. Jahrhunderts selbst eine "Mode" breit gemacht. Nach Lentner stellt
sie ein Gemisch dar, das aus alten und neuen hervorgegangen ist und beinahe
das ganze Land zwischen Inn und Salzach, was nicht Gebirge ist, mit einer
gleichförmigen Tracht "begabt" hat. Auf den Votivtafeln in Seeon (1843,
1848, 1854, 1859, 1874, 1878) zeigt sich überwiegend der schwarze Rock
(immer häufiger mit Silberknöpfen) und die zinnober-farbene bzw. rote,
später auch hellblaue (1874) und braune (1878) Weste zur schwarzen Hose.
Da stellte die aus Tirol importierte Gebirgstracht durchaus eine willkommene
Abwechslung dar.
B: DIE FRAUENTRACHT
17. Jahrhundert/18. Jahrhundert: Bei den Zeugnissen der weiblichen
Tracht des 17. Jahrhunderts fand Barbara Brückner auf einem Tachertinger
Bild von 1645 die weiße Schürze mit rotem Band auf dem schwarzen Rock.
Dazu wurde ein schwarzer Spencer mit rotem Vorstoß getragen, sowie schwarz-rote
Festtagsschuhe und der Schwedenkragen. Auf dem Kopf die weiße Haube und
ein schwarzer, breiter Hut. Insgesamt herrschen nach Brückner in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhundert bei den Frauen Schwarz-Weiß und bei den Mädchen
Weiß-Zinober als Farben vor. Auch das Votivbild aus Diepoldsberg (1686)
zeigt eine Frau mit schwarzem Rock, weißer Schürze, schwarzem Mieder (Spencer,
Schaikl, Kidl), weißem Schwedenkragen, weißer Haube und schwarzem, breiten
Hut.
Für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts sind die Quellen bei uns
rar. Ab 1770 finden sich die Kombinationen: schwarzer Rock, schwarzes Mieder,
zinnober-farbener Kragen (Seeon 1770), blauer Rock mit weißer Schürze,
braunes Mieder, brauner Kragen (Seeon 1774), schwarzer Rock mit schwarzer
Schürze zum hellblauen Mieder mit zinnober-farbenen Kragen (Seeon 1775).
1776 finden wir in Seeon eine Frau ganz in Schwarz, allerdings mit hellblauen
Strümpfen und zinnober-farbenen Kragen. Von guter Wirkung mag auch die
Farbzusammenstellung von 1786 sein: Zinnober (Rock) - Hellblau (Mieder)
- Weiß-Geblümt (Schürze) - Schwarz (Haube) und Gelb (Miedertuch). Die schwarze
Haube als Kopfbedeckung bei den Frauen wird üblich (Seeon, 1774 und 1776).
Bloßes Schwarz kommt oft nur mehr für die Trauer vor. Im Ganzen: Zu dem
alten, im 17. Jahrhundert herrschenden Schwarz-Weiß der Frauen und Weiß-Zinnober
der Mädchen sind jetzt Braun und Blau, aber auch einige neuere Farben gefügt.
Auch eine Votivtafel aus Seeon (1770) zeigt nun bei Mädchen zweimal den
braunen Rock mit weißer Schürze.
Zur Jahrhundertwende 18./19. Jahrhundert (1790-1820): Hazzi
betont - wie bereits bei den Männer gesagt - die Vorliebe beider Geschlechter
für die schwarze oder dunkelbraune Farbe. Lentner schreibt, daß "die Weibertracht
... in älterer Zeit besonders originell und hübsch" gewesen sei.
Die Schuhe sind "Halbschuhe" (Dahn), die "mit Bändern" (Hazzi)
gebunden werden. Lentner kennt an Festtagen "ausgeschnittene Schuhe". Die
"Strümpfe sind von blauer oder weißer Baumwolle" (Hazzi), Dahn kennt
nur "weiße", Lentner wiederum spricht von "blauen" Festtagsstrümpfen. Der
Rock
ist ein "schwarzer, gefalteter Wollrock bis zur halben Wade" (Dahn). Nach
Lentner konnte der "Kittel" auch aus "rotem Damast" sein. Zum Ausgang kennt
er auch "das kurzleibige Röckel". Das "Fürtuch gleicht dem Rock
und hat in der Mitte ein quer aufgenähtes, schwarzes Samtband" (Hazzi).
