Aus der Festschrift 1999:
"D'GRÜABINGA"- Ein seltener Vereinsname

Der Obinger Verein trägt von Anfang an den seltenen Namen "D'Grüabinga". Üblich waren eher ortsbezogene Namen (nach Tälern, Bergen oder Seen) oder allgemeine Zusätze (z.B. Immergrün, Edelweiß, Vergißmeinnicht, Enzian, Eichenlaub, Alm(en)-/Alpen-rausch, -grün, -röserl, -blick; Alm- oder Bergfrieden, Stamm).

Wer den Namen "D´Grüabinga" im Trachtenkalender sucht, findet ihn heute außer in Obing nur noch einmal, dafür aber bei einem sehr namhaften Verein, nämlich in Hohenaschau. "D'Griabinga" Hohenaschau ist einer der vier ältesten Trachtenvereine überhaupt, Gründungsmitglied des Gauverbandes I und dann des Chiemgau-Alpenverbandes.

Bis jetzt kennen wir nur vier weitere Vereine, die diesen Namen zeitweise getragen haben: "Alt Rosenheim" (1893 "Stamm II", 1893-1923 "D´Grüabinga", ab 1923 "Alt") und interessanterweise eine Plattler-Gruppe aus Berlin-Charlottenburg (1912-Mitte der fünfziger Jahre: "D´Grüabig´n", dann Auflösung der Gruppe). Der GTEV Berlin-Charlottenburg war einmal Mitglied im Gauverband I, ebenso wie die "Grübinga" Salzburg, die es mit diesem Namen zumindest heute nicht mehr gibt. Auch die "Griabing Alpseer" Immenstadt scheinen diesen Namen heute nicht mehr zu tragen.

Auch der Obinger Verein mußte ihn kurzzeitig ablegen. 1938 wurde von oberste Behörde im Zuge der Gleichschaltung angeordnet, daß der Verein "Seerose" heißen müsse. Nach dem Krieg ging der Verein aber auf den alten Namen zurück.

Die Obinger haben den Namen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit von den Hohenaschauern übernommen. Zwei der Gerham-Kinder, Theodor und Josef Winkler aus Schlaipfering gehörten 1910 zu den Gründungsmitgliedern des Trachtenvereins Obing. Wenige Jahre zuvor hat ihr Bruder Martin im Hohenaschauer Gemeindegebiet einen Hof gekauft und ihre Schwester Maria ging als Dienstmagd mit. Von ihr nun gibt es ein Bild, das vom Obinger Fotografen Ludwig Strobl aufgenommen wurde. Es zeigt sie etwas vor 1910 in der Hohenaschauer Tracht. Der Austausch unter den Geschwistern war sehr rege, wohl auch über die Trachtensache. Wie sonst ist es erklärbar, daß wenig später der Hohenaschauer Vereinsname zum Obinger Vereinsnamen wird?

Der Sprachforscher Johann Andreas Schmeller kennt in seinem "Bayerischen Wörterbuch" (1827-1837, bearbeitet von Georg Karl Frommann, 1872-1877) den Begriff "D'Grüabinga" als Wort für Menschen, die "grüabig" sind, noch nicht. Auch unter "grüabig" bzw. "griabig" selbst finden wir keinen Eintrag, dafür unter "grüebig" gleich zwei Notizen mit zwei sehr unterschiedlichen Bedeutungen: "gruebig, grüebig" und "grüebig, gerüewig". Beide Wörter haben die Vorsilbe "ge" und das eigentliche Adjektiv: "rüebig", das einmal in Richtung "ruerig, riebig", heute also "rührig, bey Kräften, nicht abgelebt", einmal in Richtung "rüewig, rue(b)-ig", also "ruhig, behaglich" aufgelöst wird.