Dahn dagegen spricht von "weißen, gestalteten Schürzen" und Lentner "von
breitgestreifter oder großgeblumter, rot oder blau und weißer Leinwand"
als Stoff für die Schürzen. Das Brustleibl war "das Brautleibl von
Seide ohne Ärmel und vorne mit Knöpfen geschlossen." (Lentner) "Das weibliche
Geschlecht hat das Mieder und Korsett darüber von feinem
Tuch, am Mieder sind kleine Polster angenäht." (Hazzi) Dahn spricht dagegen
von einem "roten, blaugesäumten, ärmellosen Wollmieder". Lentner kennt
neben dem roten auch das schwarze Mieder, "in welches vorne ein Brustlatz
gesteckt und mit einem Schnürriemen befestigt wurde. Das Mieder war am
Rücken und an den Nähten mit schmalen Borten verziert, am Latze ein Täschlein
zu Uhr und Amulette." Er beschreibt auch das Korsett näher: Es war "von
Seide, blau mit schwarzem Samtvorstoß oder Pfirsichrot über der Brust mit
4 Knöpfen zu schließen und hatte entweder Ellbogenärmel und kleine Schößen
oder auch kurze Ärmel." Über Mieder und Brustleibl wurde ein "seidener
Janker-Ganges"
(Hazzi), anders benannt "ein Schaikl aus geblümtem, aber nicht grellem
Stoff" (Dahn) getragen. Lentner nennt es gar den "Halskittl", "ähnlich
wie dem Goller, nur daß an ihm weite bis zum Ellbogen reichende Ärmel hängen.
Dies leinene Überhemdchen ist am Hals, unten am Rücken und an den Ärmeln
mit Spitzen besetzt, und unter den Schultern mit blauen und roten Bändern
zu binden." Nach Lentner trug man "am Vorderarm" außerdem "Samtstutzeln".
Auch Dahn spricht davon, daß das Schaikl mit "Schoßtaille" und "Handstützeln"
getragen wurde. Das "seidene Halstuch" (Hazzi) wird "vorn geknüpft"
(Dahn). "Überdies zieht sich um den Hals ein seidener
Flor" (Hazzi),
genauer ein "Florband" (Dahn) mit "weißer Schnalle" (Hazzi) bzw. "Silberschnalle"
(Dahn). Lentner kennt neben dem Flor mit Schnalle auch ein "schwarzes,
schwerseidenes Brusttüchel durch einen Ring gesteckt". Die Haare
werden "in 2 Zöpfen" (Hazzi) getragen. "Darüber eine seidene grüne Pelzhaube
mit Otterbrämen oder eine Seidenhaube mit blauem Taffet und breiten
schwarzen Spitzen eingefaßt und ein kleiner runder Hut mit vielen
Bändern." (Hazzi). Dahn spricht von einem "weißen Häubchen", auf dem der
Hut sitzt, "der dem Männerhut entspricht." Lentner wiederum unterscheidet,
daß man "an gewöhnlichen Sonntagen" "als Kopfbedeckung ein schwarzseidenes
Unterhäubchen ohne Boden" trug, "an den Seiten mit breiten Spitzen besetzt,
rückwärts
zusammenzuhaften, darüber eine sehr niedere, nur gegen hinten etwas erhöhte
Pelzhaube mit großem schwarzsammtnen Boden, den ein Kreuz aus Goldbörtchen
verziert. ... An Festtagen war das Hirnhäubl üblich, ein Häubchen ganz
im Schnitte der modernen Stuarthauben aus schwarzem Samt mit schwarzem
Spitzenbesatz, durch dessen offenen Boden der Zopf und durch diesen wieder
eine Silbernadel gesteckt."
Hazzi beschreibt für das Gericht Kling eine eigene Trauerkleidung:
"In mehreren Gegenden dieses Gerichts erhielt sich bis jetzt bei Trauerfeierlichkeiten
der besondere Gebrauch, daß die Weiber kleine wollene schwarze Mänterl,
ein weißes Tüchel an dem Kopf und ein hohes, spitziges Hütchen tragen.
Im Amt Höslwang wird ein weißes Tuch am Kopf unter einer sog. Stockhaube
von Otter- und Marderpelz angemacht, das auch auf die Schultern herabhängt."