Die unterschiedliche Bedeutung rührt vom Althochdeutschen (ca. 750-1050 n.Chr.) her. In dieser Zeit sind die Grundwörter noch klar unterscheidbar: "ruowên, ruowên" (Ruhe) und "hruora, hruorjan" (Bewegung). Im Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen nähern sich die beiden Wörter zunächst über die Selbstlaute an und bilden dann die gemeinsame Wurzel "r-b" aus. So kann eine Quelle von 1569 über die "unruebige Welt", die unruhige Welt klagen und gleichzeitig eine Anordnung zur Fronleichnamsprozession aus dem Jahre 1580 von "etlichen schönen noch ruebigen alten Paurn", also rüstigen Bauern sprechen.


"Grüabig" zwischen "ruhig" und "rührig

Sehr bald verbinden sich dann auch von der Bedeutung her in ein und demselben Wort "gerüebig" zwei ursprünglich ganz unterschiedliche Wörter. Ein "grüabiga" Mensch ist gleichermaßen "ruhig" und "rührig": Obwohl sich bei ihm etwas rührt, behält er die Ruhe. Er ist kein Gschaftler, aber auch kein stilles Wasser, er ist besonnen und gemütlich, aber auch lustig und lebhaft, einfach "grüabig".

In diesem Sinn habe ich vor ein paar Jahren für unseren Verein ein Gedicht verfasst:

"D'Grüabinga"

Grüabig sei, des is ned ganz einfach zum erklärn:

Es moant ned einfach bloß lusti, gspaßig oder überoin dabei.

Grüabig kon ma a ned so einfach schnell wern.

Grüabig, des muaß so wos wia a Lebensphilosophie sei.

Warm kon da wern, wenn'st mit an Grüabign zsammahockst,

gmüatlich beim Ofabankal durt.

Do han d' Leit stad, do werd ned gmuckst,

denn er erzoit dann Gschichtln in oan furt.

Mit vui Humor und an Schuß Weisheit dabei,

zoagt er de Welt vo da scheena Seit'n.

Und find a grod nix großartigs, is oanalei:

Er kon si a gfrein an de Kloanigkeit'n.

Und mit dera Dummheit sitzt ma oft bis spat in de Nacht.

Es werd gsunga, gspuit und tanzt und vui g'lacht.

Doch der Grüabige woaß a, wann de Zeit zum Aufhern is;

denn ois hod a End, a wenns no so lusti is.

Ma kon eam ned bös sei, wenn er a moi de Wahrheit sogt,

de ma ned hearn wui, weil ma s' grod ned vertrogt.

Er tuats schee verpacka, er is a gscheita Mo,

denn er ist oana, der a über si selba lacha ko.
 
 

Manchmoi do han de Grüabign a ganz stad,

denn ois hod sei Zeit, a da Ernst in dera Welt.

Doch deswegn wern's no ned glei fad,

den fade Leit gibt's scho grod gnua unterm Himmelszelt.

Er tuat ned leicht an wos verzweifeln.

Es werd eam ned so leicht wos z'vui.

Er versucht aus oim des beste z'mache.

Macht manchmoi sogar no a guate Miene zum bösen Gspui.

Und is ma grod ned so guat drauf, aber mit am Grüabign beinand,

dann kriagt des Lebn schnell wieda a freundlichers Gwand.

Denn grüabig sei des steckt bald o,

von am Grüabign a g'wisse Z'friedenheit ma lerna ko.

Und wenn si eppa grüabig nennt,

dann mog des ganz sche wos bedeit'n.

Denn do dazua braucht ma ehrliche Händ,

grüabig sei is ned bloß wos für bestimmte Zeit'n.

Es braucht vui Muat, wenn a Verein si "D'Grüabinga" tuat nenna,

dem Namen Ehr zum macha is ned leicht.

Denn oft tuat ma heit bloß no mit ana Maskn umanandarenna,

schnell werd des G'spui dann glei recht seicht.

Drum wünsch i mia ois der Vorstand von dem Haufa,

daß Grüabigkeit bei uns tuat haltn, wos verspricht,

daß ma ned bloß derb ist, "raffa" tuat und "saufa",

sondern ebm grüabig de Trachtnsach vertritt.

Helmut Zenz

Helmut Zenz