Lentner kennt ebenfalls diese Trauerkleidung: "In der Klagtracht war alles
von schwarzer Wolle, um's Kinn der schmale Schleier gezogen und die Pelzhaube
darauf gesetzt oder auch der Stauchen und der Trauerhut. In der Gegend
von Amerang und Söchtenau war diese Tracht etwas vereinfacht, die Schaube
von Wolle, das Röckel oder der Schalk von Tuch, ein großer Flor ohne Schließe
umschlang den Hals, die Schürze von Halbwolle war schwarz mit blauen Bändern
oder umgekehrt; die schwarze hohe Wollhaube ist die ältere Tracht." Dahn
hebt allgemein als Eigenart des Inntales von Rosenheim bis Mühldorf die
Bevorzugung der alten Wolltracht hervor: "Das Mieder mit langem Ärmel von
brauner Wolle, schwarze Wollmütze mit brauner Schleife und sogar die weiß-blau
gescheckte hohe Mütze. die auch hier als `Schwazer Haube' bekannt ist,
alles Trachtenstücke, wie sie die alte Gebirgstracht im Chiemgau und westwärts
vor dem Eindringen der Tiroler Tracht besaß."
Lentner sagt außerdem etwas über die Brautkleidung: Danach erschienen
die Bräute "in schwarzer Seide mit Gürtel und Kranl von grünem Folio und
Perlen."
Auch hier wieder ein Blick auf die Votivtafeln. Nach Brückner gehen
die Bäuerinnen in der Gegend um Seeon 1802 mit der schwarzen Haube mit
Spitzenrand über der weißen Unterhaube zur Kirche. Die Farben von Rock
und Mieder gleichen sich an, entweder schwarz (1790, 1802) oder braun (1799),
dazu einmal eine schwarz-weiße Schürze (1802). Außerdem sieht man entweder
das zinnober-farbene Halstuch (1790) oder Busentuch (1799). Die Diepoldsberger
Votivtafel von 1804 zeigt eine Bäuerin mit schwarzem Rock, wohl rotem Mieder,
blau-geblümter Schürze, schwarzem Schultertuch mit Spitzenrand und Spitzen
an den Ärmeln. 1804 in Seeon wird es ebenfalls bunter: schwarze Schuhe,
weiße Strümpfe, schwarzer Rock mit hellblauer Schürze und braunes Mieder.
Die "Mode" Mitte des 19. Jahrhunderts: Als heutige Frauentracht
sah Lentner Korsetten im Inntaler Schnitt, die Vorderteile über der Brust
mit der Rundung nach oben und meistenteils weiten Ärmeln gewöhnlich von
dunkler oft schwarzer Seide mit Posamentierbesatz, darunter eine Unterjacke
von Pers. Der Rock rotseiden oder dunkler Merino, schwarz-seidene Schürze,
buntes Einstecktüchel, Frauen manchmal den Flor mit Schnalle. Ebenfalls
erst später kam der Bandhut mit weißer Unterhaube: Dieser wird nach Lentner
in Eggstätt, Obing, Oberhöslwang, Amerang, Halfing, Söchtenau, also im
ganzen nördlichen Teil des flachen Chiemgaus getragen. Die weiße wollene
Unterhaube sei eigentlich nichts anderes als eine breitumgeschlagene Schlafmütze,
darüber der Bandhut. Mädchen nehmen nach Lentner statt der Haube oftmals
seidene Kopftücher und den Hut darüber, den sie beim Tanze ablegen. Zur
Jungferntracht gehört außerdem die weiße Schürze, weiße Ärmel und das Kranl.
Die Bräute in Grabenstätt, Amerang, Söchtenau und der Umgegend tragen noch
den Brautgürtel von Zinn. Die Frauen im Gericht Trostberg haben als Festtracht
(noch) die hohe Pelzhaube, für gewöhnlich tragen sie aber bereits das Kopftuch,
meist in schwarzer Farbe. Die Votivtafeln in Seeon zeigen Rock und Mieder
in Rot-Schwarz (1845) oder Schwarz-Schwarz (1855), Braun-Braun (1854, 1859,
1874) bzw. Schwarz-Braun (1874), dazu schwarze (1854), grüne (1859), dunkelblaue
oder rote (1874) Schürzen. Das Halstuch und das Brust- bzw. Miedertuch
(mundartlich auch "Herabtüchl") sind rot (1845, 1874), zinnober-grün (1854),
zinnober (1855) oder gar gelb (1859). Die Schuhe bleiben schwarz. Die Frauen
tragen die schwarze Pelzhaube/-mütze, die Mädchen auch eine Art Riegelhaube
(1854).
C: DER BEGINN DER TRACHTENBEWEGUNG
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts: Wie gesehen bestanden
seit ungefähr 1820 zunehmend die Gebirgstracht und die Volkstracht nebeneinander,
bis schließlich der Merkantilismus, die Industrialisierung und der zunehmende
städtische Einfluß ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch auf dem Land einen
neuen "Trend" setzte. Die bürgerlich-städtische Kleidung begann die Volkstracht
zwar einerseits farbiger zu machen, aber auch mit neuen Kleidungsformen
zu überlagern. Schließlich wurden Gebirgs- und Volkstracht gleichermaßen
zurückgedrängt.
Das Wittelsbacher Königshaus selbst versuchte diesem "Trend" entgegenzuwirken
und "die Erhaltung der Verschiedenen, in den einzelnen Theilen des Königreiches
herkömmlichen Trachten der städtischen, wie insbesondere der ländlichen
Bevölkerung" zu fördern, allerdings nicht nur um der Tracht selbst willen,
sondern "in Berücksichtigung ihrer Zweckdienlichkeit zur Festigung des
Nationalgefühls" (Erlaß von 1853). Immerhin trugen viele Mitglieder des
Königshauses selbst Tracht. Geistliche, Lehrer, Beamte wurden aufgefordert,
mit der Trachtenpflege zu beginnen.
Doch auch diese staatliche Unterstützung konnte die grundsätzliche
Entwicklung nicht verhindern, bis neben anderen der Lehrer Joseph Vogl
sich vornahm, "dem Zeitgeist Schranken zu setzen und gleichzeitig Tracht,
Sitte und Brauchtum der Altvorderen zu pflegen und der Nachwelt zu erhalten".
Sie bedauerten die Verdrängung der von ihnen als "uralt" angesehene kurze
Lederhose. In diesem Sinne gründete 25. August 1883, offiziell am 13. Juli
1884 Vogl gemeinsam mit seinen Gesinnungsgenossen in Bayrischzell einen
"Verein zur Erhaltung der Volkstracht im Leitzachthale" und ließen "echt"
oberbayerische Lederhosen anzufertigen. Es folgten Ende 1883 die Fischbachauer,
1884 die Bad Feilnbacher und die Hohenaschauer. 1890 schlossen sich anläßlich
eines "Central-Festes" am 1. Juni 1890 in Rosenheim die Vereine Rosenheim,
Aschau, Bayrischzell, Egern, Feilnbach, Fischbachau, Hausham, Litzldorf,
Miesbach, Rottach und Wiechs zu einem Gauverband zusammen. 1891 fand das
erste Gauffest in Feilnbach mit 15 Vereinen statt. Heute werden im Gauverband
I in 119 Vereinen mit rund 40000, in den Vereingten Bayerischen Trachtenverbänden,
bei dem der Gauverband I Mitglied ist, sogar in 780 Vereinen mit rund 150000
Mitgliedern Gebirgs- und Volkstrachten gepflegt.
Im nördlichen Chiemgau, das ungefähr dem Gebiet Höfer Anderl sen. bzw.
jetzt jun. entspricht, wurden zunächst die Trachtenverein Truchtlaching
(1901) und Breitbrunn (1906), schließlich Obing (1910) und vor dem I. Weltkrieg
noch Trostberg (1913) gegründet. Die Gründer waren dabei einerseits aus
den Bergen herausgekommene junge Knechte, Arbeiter, und Handwerker, andererseits
aber auch die einheimischen Burschen selbst, die an der "Kurzn" gefallen
gefunden haben. Dabei stand aber den Trachtenvereinen im nördlichen Chiemgau
immer auch der Sinn nach der Pflege der alten Volkstrachten. So haben im
nördlichen Chiemgau die Trachtenvereine Waldhausen, Schnaitsee und Chieming
eigene Alttrachtengruppen. 1895 hat eine Gruppe Obinger Bauern mit einem
Schauwagen einen Preis gewonnen. Dabei sind sie in ihren Alttrachten angetreten.
Das Beispiel der Kain Gretl belegt, daß die hohen Otterhauben auch bei
uns im Ort üblich waren. Und das Foto vom Meistpreis in Chieming belegt,
daß der Trachtenverein Obing bereits 1923 auch an der Erhaltung der Volkstrachten
interessiert war. Ähnliches gilt auch für Albertaich-Frabertsham.
Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es kaum einheitliche Vereinstrachten.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es im Zuge der Trachtenerneuerung zu
einer Vereinheitlichung der Trachten in jedem Verein, mit all den guten
und nicht so guten Wirkungen, die dies hatte.